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Prantls Blick:Von der Schwierigkeit, Nachfolger zu sein

Angela Merkel am 10. April 2000 auf dem CDU-Bundesparteitag in Essen.

Angela Merkel am 10.04.2000 auf dem CDU-Parteitag in Essen.

(Foto: Martin Athenstädt/dpa; Bearbeitung SZ)

Die Parteichefs unmittelbar nach Adenauer und Kohl hatten kein Glück. Sie standen nur kurz an der Spitze der CDU. Was bedeutet das für die Merkel-Nachfolge?

Jeden Sonntag beschäftigt sich Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion und Ressortleiter Meinung der SZ, mit einem Thema, das in der kommenden Woche - und manchmal auch darüber hinaus - relevant ist. Hier können Sie "Prantls Blick" auch als wöchentlichen Newsletter bestellen - exklusiv mit seinen persönlichen Leseempfehlungen.

Am kommenden Freitag, endlich: Auf dem CDU-Parteitag in Hamburg wird der neue oder die neue Vorsitzende der CDU gewählt, der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Angela Merkel. Nur sieben Vorsitzende hatte die CDU bisher in siebzig Jahren - am kommenden Freitag wählt die CDU den achten. Die SPD hat da der CDU viel voraus: Sie hatte 18 Vorsitzende in siebzig Jahren; auf einen CDU-Chef kommen also statistisch zweieinhalb SPD-Chefs.

Auf Siebenmeilenstiefeln durch die CDU-Geschichte

Dieser Text unternimmt den Versuch, auf Siebenmeilenstiefeln durch sieben Jahrzehnte Bundesrepublik zu laufen - und bei jedem CDU-Parteitag kurz anzuhalten, auf dem ein neuer CDU-Vorsitzender gewählt wurde.

Station eins: 1950, CDU-Parteitag in Goslar, gewählt wird Konrad Adenauer. Station 2: 1966, CDU-Parteitag in Bonn, gewählt wird Ludwig Erhard. Station 3: 1967: CDU-Parteitag in Braunschweig, gewählt wird Kurt Georg Kiesinger. Station 4: 1971, CDU-Parteitag in Saarbrücken, gewählt wird Rainer Barzel. Station 5: 1973, CDU-Parteitag in Bonn, gewählt wird Helmut Kohl. Station 6: 1998, CDU-Parteitag in Bonn, gewählt wird Wolfgang Schäuble. Station 7: 2000, CDU-Parteitag in Essen, gewählt wird Angela Merkel.

Fixsterne und Sternschnuppen

Es sind Namen darunter, die für Fixsterne gehalten wurden, aber dann schnell verglühten. Und es sind Namen darunter, die für Sternschnuppen gehalten wurden, aber Fixsterne wurden. Drei Fixsterne hat die CDU: Adenauer, Kohl und Merkel. Bisher war es so, dass jedem Nachfolger eines Großen nur eine sehr kurze Zeit beschieden war: Ludwig Erhard, der Mann nach Adenauer, führte die CDU nur ein gutes Jahr. Wolfgang Schäuble, der Mann nach Kohl, führte sie nur eineinhalb Jahre. Das ist ein Menetekel für den Nachfolger oder die Nachfolgerin von Merkel.

Konrad Adenauers Wahl, 1950 in Goslar: Gewählt wurde Adenauer mit 302 von 335 Stimmen und nach seiner Wahl sagte er einen Satz, den man Jahrzehnte später von Angela Merkel wieder hörte: "Sie kennen mich." Adenauer machte es freilich noch ein wenig ausführlicher als später Merkel im Wahlkampf von 2013: "Ich kenne Sie und Sie kennen mich, das wird die beste Grundlage für eine Zusammenarbeit sein."

Große Überraschungen waren dementsprechend nicht zu erwarten; und so wurde seinerzeit den Delegierten in Goslar eine neue Parteisatzung vorgelegt, auf deren gedrucktem Titelblatt schon mitgeteilt wurde, dass der erste Vorsitzende der Partei "Herr Bundeskanzler Dr. Adenauer" sei - und dies, noch bevor der Parteitag ihn gewählt hatte. Der Parteitag damals war noch ein "gesamtdeutscher Parteitag", und er war nach Goslar einberufen worden, um, wie es hieß, "der Zonengrenze nahe zu sein". Auf diesem Parteitag wurden auch noch für die Gebiete östlich von Oder und Neiße CDU-Vertreter bestellt, fünf an der Zahl.

