Pierre Vogel predigt in Dietzenbach Käppi und Kopftuch

Der Islamist Pierre Vogel ist ein islamistischer Superstar, für den sich auch der Verfassungsschutz interessiert. Er predigt über das Massaker in Norwegen, Satan - und Amy Winehouse. Jetzt will er Deutschland verlassen. Fürs Erste.

Von Jan Bielicki und Frederik Obermaier

Schon der Wagen ist nach dem Geschmack der jungen Massen: ein großer Geländewagen, einfach "eine geile Karre", sagt ein Junge in enger Hose, die lila Baseballkappe auf dem Kopf, das Smartphone in der Hand. Er filmt die Ankunft seines Helden: Abu Hamza nennt der sich, "Vater des Kriegers" also, und HAM-ZA 911 lautet das Kennzeichen des Wagens. Ausgerechnet 911 - Nine Eleven, der 11. September, das Datum der Terroranschlägen von New York.

Für die einen ist er der "Muslim-Macher", für die anderen einer der wirkmächtigsten Islamisten in Deutschland: Salafisten-Prediger Pierre Vogel.

(Foto: dapd)

Pierre Vogel, wie der selbsternannte Krieger-Vater im echten Leben heißt, hat an diesem Sonntag zu seiner vorerst letzten Predigt in Deutschland geladen, und etwa 200 Menschen sind nach Dietzenbach, einem Vorort von Frankfurt, gekommen. Es sind große Familien, alte Männer, tief verschleierte Frauen, die auf dem Parkplatz des Schwimmbads am Stadtrand stehen, aber vor allem männliche Jugendliche und junge Erwachsene.

Für sie ist der 32-Jährige mit dem roten Krausebart ein muslimischer Superstar. Für den Verfassungsschutz jedoch ist er einer der wirkmächtigsten deutschen Islamisten. Pierre Vogel gilt als ein führender Kopf der deutschen Salafistenszene, Kritiker sehen in ihm den Wegbereiter potentieller Dschihadisten.

"Salem aleikum" sagt Vogel und springt auf die Bühne, die an diesem Tag mal wieder die Ladefläche eines Mietlasters ist. Dann predigt er vom christlichen Terror in Oslo, dem Satan, der Hölle - und Amy Winehouse. "An Drogen gestorben und krepiert. Ist das der Weg, den du gehen willst?", ruft Vogel. Er duzt seine Zuhörer, will zeigen, dass er einer von ihnen ist.

Bei den Jungs mit den Baseball-Käppis und den Mädchen mit den großen Ohrringen kommt das an. "Er spricht meine Sprache", sagt die 17-jährige Sema. "Er ist sogar auf Facebook", sagt ihre Freundin. Gemeinsam schauen sie sich oft die Internet-Videos von Pierre Vogel alias Abu Hamza an. Das weiße Häkelkäppchen der frommen Muslime auf dem Kopf, philosophiert Vogel in kurzen Videoclips darüber, ob Schönheitsoperationen, High Heels und Hot Pants nun halal oder haram sind - gut oder böse. Es sind Themen aus Semas Alltag, und der Konvertit erklärt sie in ihrer Sprache: "Wenn du für Allah plattgemacht wirst, dann wirst du ins Paradies gehen."

Pierre Vogel stammt aus dem Rheinland, statt "ich" sagt er "isch", er war mal Mitglied beim 1. FC Köln. Nach dem Abitur wurde er Profiboxer, wurde Deutscher Meister im Halbschwergewicht, bevor der konfirmierte Christ 2001 zum Muslim wurde. Er ging nach Saudi-Arabien, studierte in Mekka und kehrte 2006 als selbst entsandter Prediger zurück nach Deutschland. Seine Lehre ist strikt, es ist die eines salafistischen Islam, dessen Ziel ist ein "islamischer Gottesstaat, in dem wesentliche Grundrechte keine Geltung haben sollen", sagen Hessens Verfassungsschützer.

"Wäre schön, wenn die Brüder Platz für die Schwestern machen", sagt Vogel gleich zu Beginn seiner Predigt auf dem Dietzenbacher Schwimmbad-Parkplatz. Die Ordner sind angewiesen, darauf zu achten, dass Frauen und Männer getrennt stehen. Offiziell gibt es keinen Zwang, das verbietet schon die Polizei. Aber kurz nachdem die Ordner durch die Reihen gegangen sind, stehen die Geschlechter getrennt voneinander.

Die 27 Jahre alte Hassna will nicht bei den anderen Frauen stehen, sie lauscht Vogel aus ihrem Corsa heraus. Ihr Kopftuch sitzt eng am Kopf, ihr Oberteil ebenso eng am Körper, im Radio singt Amy Winehouse. Ob sie nicht störe, dass Vogel die Scharia - also etwa die Steinigung von Ehebrechern und die Zwangs-Amputation von Dieben - verteidige? Nein, "was er sagt, ist die Wahrheit, es ist der Koran". Vogel bietet einfache Antworten, entweder etwas ist halal oder haram, gut oder böse, gläubig oder ungläubig, so einfach ist seine Botschaft. Der Weg ins Paradies ist bei ihm wie Punktesammeln in einem Computerspiel.

"Gibt es jemanden, der Islam annehmen will vielleicht?", fragt Vogel zum Ende seines Vortrags, so ist es mittlerweile schon fester Brauch. In der Szene nennen sie Vogel den "Muslim-Macher". "Keiner hier, der Islam annehmen will", fragt er nochmal in die Runde. "Doch?" Eine Endzwanzigerin mit solariumgebräuntem Gesicht und weiß lackierten Fingernägeln meldet sich. "Allahu Akbar, super", freut sich Vogel, und die junge Frau kommt zu ihm nach vorne. Allahu akbar, Gott ist groß, schreit die Menge.

Im Internet führt Vogel Buch über seine Missionsarbeit. "7 Menschen nehmen den Islam an", heißt es etwa neben dem Video von einer Kundgebung Anfang Juli in Frankfurt, 17 Menschen seien es am 20. April gewesen. Wenige Tage danach kündigte Vogel an, in der Frankfurter Innenstadt ein Totengebet für Terroristenführer Osama bin Laden zu sprechen. Die Behörden verboten es. Ein Totengebet sei islamische Pflicht, "keine Ehrerbietung", spielt Vogel in Dietzenbach seine Provokation von damals herunter: "Wir hätten bei der Gelegenheit gegen den Terrorismus gepredigt", erklärt er. Nein, "ich habe keine politischen Ambitionen", sagt er, "mein Ziel ist nur, Menschen für den Islam zu begeistern" - freilich für seine radikale Form des Islam. Vorerst wolle er jetzt aber seine Koranstudien in Saudi-Arabien fortsetzen. Zu seinen deutschen Anhängern will Vogel freilich weiter predigen, übers Internet. Und das fragwürdige Nine-Eleven-Kennzeichen? Gehört einem Freund, sagt Vogel, habe er nichts mit zu tun.