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Parteien in Deutschland:Feind der Piraten ist der Alltag

Die Deutschen sind hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach politischer Belebung einerseits und einer soliden Regierung andererseits. In diesem Spannungsfeld wächst die Piratenpartei und verschiebt die Parteienlandschaft gehörig. Doch so schnell der Erfolg gekommen ist, so schnell kann er auch schon wieder vorbei sein.

Die Piraten haben noch nichts geleistet, aber schon viel erreicht. Sie werden bestaunt, sie werden gewählt, sie werden bewundert als die Protagonisten und Propheten des neuen Zeitalters. Sie sind zu Hause in der löchrigen Welt des Netzes, die als die Welt der Zukunft gilt. Manche raunen gar, dass dort die Demokratie neu erfunden werden könnte - indem aus der permanenten Revolution, von der früher junge Revoluzzer träumten, eine permanente Abstimmung im Internet wird. Wie das genau ausschauen, wie das genau funktionieren soll, weiß kein Mensch. Aber die Ahnung von der Zukunft ist ja seit jeher faszinierender als deren Realität. Darum gilt die Partei der Piraten derzeit als ein Faszinosum.

Früher Wandervögel, heute Piraten

Die Piratenpartei ist den einen neue Heimat in einer neuen Welt; den anderen ist sie zumindest ein Hafen, den man in dieser neuen Welt schnell erreicht, und in dem man Frust, Wut und Zorn über die gängige Parteiendemokratie abladen kann. Wer diesen Hafen ansteuert, protestiert gegen das Alte, Langweilige, Verkrustete und Ritualisierte, das Routinierte und Abgeschmackte; der lässt eine wirklich oder angeblich antiquierte politische und eine destruktive wirtschaftliche Welt hinter sich, in der nach seinem Gefühl die Führungsfiguren die normale Sprache verlernt und ihr Handeln den Bezug zu Alltag, Leben und Gemeinwohl verloren haben. Dieses Gefühl ist nicht neu. Neu sind die Mittel und Methoden, ihm zu folgen.

Vor einem Jahrhundert beispielsweise, als es auch viel Überdruss am Alten gab, hießen die Piraten Wandervögel, und sie suchten die Freiheit in der freien Natur und dort die blaue Blume als Symbol des neuen Selbst. Heute erklicken sie ihr Selbst im Internet; dort kennen sie sich aus.

Piraten haben von sehr wenig sehr viel und von sehr vielem sehr wenig Ahnung; das Wenige genießt allerdings große öffentliche Beachtung; und so ist aus der objektiven Schwäche der Piraten in der öffentlichen Darstellung vorübergehend eine subjektive Stärke geworden. In einer politischen Welt, die sich aalglatt, geschliffen und perfekt geriert, hat das noch Ungeschliffene und Unperfekte etwas Sympathisches, Natürliches und Menschliches.

Weil aber heute nichts so schnell altert wie das Faszinosum, geht die publizistische Schonzeit dieser Partei schon wieder zu Ende: Der Lobpreis der digitalen Frische und der politisch-piratischen Naivität weicht der Kritik am Amateurismus und der Frage, ob verantwortliche Politik nicht doch ein Fundament an Professionalität, Berechenbarkeit und Erfahrung braucht.

Das ändert nichts an der kurz- und mittelfristigen Attraktivität der Piratenpartei, auch weil die anderen Parteien, zumal Union und SPD, nun deren Themen aufgreifen und sich veranlasst sehen, endlich das zu tun, was sie längst hätten tun sollen: sich um mehr direkte Demokratie und Bürgerbeteiligung bei Großprojekten zu kümmern.

Die Piratenpartei ist nun wohl für einige Zeit der politisch-parlamentarische Arm der Netzbürger, Wutbürger und der Occupy-Bewegung. Wem die Revitalisierung der Demokratie angelegen ist, der schaut mit Interesse darauf, was sich da tut. Und was sich da tut - das ist vor allem für die Grünen unangenehm, die jetzt merken, dass ihre Partei Esprit und Frische nicht in Erbpacht hat.

Schon wieder was Neues also. Der Philosoph Walter Benjamin hat die jeweils neuesten Kreationen der Mode einst als die "geheimen Flaggensignale der kommenden Dinge" bezeichnet - wenn man sie nur zu lesen verstünde, kenne man die Zukunft. Für die politische Mode gilt das gleichfalls. Politologen, Kommentatoren und Piratologen behaupten denn auch, die Zukunft der Politik zu kennen, sie berauschen sich an der neuen Buntheit der Republik, malen die Parteienlandschaft neu, sprechen von einem Beben, von einem Umbruch der Parteienlandschaft.