Mit Bayern und der CSU hatte die CDU schon damals ihre Schwierigkeiten. Bayern, so hieß es dazu auf Seite Drei der SZ, "glänzt durch Abwesenheit. Zwar flattern weißblaue Fahnen und gutmütige Reden kreisen um dieses kaum verstandene und dennoch viel umworbene Land. Niemand begreift, warum die CSU bei diesem Aufbruch gesamtdeutscher Politik in der CDU nicht dabei sein will." (Zu Adenauer siehe SZ vom 18. April 2017: "Entweder Europa - oder der Untergang")

Ludwig Erhards Wahl, 1966 in Bonn: Er bekam 413 Stimmen, 80 Delegierte stimmten gegen ihn, 56 enthielten sich der Stimme - ein sehr mittelmäßiges Abstimmungsergebnis. Das "Ich nehme die Wahl an" brummelte er missmutig vor sich hin. Hans Ulrich Kempski, der Chefreporter der SZ, beschrieb das so: "Er sagte es so kleinlaut wie ein Feldherr, der seiner Kapitulation zustimmt. ... Er steht da wie ein überforderter Mann, der sich redlich, aber erfolglos mit Deutschlands vertrackten Problemen abmüht, von denen auch andere redliche Menschen nicht wissen, wie sie zum guten Ende zu bringen wären." Die Delegierten hatten einen Parteichef gewählt, von dessen Führungsqualitäten nur wenige überzeugt waren. Und Adenauer, der Alte, trumpfte noch einmal groß auf - er war damals 91 Jahre alt und ein Jahr vor seinem Tod. Er verwirrte in einem großen Auftritt die Partei mit der Feststellung, die Sowjetunion sei in die Reihe jener Völker eingetreten, die den Frieden wollen. Er wurde nicht müde, den Delegierten einzuhämmern, dass die Deutschland seitens der Sowjetunion zugefügten Härten Vergeltung sind: "Vergeltung für harte Wunden, die den Russen unter Hitler geschlagen wurden".

Kurt Georg Kiesingers Wahl, 1967 in Braunschweig: Er erhielt 423 von 449 Stimmen und wurde euphorisch gefeiert als die neue Wahllokomotive. Er war so unumstritten, dass er schon vor der Wahl wie selbstverständlich im Zentrum des Vorstandstisches saß, wie auf einem seit Langem angestammten Platz. "Gelangweilt gähnend", so beobachtete der SZ-Reporter, betrachtete er das Parteivolk. Kiesinger, "König Silberzunge" genannt, damals auch Kanzler der ersten großen Koalition mit der SPD, galt als großer Redner. Doch die einzige Rede, über die sich Gedanken zu machen lohnte, hielt nach dem Urteil des SZ-Reporters der Unions-Fraktionschef Rainer Barzel: "Loyal gegenüber dem Partner in der großen Koalition, doch durchaus kritisch gegenüber den Unzulänglichkeiten in den eigenen Reihen".

Rainer Barzels Wahl, 1971 in Saarbrücken: Zum ersten Mal in der Geschichte der CDU und aller anderen Parteien in der Bundesrepublik standen zwei Kandidaten für den Parteivorsitz zur Verfügung - Rainer Barzel und Helmut Kohl. Barzel erzielt 66 Prozent der Stimmen. Für ihn stimmten 344 von 521 Delegierten, für Kohl nur 174 (zu Rainer Barzel siehe den Nachruf in der SZ vom 26. 8. 2008 "Der Mann, der fast Bundeskanzler war"). Kohl hatte die Kandidaten-Debatte eröffnen dürfen, er war den Delegierten aber als ein blutarmer Held erschienen. Man wartete vergeblich auf ein Wort, das geeignet gewesen wäre, dem Duell eine neue Wendung zu geben. Von einem "wohlpräparierten Rededuell" schrieb der SZ-Kommentator: "auf der einen Seite der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kohl, sich mit treuherziger Routine als Mensch und nur als Mensch vorstellend, auf der anderen der Fraktionsvorsitzende Barzel, das supersachliche Elektronengehirn hervorkehrend." Knapp zwei Jahre später war schon alles anders.

