Präsidentschaftswahl in Frankreich Wie Sarkozy in die Schlacht zieht

Jetzt ist es offiziell: Frankreichs Präsident Sarkozy gibt seine Kandidatur bekannt. Doch bei seinem Kampf um die Wiederwahl hat er es schwerer als einst de Gaulle, Mitterrand und Chirac. Noch nie lag ein Präsident vor der Wahl in der Gunst der Franzosen so weit zurück. Sarkozy wird versuchen, an seinen erfolgreichen Wahlkampf 2007 anzuknüpfen. Seine Helfer hat er bereits gewählt.

Von Stefan Ulrich, Paris

Es ist eine Metamorphose, die die Republik fasziniert. Der Präsident, diese Verkörperung von Macht und Willen der Nation, streift die Aura seines Amtes ab und stürzt sich wie ein gemeiner Politiker in den Wahlkampf. Jeder Staatschef inszenierte diesen delikaten Augenblick auf seine Weise. Charles de Gaulle sagte 1965 bei einer Ansprache: "Ich sehe mich in der Pflicht, bereit zu sein, mit meiner Arbeit fortzufahren." François Mitterrand antwortete 1988 auf die Frage einer Fernsehreporterin, ob er antrete, mit einem schlichten "oui". Der volkstümliche Chirac wählte einen Auftritt draußen im Land, in Avignon, um zu verkünden: "Ja, ich bin Kandidat."

Nun war Nicolas Sarkozy an der Reihe. Auch er entschied sich am Mittwochabend im größten Privatsender TF1 für ein einfaches: "Ja, ich bin Kandidat bei der Präsidentschaftswahl." Vor einem Bildschirm, der das nächtliche Paris samt Seine und Eiffel-Turm zeigte, verglich er sich mit einem Kapitän, der in stürmischer See am Steuer seines Schiffes ausharre. Schließlich ist Frankreich nicht die Costa Concordia.

Das sagte Sarkozy zwar nicht so, aber es schwang mit. Dann erklärte er, die Welt ändere sich dramatisch. Frankreich habe alle Trümpfe, um auch in Zukunft zu bestehen, doch es müsse sie ausspielen - und dafür brauche es ihn als Präsidenten. Die oppositionellen Sozialisten werden ihn nun fragen, warum er all diese Trümpfe nicht bereits in seinen fünf Regierungsjahren auf den Tisch gelegt hat.

Wenn die Franzosen ihr Sozialmodell und ihre Lebensart bewahren wollten, so müssten sie sich ändern, forderte der Präsident. Als Beispiel nannte er den Umgang mit den Arbeitslosen. Wer keinen Job finde, müsse sich fortbilden. Um das durchzusetzen, will Sarkozy einen Volksentscheid abhalten. Auch in anderen Fragen möchte er sich künftig direkt "au peuple" wenden. Auch hier wird er sich vorhalten lassen müssen, warum er das in der Vergangenheit nie getan hat.

Sarkozy gab sich erleichtert, jetzt dem strengen Protokoll des Präsidenten zu entkommen und den Franzosen als Wahlkämpfer unverstellt begegnen zu können. Auch seine Herausforderer sind froh, dass dieser Moment gekommen ist. Sie kritisieren, Sarkozy mime seit Monaten nur noch den Präsidenten und betreibe heimlich längst Wahlkampf.

Kaum Begeisterung der Bürger für die Rolle "Kapitän im Sturm"

Sarkozy hat es schwerer als de Gaulle, Mitterrand und Chirac, die alle ihr Amt verteidigen konnten. Noch nie lag ein Präsident in der Gunst der Franzosen vor der Wahl so weit zurück. Den Erhebungen zufolge wird der 57 Jahre alte Gaullist zwar die Stichwahl am 6. Mai erreichen, dort aber mit 42 zu 58 Prozent gegen den Sozialisten François Hollande verlieren. Dieser gewaltige Abstand bleibt seit Monaten konstant, obwohl sich der Präsident als Euro-Retter an der Seite Angela Merkels inszenierte.

Die Bürger scheinen sich für seine Rolle als "Kapitän im Sturm" kaum zu begeistern. Daher dürfte Sarkozy nun versuchen, an seinen erfolgreichen Wahlkampf 2007 anzuknüpfen. Damals gab er sich als liberaler Reformer, der die Republik fit für die Globalisierung mache. In seinen fünf Jahren im Élysée hat er dann viele enttäuscht. Die Arbeiter wie die Unternehmer. Weder gelang es ihm, die Kaufkraft zu stärken und Jobs zu schaffen, noch, die Steuern nachhaltig zu senken oder die Betriebe von Bürokratie zu entlasten. Natürlich kann der Präsident auf die Wirtschaftskrise verweisen, für die er nichts könne. Für viele Bürger hat die Krise jedoch ein Gesicht: Sarkozy.

Der Kandidat der konservativen UMP dürfte darauf setzen, mit einem Mix aus alten Liberalisierungs-Versprechen und konservativen Werten von Misserfolgen abzulenken. Getreue prophezeien, er werde unzählige Vorschläge auf Frankreich hereinprasseln lassen, um Hollande in die Defensive zu zwingen. Sarkozy appellierte jüngst an Parteifreunde: "Igelt Euch nicht in einer Festung ein. Die Welt ist nicht nur mit Dreckskerlen bevölkert, die uns verabscheuen."

Das Wahlkampf-Team steht

Seine Offiziere hat General Sarkozy schon ausgewählt. Kampagnen-Sprecherin wird Nathalie Kosciusko-Morizet. Die 38 Jahre alte Umweltministerin gehört zu den wenigen weiblichen Hoffnungsträgern der UMP. Mit ihren liberalen Ansichten und selbstbewussten Auftritten steht sie für eine junge, großstädtische Wählerschaft. Stärker aus dem Hintergrund wird die 43 Jahre alte Emmanuelle Mignon wirken. Die Absolventin der Elitehochschule Ena gilt als Wirtschaftsliberale. Sie wird - wie 2007 - Sarkozy mit Ideen versorgen. Den Wahlkampf organisieren soll Guillaume Lambert, der Kabinettschef im Élysée-Palast.

Sie alle werden viel zu tun bekommen. Sarkozy hat angekündigt, eine Kampagne ohne Pause zu führen. Er will an diesem Donnerstag in Annecy damit beginnen und am Sonntag eine erste Massenveranstaltung in Marseille abhalten. UMP-Generalsekretär Jean-François Copé ruft zur "Generalmobilmachung" des konservativen Lagers auf. Die Schlacht um den Élysée hat begonnen.

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