Süddeutsche Zeitung

Pinochet-Putsch vor 40 Jahren:Chiles Trauma des 11. September

Am 11. September 1973 putschte sich das Militär in Chile an die Macht und unterwarf das Land 17 Jahre lang einer blutigen Diktatur. Der Fotograf José Giribás hat Anfang und Ende des neokapitalistischen Experiments dokumentiert.

Der 11. September gilt heute weltweit als Datum des großen Traumas der USA, es war der Tag, nach dem der Krieg gegen den Terror ausgerufen wurde, der das Leben in der westlichen Welt bis in die Warteschlange am Flughafen und den täglichen Facebook-Eintrag prägt. Die größte Macht der Welt erhebt seit zwölf Jahren Anspruch auf diesen Tag. Der 11. September ist seit 2001 ein durch und durch nordamerikanischer Tag. Für Chilenen ist das doppelt schmerzlich. Chile gedenkt an diesem Tag eines anderen, länger zurückliegenden, für die Nation aber nicht minder traumatischen Ereignisses als es 9/11 für die USA war.

Am 11. September 1973 stürzte in Chile die Demokratie. Kampfflugzeuge bombardierten den Präsidentenpalast, ein Militärputsch setzte der demokratisch gewählten Links-Regierung von Salvador Allende ein jähes Ende. Der Präsident kam in den Kämpfen um. Es folgten 17 Jahre Diktatur.

Unter General Augusto Pinochet wurden Tausende Regimegegner und -gegnerinnen mit grausamer Systematik gefoltert, ermordet, oder sie verschwanden unter ungeklärten Umständen. Daran denkt Chile an jedem 11. September, daran denken vor allem die, die überlebt haben. Eine große Zahl von chilenischen Intellektuellen, Politikern, Gewerkschaftern, Dichtern und Studenten flüchtete damals vor der Verfolgung, nicht wenige von ihnen in beide Teile Deutschlands. Dazu gehörte die spätere Präsidentin Michelle Bachelet, die mit ihrer Mutter in Ostberlin Aufnahme fand, nachdem ihr Vater in den Folterkellern des Pinochet-Regimes gestorben war.

Dazu gehörte auch der Fotograf José Giribás, dessen Chile-Bilder im Foyer des SZ-Hochhauses zu sehen sind.

Putsch mit der CIA im Rücken

José Giribás, Jahrgang 1948, war am 11. September 1973 noch kein professioneller Fotograf. Er arbeitete in einer Getränkefabrik in Santiago, um Geld für seine Familie zu verdienen. Die Arbeiter waren damals stark in Chile. In der Allende-Zeit waren die Gewerkschaften manchmal fast erschrocken über ihre neu gewonnene Macht. Chile war polarisiert zwischen den Besitzenden und den Arbeitern, die zum ersten Mal wirklich maßgeblich an den Geschicken des Landes mitwirken konnten.

Giribás war in einer Gruppe aktiv, die sogar noch links von Allende stand, wie er sagt. Anders als Allende machte er sich allerdings keine Illusionen, dass es angesichts der widerstreitenden Kräfte im Land eine realistische Chance für gesellschaftliche Verständigung geben könne. Allende war naiv, sagt Giribás heute.

Zur inneren Polarisierung kam der Einfluss von außen. Die USA fürchteten, am Südende Südamerikas könne eine Art neues Kuba entstehen, die CIA war eine der treibenden Kräfte bei dem Putsch des Militärs gegen Allende. Genehme Leute an die Regierung aufrührerischer Staaten zu bringen, ist eine Konstante amerikanischer Politik, die den Kalten Krieg genauso gekennzeichnet hat wie heute den Krieg gegen den Terror.

José Giribás verschanzte sich mit einigen Genossen in der Fabrik; als die Nachricht vom Tod Allendes kam, hängten sie eine schwarze Fahne aus dem Fenster. Er sagt: "Wir hatten keine Waffen, dafür umso mehr Angst." Nach dieser Aktion war klar, dass Giribás zu denen gehörte, die allergrößte Gefahr liefen, in den Folterkellern der Diktatur zu verschwinden, so wie es einem Kollegen widerfuhr.

Bilder einer wankenden Diktatur

Zum Glück hatte er Helfer, die das verhinderten, viele davon aus Deutschland. Ein evangelischer Geistlicher half ihm bei der Flucht nach Argentinien, eine Gruppe deutscher Professoren stattete ihn mit einem Stipendium für die Freie Universität Berlin aus. Giribas ging nach Berlin, wo er seitdem lebt.

Das Fotografieren begann bei ihm als Hobby. Eines seiner ersten Bilder zeigt drei Soldaten, die ihn nach dem Putsch aufsuchten - Giribas dachte, sie kämen, um ihn zu verhaften. Tatsächlich kamen sie, um fotografiert zu werden. Drei Bauernburschen vom Land, die gar nicht wussten, warum man sie auf Patrouille geschickt hatte. Die Steifheit ihrer Gestik spricht für ihre Unbeholfenheit, ihre innere Unsicherheit. "Sie waren ebenfalls Opfer der Diktatur", sagt Giribás. Die Porträts waren seine ersten, wenn auch unfreiwilligen journalistischen Bilder.

