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Philosoph Will Kymlicka:Das Totschlagargument: Evolutionsgeschichtlich sei der Mensch ein Fleischfresser

Sue Donaldson und Will Kymlicka

Sue Donaldson und Will Kymlicka, die Autoren von "Zoopolis"

(Foto: Tayler Studios/SV)

Sie setzen sich dafür ein, dass Tiere Bürgerrechte erhalten und in Parlamenten beispielsweise durch Ombudsleute vertreten sind. Aber woher sollen wir wissen, was Tiere wollen?

Das Problem ist, dass unser Verständnis von Politik auf Sprache basiert - wer keine Sprache hat, scheint quasi automatisch ausgeschlossen vom politischen Prozess. Hier gilt es, Mechanismen zu entwickeln, damit wir die Rechte von Tieren nicht noch länger missachten. Man kann Tieren, auch denen, die in Ställen leben, Möglichkeiten einräumen, sich zu entscheiden, wie sie leben wollen.

Klingt ein wenig utopisch. Wie stellen Sie sich das vor?

Wenn ich sage, Tiere sollen entscheiden können, wie sie leben wollen, meine ich damit ganz praktische Dinge: Wir sollten Ställe bauen, in denen Tiere wählen können, ob sie sich draußen oder drinnen aufhalten wollen, wie viel Nähe zum Menschen sie wünschen und so weiter. Wenn wir uns um artgerechte Tierhaltung sorgen, muss aber eine Sache ganz klar sein: Das oberste Interesse eines Hühnchens liegt darin, weiterzuleben. Da gibt es kein Vertun.

Was ist mit dem schwerkranken Hund, dessen Herrchen vor der Entscheidung steht, ob er ihn einschläfern lassen soll?

In dieser Situation waren meine Frau und ich vor einigen Jahren. Unser Hund litt Schmerzen, aber wir wussten natürlich nicht, ob er hätte weiterleben wollen und wie schlimm die Schmerzen waren. Wir haben ihn schließlich schweren Herzens vom Tierarzt einschläfern lassen - und uns danach lange Zeit gefragt, ob wir zu lange damit gewartet haben oder vielleicht nicht lange genug. Ein moralisches Dilemma.

Beim Tod des eigenen Hundes sind die meisten traurig. Aber wir alle haben schon unzählige Würmer zertreten, Käfer zerquetscht und Fliegen verschluckt. Ist menschliches Leben ohne das Sterben von Tieren überhaupt möglich?

Als Kriterium gilt meiner Meinung nach, ob das Tier empfindungsfähig ist und fühlt. Eine Spinne oder eine Fliege spürt nach momentanem Stand der Wissenschaft keinen Schmerz, Insekten sind meines Wissens nicht empfindungsfähig. Deshalb hätte ich auch kein Problem damit, sie zu essen. Bei allen fühlenden Wesen haben wir aber ihr Recht auf Leben zu achten.

Zu guter Letzt, das Totschlagargument, das jeder Vegetarier zu hören bekommt: Evolutionsgeschichtlich betrachtet seien wir Menschen nun mal Fleischfresser.

Dieses Argument untergräbt jede moralische Entscheidung gegenüber Tieren. In der Geschichte der Menschheit war früher vieles üblich, was wir heute verabscheuen: gewalttätige Auseinandersetzungen, Vergewaltigung, rassistische Diskriminierung, Sklaverei. Wir haben gelernt, unser Verhalten den Normen anzupassen, wir haben erkannt, dass Menschen unveräußerliche Rechte haben und wir schützen diese heute. Es gibt also keine historische Basis, auf der wir anderen Tieren diese Rechte absprechen könnten.

© Süddeutsche.de/sana/rus

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