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Pinochet-Putsch vor 40 Jahren:Bilder einer wankenden Diktatur

Zum Glück hatte er Helfer, die das verhinderten, viele davon aus Deutschland. Ein evangelischer Geistlicher half ihm bei der Flucht nach Argentinien, eine Gruppe deutscher Professoren stattete ihn mit einem Stipendium für die Freie Universität Berlin aus. Giribas ging nach Berlin, wo er seitdem lebt.

Das Fotografieren begann bei ihm als Hobby. Eines seiner ersten Bilder zeigt drei Soldaten, die ihn nach dem Putsch aufsuchten - Giribas dachte, sie kämen, um ihn zu verhaften. Tatsächlich kamen sie, um fotografiert zu werden. Drei Bauernburschen vom Land, die gar nicht wussten, warum man sie auf Patrouille geschickt hatte. Die Steifheit ihrer Gestik spricht für ihre Unbeholfenheit, ihre innere Unsicherheit. "Sie waren ebenfalls Opfer der Diktatur", sagt Giribás. Die Porträts waren seine ersten, wenn auch unfreiwilligen journalistischen Bilder.

Giribás begann erst im Berliner Exil beruflich als Fotograf zu arbeiten, was lag auch näher für einen journalistisch interessierten Menschen, der noch mit der deutschen Sprache kämpfte? Es war ein langer Weg, von seiner Zeit als Laborant in der Fotoindustrie bis zum erfolgreichen Reportagefotografen, der für die SZ, für Spiegel, für Bloomberg und viele andere Medien gearbeitet hat. Reportagereisen haben ihn nach Afghanistan, den Nahen Osten, in die USA geführt. Nur um seine Heimat Chile machte er lange einen Bogen.

Mörder in Operettenuniformen

Das hatte anfangs politische Gründe. José Giribás musste als Flüchtling in Deutschland fürchten, bei einem Aufenthalt in Chile im Kerker zu landen. Erst 1986 kehrte er für eine Reise nach Chile zurück, auf sehr abenteuerlichen Wegen. Giribás schloss sich einem Kreis junger Fotografen an, die es wagten, den Alltag in der Diktatur zu dokumentieren. Die Kontrolle war nicht mehr so absolut, im Inneren wankte die Diktatur bereits.

1988, kurz vor dem Plebiszit, das Pinochet stürzen sollte, war Griribas wieder in Chile: Ihm gelang die Aufnahme von acht Mördern in Operettenuniformen - die Junta bei der Bekanntgabe des Plebiszits. Die Offiziere in ihrer Steifheit und Selbstzufriedenheit ahnten nicht, dass das Volk sich bald mehrheitlich gegen sie entscheiden würde.

Womöglich hätten sie die Volksabstimmung dann nie zugelassen. Aber sie fühlten sich sicher. Giribás dokumentierte auch den Protest auf der Straße, moderne junge Menschen in der Kleidung der Zeit, die die Junta im Kontrast wie ein Überbleibsel des 19. Jahrhunderts aussehen lässt, was sie ideologisch ja auch war.

Jose Giribas; Der Fotograf José Giribàs heute

Kein Zurück: Auch wenn Chile heute keine Militärdiktatur mehr ist, möchte José Giribás dort nicht mehr leben. Der 65-jährige Fotograf lebt seit vielen Jahren in Berlin.

(Foto: Aris Papadopoulos)

Am 5. Oktober 1988 stimmten bei der Volksabstimmung fast 56 Prozent der Wähler gegen eine weitere achtjährige Amtszeit Pinochets. Die Regierung beugte sich dem Votum: Am 14. Dezember 1989 fanden freie Präsidentschaftswahlen in Chile statt. Das knappe Ergebnis der Volksabstimmung zeigt, wie es um das Land bestellt war: Es war nach wie vor eine zerrissene Gesellschaft, gespalten zwischen denen, die unter der Diktatur gelitten hatten, und denen, die von ihr profitierten.

Inzwischen ist Chile stabil demokratisch regiert, aber José Giribás hat es nicht mehr in seine Heimat zurückgezogen. Er werde dort krank, sagt er. Was ihn krank machte, sei der Kompromiss zwischen Tätern und Opfern, die fehlende Aufarbeitung, und dass Folterer und Mörder noch immer unbehelligt durch die Straßen liefen.

Zwar hat eine engagierte Justiz Prozesse angestrengt, und es wurden zahlreiche Handlanger der Diktatur abgeurteilt. Aber die Vergangenheitsbewältigung bleibt ein sehr schwieriger und langwieriger Prozess in einem Land, das sich selbst von seiner Diktatur befreit hat und wo Täter und Opfer in irgendeiner Weise miteinander auszukommen versuchen. So jedenfalls verlangt es der nationale Konsens, zu dem Chile sich entschlossen hat. José Giribás sagt, es ist diese Kompromissbereitschaft, die er nicht ertragen könne.

Pinochet-Putsch vor 40 Jahren

Bilder einer wankenden Diktatur

Chile als Experimentierfeld

Welche Ausmaße das annimmt, kann man am momentanen Präsidentschaftswahlkampf ablesen. Es treten zwei Frauen gegeneinander an, die Jugendfreundinnen waren und deren politische Geschichte nicht gegensätzlicher sein könnte: Michelle Bachelet für die Linken und Evelyn Matthei für die Rechten.

Beide sind Generalstöchter. Die Familien waren eng befreundet - bis zum Putsch 1973. Da erklärte sich der Vater Michelle Bachelets, Alberto Bachelet, für loyal mit der Regierung Allende, sein alter Freunde Fernando Matthei ließ sich von der Diktatur vereinnahmen. Alberto Bachelet wurde verhaftet und misshandelt - in der Militärakademie, der sein Freund Matthei vorstand. Alberto Bachelet starb an den Folgen der Misshandlung, Matthei machte Karriere in der Diktatur. Fernando Matthei behauptet heute, er habe von den Folterungen und Morden nichts gewusst. Michelle Bachelet sagt noch immer "Onkel" zu ihm.

Wie präsent die Diktatur in Chile ist, kann man auch am Wirtschaftssystem ablesen. Das Land war in den 1980er Jahren Experimentierfeld für US-amerikanische Wirtschaftsstrategen, die ein ultraliberales System durchsetzten und keine Proteste dabei fürchten mussten, schließlich handelten sie ja im Auftrag der Diktatur.

So wurde Chile zum Ausprobierfeld für ein System, das als Neoliberalismus bekannt ist und inzwischen nicht nur Chile, sondern die Welt regiert. Der chilenische 11. September hat mehr mit dem Zustand der globalisierten Gesellschaft zu tun als die meisten denken.

Die Ausstellung "Chile - Bilder einer Diktatur" mit Fotografien von José Giribás ist bis 18. Oktober im Foyer des Süddeutschen Verlages, Hultschiner Str. 8, 81677 München zu sehen. Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.