Giribás begann erst im Berliner Exil beruflich als Fotograf zu arbeiten, was lag auch näher für einen journalistisch interessierten Menschen, der noch mit der deutschen Sprache kämpfte? Es war ein langer Weg, von seiner Zeit als Laborant in der Fotoindustrie bis zum erfolgreichen Reportagefotografen, der für die SZ, für Spiegel, für Bloomberg und viele andere Medien gearbeitet hat. Reportagereisen haben ihn nach Afghanistan, den Nahen Osten, in die USA geführt. Nur um seine Heimat Chile machte er lange einen Bogen.

Mörder in Operettenuniformen

Das hatte anfangs politische Gründe. José Giribás musste als Flüchtling in Deutschland fürchten, bei einem Aufenthalt in Chile im Kerker zu landen. Erst 1986 kehrte er für eine Reise nach Chile zurück, auf sehr abenteuerlichen Wegen. Giribás schloss sich einem Kreis junger Fotografen an, die es wagten, den Alltag in der Diktatur zu dokumentieren. Die Kontrolle war nicht mehr so absolut, im Inneren wankte die Diktatur bereits.

1988, kurz vor dem Plebiszit, das Pinochet stürzen sollte, war Griribas wieder in Chile: Ihm gelang die Aufnahme von acht Mördern in Operettenuniformen - die Junta bei der Bekanntgabe des Plebiszits. Die Offiziere in ihrer Steifheit und Selbstzufriedenheit ahnten nicht, dass das Volk sich bald mehrheitlich gegen sie entscheiden würde.

Womöglich hätten sie die Volksabstimmung dann nie zugelassen. Aber sie fühlten sich sicher. Giribás dokumentierte auch den Protest auf der Straße, moderne junge Menschen in der Kleidung der Zeit, die die Junta im Kontrast wie ein Überbleibsel des 19. Jahrhunderts aussehen lässt, was sie ideologisch ja auch war.

Am 5. Oktober 1988 stimmten bei der Volksabstimmung fast 56 Prozent der Wähler gegen eine weitere achtjährige Amtszeit Pinochets. Die Regierung beugte sich dem Votum: Am 14. Dezember 1989 fanden freie Präsidentschaftswahlen in Chile statt. Das knappe Ergebnis der Volksabstimmung zeigt, wie es um das Land bestellt war: Es war nach wie vor eine zerrissene Gesellschaft, gespalten zwischen denen, die unter der Diktatur gelitten hatten, und denen, die von ihr profitierten.

Inzwischen ist Chile stabil demokratisch regiert, aber José Giribás hat es nicht mehr in seine Heimat zurückgezogen. Er werde dort krank, sagt er. Was ihn krank machte, sei der Kompromiss zwischen Tätern und Opfern, die fehlende Aufarbeitung, und dass Folterer und Mörder noch immer unbehelligt durch die Straßen liefen.

Zwar hat eine engagierte Justiz Prozesse angestrengt, und es wurden zahlreiche Handlanger der Diktatur abgeurteilt. Aber die Vergangenheitsbewältigung bleibt ein sehr schwieriger und langwieriger Prozess in einem Land, das sich selbst von seiner Diktatur befreit hat und wo Täter und Opfer in irgendeiner Weise miteinander auszukommen versuchen. So jedenfalls verlangt es der nationale Konsens, zu dem Chile sich entschlossen hat. José Giribás sagt, es ist diese Kompromissbereitschaft, die er nicht ertragen könne.

Chile als Experimentierfeld

Welche Ausmaße das annimmt, kann man am momentanen Präsidentschaftswahlkampf ablesen. Es treten zwei Frauen gegeneinander an, die Jugendfreundinnen waren und deren politische Geschichte nicht gegensätzlicher sein könnte: Michelle Bachelet für die Linken und Evelyn Matthei für die Rechten.

Beide sind Generalstöchter. Die Familien waren eng befreundet - bis zum Putsch 1973. Da erklärte sich der Vater Michelle Bachelets, Alberto Bachelet, für loyal mit der Regierung Allende, sein alter Freunde Fernando Matthei ließ sich von der Diktatur vereinnahmen. Alberto Bachelet wurde verhaftet und misshandelt - in der Militärakademie, der sein Freund Matthei vorstand. Alberto Bachelet starb an den Folgen der Misshandlung, Matthei machte Karriere in der Diktatur. Fernando Matthei behauptet heute, er habe von den Folterungen und Morden nichts gewusst. Michelle Bachelet sagt noch immer "Onkel" zu ihm.

Wie präsent die Diktatur in Chile ist, kann man auch am Wirtschaftssystem ablesen. Das Land war in den 1980er Jahren Experimentierfeld für US-amerikanische Wirtschaftsstrategen, die ein ultraliberales System durchsetzten und keine Proteste dabei fürchten mussten, schließlich handelten sie ja im Auftrag der Diktatur.

So wurde Chile zum Ausprobierfeld für ein System, das als Neoliberalismus bekannt ist und inzwischen nicht nur Chile, sondern die Welt regiert. Der chilenische 11. September hat mehr mit dem Zustand der globalisierten Gesellschaft zu tun als die meisten denken.

Die Ausstellung "Chile - Bilder einer Diktatur" mit Fotografien von José Giribás ist bis 18. Oktober im Foyer des Süddeutschen Verlages, Hultschiner Str. 8, 81677 München zu sehen. Die Ausstellung ist Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.

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