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Parteitag der Linkspartei:Der dritte Mann

Die Linke hat ihre Spitze fast ganz ausgewechselt. Ob der Neuanfang unter der Führung von Klaus Ernst und Gesine Lötzsch gelingt, steht in den Sternen. Und ein Mann wartet immer noch auf seine Chance.

Zwei neue Parteivorsitzende, zwei neue Bundesgeschäftsführer, ein neuer Parteivize, viele neue Mitglieder im Parteivorstand, dazu neue Strukturen mit zwei neuen Parteibildungsbeauftragten und quotierter Doppelspitze. Wer die Vorgeschichte dieses beispiellosen Neuanfangs in der Linken nicht kennt, der muss sich fragen: Was hat eigentlich die alte Parteispitze verbrochen, dass sie praktisch komplett ausgewechselt wurde?

Linke; Ernst; Lötzsch; dpa

Die neuen Vorsitzenden der Linkspartei, Klaus Ernst und Gesine Lötzsch, lassen sich von den Delegierten beim Parteitag in Rostock bejubeln.

(Foto: Foto: dpa)

Antwort: Nichts. Zumindest nicht Schlechtes. Mit Oskar Lafontaine und Lothar Bisky und auch mit Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch gehen - wenn auch aus höchst unterschiedlichen Gründen - drei Männer, die aus einem hoffnungsvollen Projekt eine Partei gemacht haben, die in 13 von 16 deutschen Landtagen vertreten ist und auch im Bundestag Gewicht hat.

Ungeklärte Fragen

Die Linke hat seit ihrer Fusion aus PDS und WASG im Jahr 2007 das Parteiensystem gehörig durchgerüttelt. Wie sehr, das zeigt sich an den Patt-Situationen nach den Wahlen in Hessen, Thüringen und jetzt in Nordrhein-Westfalen. Bisher führte das immer zu einer großen Koalition geführt - oder zu Neuwahlen wie in Hessen. Eines hat die Linke im Westen noch nicht erreicht: eine Regierungsbeteiligung.

Jetzt hat die Partei eine komplett neue Führung. Der Schritt kommt beinahe einer Parteineugründung gleich. Gesine Lötzsch und Klaus Ernst als Parteivorsitzende sowie Caren Lay und Werner Dreibus als Bundesgeschäftsführer. Die vier kennen sich aus der Bundestagsfraktion. Sie haben vielleicht auch schon zusammengearbeitet. Es steckt dennoch ein Risiko darin, die Parteiführung derart radikal neu aufzustellen.

Denn viele Fragen sind ungeklärt: Wer wird die Partei inhaltlich prägen, wer wird sie organisatorisch voranbringen? Wer moderiert Parteitage, wer setzt sich durch, wenn es Streit gibt? Die Arbeitsteilung zwischen Lafontaine und Bisky war einfach: Lafontaine repräsentierte die Partei nach außen. Bisky war wichtig für den inneren Zusammenhalt. Beide verband eine große intellektuelle Kraft.

Potential, sich in die Quere zu kommen

Ernst und Lötzsch dagegen sind sich - trotz ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten - sehr ähnlich. Beide sehen sich gerne in den Medien. Beide vertreten mit Verve ihre Positionen. Beide haben das Potential, sich gehörig in Quere zu kommen.

Das wäre fatal in einem Moment, in dem beide nicht umhin kommen werden, die Linke regierungsfähig zu machen. Auch Linken-Wähler können auf Dauer nicht damit zufrieden sein, ihre Stimme nur in die Opposition zu investieren.

Ihre Feuerprobe hat die neue Parteiführung mit einer möglichen Regierungsbeteiligung in Nordrhein-Westfalen zu bestehen. Es wird Aufgabe der Bundesspitze sein, das Projekt zu einem Erfolg zu bringen, sollte es tatsächlich zu einer rot-rot-grünen Koalition kommen. Ein Misserfolg würde auch Ernst und Lötzsch angelastet werden.

Auf zwei Jahre ist das Projekt Doppelspitze jetzt angelegt. Einige Landtagswahlen gibt es in der Zeit zu bestehen. Ernst und Lötzsch werden beweisen müssen, dass die Linke auch ohne Lafontaine in der ersten Reihe kampagnenfähig ist. Scheitern sie, scheitert die Doppelspitze. Das Erbe Lafontaines könnte in Gefahr geraten.

Dann könnte ein Mann zum Zuge kommen, der sich ab sofort in Wartestellung begibt: Der auf Lafontaines Bestreben aus dem Amt des Bundesgeschäftsführers gedrängte Dietmar Bartsch. In zwei Jahren könnte er die Chance bekommen, eine darbende Partei aus dem Tief zu holen. Es wäre ihm eine Genugtuung.

Bei seiner Verabschiedung am Samstagabend lautete sein letzter Satz: "Das war es noch lange nicht!" Das war durchaus als Drohung zu verstehen.

Oskar Lafontaine

Der Trommler von der Saar