Philosoph über globale Gerechtigkeit Wie gerechtere Spielregeln aussehen können

Der Entwicklungsorganisation Oxfam zufolge wird die weltweite Ungleichverteilung von Vermögen schon im Jahr 2016 einen Rekordwert erreichen: Dann wird ein Prozent der Menschheit so viel Vermögen angehäuft haben wie die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung zusammen. Abgesehen von einem kurzen Schock und einem etwas länger andauernden schlechten Gewissen - was bringen solche Nachrichten?

Im besten Fall den Impuls, sich politisch zu engagieren. Dass Bürger sich innerhalb von Parteien und als Wähler dafür einsetzen, dass unsere Regierungen dafür sorgen, dass die Spielregeln auf der Welt zumindest minimal gerecht sind. Wir müssen den Politikern zeigen, dass uns dieses Thema wichtig ist und sie auch danach befragen, was sie gegen die Armut in der Welt unternehmen wollen, wenn sie die Wahlen gewinnen.

Wie könnten gerechtere Spielregeln aussehen?

Ein Beispiel sind Subventionen für Landwirtschaft: Die reichen Länder unterstützen ihre Landwirte mit insgesamt 300 Milliarden Dollar pro Jahr, damit sie Produkte erzeugen, die ohne die Subventionen gar nicht marktfähig wären und die Landwirtschaft in armen Ländern unrentabel machen und zerstören. Wenn wir schon den Anbau von Baumwolle oder Mais in unseren Ländern subventionieren wollen, sollten wir den armen Ländern wenigstens eine Kompensation dafür zahlen, dass wir sie damit aus dem Markt drängen.

Wie idealistisch muss man sein, um daran zu glauben, dass wir den Hunger in der Welt tatsächlich abschaffen könnten?

Der eigentliche Skandal ist ja, dass Hunger heute leicht vermeidbar wäre. Es gibt also durchaus eine realistische Lösung: Wir müssen die Weltwirtschaftsregeln so umstellen, dass die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung etwa 60 Prozent mehr Einkommen hätte. Die reichsten 20 Prozent hätten dann etwa 2,5 Prozent weniger. Also auch jeder von uns.

Zur Person

Thomas Pogge, geboren 1953, ist Professor für Philosophie und Internationale Angelegenheiten an der Universität Yale. Derzeit arbeitet Pogge während eines Forschungsaufenthalts in seinem Heimatland Deutschland unter anderem an einer neuen Methode zur Berechnung von Armut. Pogge promovierte in Harvard bei John Rawls. Er ist Mitglied der Organisation Academics Stand Against Poverty (ASAP) und veröffentlichte mehrere Bücher zum Thema globale Gerechtigkeit, auf Deutsch erschien unter anderem "Weltarmut und Menschenrechte".

Das klingt tatsächlich realistisch und auch nicht so, als wäre es für uns besonders schmerzhaft.

Aber es scheitert am politischen Widerstand der Reichen: Die Mehrheit ist darauf bedacht, ihren Wohlstand zu mehren.

Haben Sie als Philosoph den Glauben in die Menschheit, dass sie diesen Egoismus ablegen kann?

Absolut. Der Egoismus ist nicht Teil der menschlichen Natur, sondern nur Teil unserer Gesellschaftsordnung, die einen Konkurrenzkampf auf Kosten der anderen propagiert und die belohnt, die sich durchsetzen. Natürlich sind Führungspositionen in Ordnung, aber das System sollte auch den Ärmsten nutzen. Dazu könnte man die Menschheit verpflichten.