Helmut Kohls Wahl, 1973 in Bonn: Er erhielt 520 von 600 Stimmen und forderte "eine Wende in der Politik" - in der damals Bundeskanzler Willy Brandt den Ton angab. Kohls Antrittsrede riss die Delegierten nicht von den Stühlen, sein Stellvertreter Stoltenberg erhielt sehr viel mehr Stimmen als der neue Chef, und der Fraktionschef Carstens sehr viel mehr Beifall. Der scheidende Parteichef Barzel mahnte die Union, sich stets bewusst zu sein, dass man sich mit den anderen Parteien im Wettbewerb um die politische Mitte befinde. Der hessische Landesvorsitzende Alfred Dregger zeigte, was er sich unter der von Kohl geforderten Wende vorstellte: Er warnte die CDU davor, die SPD links zu überholen. Links von der SPD, so meinte er, stehe nicht einmal mehr die DKP: "Da gibt es nur die Wand - und was sollen wir da?" Bei den Delegierten herrschte Zweifel, ob mit dem neuen Vorsitzenden Kohl der Durchbruch für die Partei geschafft sei. "Ob Kohl zusammen mit seinem Generalsekretär Biedenkopf imstand ist, die einigende Führungsfigur zu sein?", fragte der SZ-Leitartikler. (Zu Helmut Kohl siehe SZ-Magazin vom 12. März 2010, Laudatio zum 80. Geburtstag)

Wolfgang Schäubles Wahl, 1998 in Bonn: Neun Jahre hatte Kohl die Partei durch die Opposition geführt, 16 Jahre lang hatte er in Personalunion die CDU und die Bundesrepublik regiert. Er unterlag 1998 dem Sozialdemokraten Gerhard Schröder. Schäuble, lange Adlatus von Kohl, gewann neunzig Prozent der Delegiertenstimmen. Der SZ-Leitartikler war mit Schäubles Antrittsrede nicht zufrieden: "Während sich der Alte, wie es ihm zustand, mit einer rückblickenden Rede verabschiedete, hielt der Neue ein Ansprache, die beunruhigend bekannt klang. Sie war zu lang; sie war zu kopflastig, um zu begeistern. Sie widmete den Ursachen der Niederlage ganze drei Absätze. Es wäre eine interessante Rede für eine Nummer Zwei gewesen. Doch ist Wolfgang Schäuble jetzt Nummer Eins." (zu Wolfgang Schäuble siehe SZ-Magazin vom 6. Februar 2004)

Angela Merkels Wahl, 2000 in Essen: Sie schwamm in ihr Amt auf einer gewaltigen Welle der Sympathie. Alfred Dregger, damals der letzte Repräsentant des ganz rechten Parteiflügels, hatte Tränen in den Augen: "Mit der Wahl von Angela Merkel vollendet die CDU die deutsche Einheit", erklärte der Erzkonservative. Aber auch Heiner Geißler freute sich: "Endlich eine Parteispitze, wie ich sie mir immer gewünscht habe." Die Partei schwanke, so hieß es in den Kommentaren, zwischen Tradition und Moderne. Und die Verlegenheitskandidatin Merkel habe bereits im Krisenmanagement beschrieben, dass sie mehr könne, als die alten Herren im Vorstand ihr zugetraut hätten ...

Das ist nun bald 19 Jahre her. Adenauer, Kohl, Merkel: Bisher war es so, dass jedem Nachfolger der drei Großen nur eine sehr kurze Zeit beschieden war: Ludwig Erhard, der Mann nach Adenauer, führte die CDU nur ein gutes Jahr. Wolfgang Schäuble, der Mann nach Kohl, führte sie nur eineinhalb Jahre. Das ist ein Menetekel für den Nachfolger oder die Nachfolgerin von Merkel.

Am kommenden Freitag wird er oder sie gewählt. Danach ist - die CDU-Historie zeigt es - der Kampf noch nicht vorbei; dann beginnt er erst richtig.

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