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Polnisch-sowjetischer Krieg:Piłsudskis kurzer Traum

Jozef Pilsudski, 1925

Jozef Pilsudski (1867-1935), polnischer Politiker und Marschall.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Der Historiker Stephan Lehnstaedt beschreibt den militärischen Großkonflikt im Anschluss an den Ersten Weltkrieg.
  • Der neue Staat Polen behauptete sich - Verlierer waren vor allem Ukrainer und Weißrussen.

Rezension von Cord Aschenbrenner

Im August 1919 trug sich östlich von Warschau das "Wunder an der Weichsel" zu. Gemeint ist der knappe, im Westen fast vergessene Sieg der polnischen Truppen unter ihrem Oberbefehlshaber Józef Piłsudski über die Rote Armee, die in den Wochen zuvor die Polen Hunderte von Kilometern vor sich her nach Westen getrieben hatte.

Vorher waren die polnischen Einheiten nach Osten vorgestoßen. Polnische Soldaten besetzten Kiew und Lemberg, Minsk in Weißrussland und Wilna, das auch Litauen und Weißrussland für sich beanspruchten.

Piłsudski, einst sozialistischer Revolutionär, nun gleichzeitig Staatsoberhaupt und oberster Militär, schwebte ein erneuertes Großpolen vor - so groß wie die polnisch-litauische Adelsrepublik, die bis 1795 bestanden hatte.

Nach dem Ersten Weltkrieg waren im Westen des ehemaligen Zarenreiches sieben neue Staaten entstanden: Finnland, Estland, Lettland, Litauen, Weißrussland, die Ukraine und Polen. Frieden herrschte hier in den Jahren 1919/20 fast nirgends, die ehemaligen Untertanen dreier Kaiser kämpften untereinander und gegeneinander um Grenzen und Einfluss.

Stephan Lehnstaedt: Der vergessene Sieg. Der Polnisch-Sowjetische Krieg 1919-1921 und die Entstehung des modernen Osteuropa. Verlag C.H.Beck, München 2019. 217 Seiten, 14,95 Euro. E-Book: 11,99 Euro.

Leidtragende der exzessiv um sich greifenden Gewalt war die Bevölkerung, besonders die Juden; sie galten als Volksverräter und Kommunistenfreunde. Und fast überall mussten sich die neuen Staaten gegen die andrängenden Bolschewiki wehren. Für diese war dieser Krieg ein Teil des Bürgerkriegs, den sie seit der Oktoberrevolution austrugen, und in dem es um die Macht ging.

Der Historiker Stephan Lehnstaedt behandelt in seinem schmalen, lehrreichen Buch einerseits den militärischen Hauptkonflikt jener Jahre: Polen gegen Russland, die beiden stärksten Mächte im sich neu formierenden Osteuropa, jeweils auf der Suche nach einer Ost- bzw. Westgrenze.

Unzutreffender Mythos

Sein Hauptaugenmerk richtet Lehnstaedt aber auf die Ambitionen Polens und der Ukraine, nicht wie in Deutschland üblich auf Russland.

Für Piłsudski ging es um Polens Macht und Größe gegen die Ansprüche Russlands, wie Lehnstaedt betont, und nicht darum, den Bolschewismus aufzuhalten, wie ein wohlgepflegter polnischer Mythos es will: Polen, der Retter des christlichen Abendlandes gegen den gottlosen Kommunismus.

Aus Piłsudskis Großpolen-Traum wurde nichts, immerhin aber hatte der neue Staat im Friedensvertrag von Riga 1921 Bestand, weit über die 1919 nach dem britischen Außenminister Curzon benannte Demarkationslinie zu Russland hinaus.

Verlierer waren die Ukrainer genau wie die Weißrussen, deren Länder Sowjetrepubliken wurden. Immerhin fand Ostmitteleuropa bis 1939 einen fragilen Frieden. Die Wurzeln heutiger Animositäten und Ängste dort reichen bis in diese Zeit, das wird in Lehnstaedts sehr empfehlenswertem Buch deutlich.

© SZ vom 07.01.2020/odg
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