bedeckt München 16°

Papst Benedikt XVI.:Herrscher, Hirte, Corporate Identity

Der Papst hat viele Körper: geistliche und weltliche, politische. Nur Privatperson ist er nie. Wer kommt da eigentlich nach Deutschland, wenn Benedikt XVI. kommt?

Viele Körper hat der Papst. Neben dem sterblichen Leib des Menschen, der vom Kollegium der wahlberechtigten Kardinäle im Konklave zum Papst gewählt wurde, hat der Papst diverse geistliche und auch zwei weltliche, politische Körper. Die Einzigartigkeit des Amtes, das nach tiefer Krise seit dem 19. Jahrhundert zunehmend an Macht und weltweitem Ansehen gewann, liegt gerade in der spannungsreichen Einheit ganz unterschiedlicher Funktionen.

Germany Prepares For Pope Visit

"Wir sind Papst": Arbeiter rollen ein riesiges Papstposter am Sitz des Axel Springer Verlags in Berlin aus.

(Foto: Getty Images)

In keiner anderen alteuropäischen Institution sind Geistliches und Weltliches, höchste religiöse Autorität und harter politischer Machtanspruch so durchlässig wie im römischen Papsttum. Es bedarf hoher Ambiguitätstoleranz, um die eigene Leistungskraft dieses Amts zu sehen. In Zeiten der schnellen Globalisierung und seit 1900 vielfältig verstärkten Pluralisierung des Christentums ist der Papst zur Corporate Identity, zum Alleinstellungsmerkmal der römisch-katholischen "Weltkirche" geworden.

Das Papsttum ist im Übergang von der Spätantike zum Mittelalter aus dem Amt des Bischofs von Rom hervorgegangen, das sich durch die Rückführung auf Petrus legitimiert hatte. Dieses Petrusamt ist der erste geistliche Körper des Papstes. Nach geltendem römisch-katholischen Kirchenrecht ist der Papst zudem "Haupt des Bischofskollegiums, Stellvertreter Christi und Hirte der Gesamtkirche hier auf Erden". Liest man im "Annuario Pontifico", der jährlich in italienischer Sprache erscheinenden offiziellen Statistik des Heiligen Stuhls, ist der römische "Sommo Pontifice" der Kirche zugleich "Patriarch des Abendlandes", Primas Italiens, Metropolit der römischen Kirchenprovinz und allererster "Diener der Diener Gottes". Auch wird er als "Prinzip und Fundament der Einheit der Kirche" vorgestellt.

Benedikt XVI., der an diesem Donnerstag nach Deutschland kommt, hat bald nach seiner Wahl auf den altehrwürdigen Titel "Patriarch des Abendlandes" ausdrücklich verzichtet, ohne Nennung von Gründen. Die einen sahen dies als Zeichen neuer Demut und Bescheidenheit; andere deuteten den Verzicht genau umgekehrt als Steigerung seines geistlichen wie (kirchen-)politischen Machtanspruchs. Benedikt XVI. wolle kein Patriarch neben anderen Patriarchen sein, sondern sehe sich im geistlichen Rang den Patriarchen von Moskau und Konstantinopel überlegen, eben als einziger Höchstbischof aller Christen weltweit. Für diese Deutung spricht, dass der Theologieprofessor Joseph Ratzinger schon in jungen Jahren gern die alte Lehre betont hatte, das Papstamt beruhe auf unmittelbarer göttlicher Einsetzung.

Der Papst kann nicht vor Gericht gebracht werden

Das Kirchenrecht kennt prägnante Bestimmungen der Amtsmacht der Päpste. Kraft seines Amtes, vi muneris sui, hat der Papst in der Kirche die volle Primatialgewalt inne. Sie ist begrifflich unterschieden in potestas ordinaria, potestas suprema, potestas plena, potestas immediata und schließlich potestas universalis. Mit der Suprematie wird die Unabhängigkeit der Amtsgewalt von jeder anderen weltlichen wie kirchlichen Autorität betont.

Entscheidungen des Papstes bedürfen keiner Begründung und Bestätigung, und man kann gegen sie nicht vorgehen. Auch kann ein Papst nicht vor ein, sei es weltliches, sei es kirchliches, Gericht gebracht werden. Allein der Papst entscheidet über Einberufung, Unterbrechung oder Abbruch eines Konzils und einer Bischofssynode, nur er bestimmt die Themen der Verhandlungen. Zwar soll der Papst als Haupt des Bischofskollegiums sein Amt gemeinsam mit den Bischöfen ausüben. Doch entscheidet nur er darüber, wie das Kollegium seine Aufgabe für die Gesamtkirche wahrnimmt.