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Panama Papers:Was nach Panama kommt

A worker arrives at his office in the Canary Wharf business district in London

Diskretion und Vertraulichkeit gehören seit jeher zum guten Ton der Private-Banking-Berater. Doch im Zuge der Panama Papers stehen ihre Praktiken mit Offshore-Firmen in der öffentlichen Kritik.

(Foto: Eddie Keogh/Reuters)

Durch die Enthüllung Tausender Briefkastenfirmen gerät die Branche der Vermögensverwalter von allen Seiten unter Druck. Viele Berater sind daher beunruhigt.

Panama Papers, das steht für: Briefkastenfirmen und offenbar dunkle Geschäfte. Durch die Veröffentlichung geheimer Unterlagen der Kanzlei Mossack Fonseca aus der Steueroase in Mittelamerika sind Konzernvorstände und sogar Staatschefs in Bedrängnis geraten; auch viele Banken müssen sich rechtfertigen. Oftmals steht der Verdacht im Raum, Finanzinstitute hätten reichen Klienten geholfen, Kapital vor dem Fiskus zu verstecken. Die private Vermögensplanung, ein Markenzeichen zahlreicher Geldhäuser, gerät unter Druck. Von allen Seiten.

Die Gruppe der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer will hart gegen Steuerbetrug und Geldwäsche vorgehen. Die Europäische Kommission will Briefkastenfirmen strenger reglementieren und die Gesetze gegen Steuerhinterziehung verschärfen. Das Bankgeheimnis, das früher schier unangreifbar war, schützt nicht mehr vor Ermittlern und Richtern. Immer wieder verkaufen abtrünnige Angestellte von Geldinstituten CDs mit den Daten von Tausenden, manchmal sogar Zehntausenden oder noch mehr Schwarzgeldkonten an Finanzbehörden, die dann aufräumen. Hinzu kommen Lecks (Leaks), durch die teils gigantische Datenmengen an die Medien gelangen, wie im Falle der Panama Papers und der Süddeutschen Zeitung. Und immer mehr Staaten vereinbaren den Austausch von Kontodaten. Kein Steuerhinterzieher kann mehr sicher sein, nicht entdeckt zu werden.

Mehr als 500 Banken aus aller Welt, darunter 28 Geldhäuser aus Deutschland, tauchen in den Panama Papers auf. Kaum ein Institut mag dies offen zugeben, doch der Reputationsschaden für die gesamte Branche ist groß. "Viele Berater in der Vermögensplanung sind extrem verunsichert. Was ist noch legal, was ist illegal? Auch in der Private-Banking-Branche wissen viele derzeit nicht, was sie ihren Kunden empfehlen sollen", sagt Dominique Jakob, Professor und Leiter des Zentrums für Stiftungsrecht an der Universität Zürich.

Jakob schätzt, dass in Folge der Enthüllungen der Panama Papers künftig deutlich weniger Offshore-Konstrukte in und um Panama gegründet werden. Für andere Finanzplätze wie Liechtenstein, die mittlerweile eine Weißgeldstrategie verfolgen und sich deutlich strengere Regeln gegeben haben, sieht Jakob Vorteile: "Heute muss sich niemand mehr schämen, eine Stiftung in Liechtenstein zu gründen", meint Jakob, der als Experte 2009 federführend daran mitgewirkt hat, das Stiftungsrecht in Liechtenstein zu reformieren. Daneben dürften aber auch asiatische Standorte wie Singapur oder Hongkong einen Schub bekommen, schätzt Jakob. Das gelte auch für einzelne Bundesstaaten in den USA, die sich bislang dem internationalen Austausch von Konto- und Steuerdaten verweigern.

Offshore-Firmen, Trusts, Stiftungen: Es gibt verschiedene Modelle, Geld im Ausland anzulegen. Solche Finanzkonstruktionen seien im Grundsatz völlig legal und könnten auch ökonomisch sinnvoll sein, sagt Jakob. Etwa für die Erbfolge international weitverzweigter Familien, bei der Fortführung von Unternehmen, als Vermögensschutz für politisch Verfolgte oder philanthropische Zwecke. "So eine Dienstleistung ist aber meist teuer und lohnt in der Regel erst ab einem Vermögen von mehreren Millionen Euro." Viele Institute wetteifern um ein entsprechendes Mandat. Doch im Kampf gegen Steuerflucht, Geldwäsche und Terrorbekämpfung werden solche Modelle nun in einem anderen Licht betrachtet.

Viele wollen auch nur ihr Vermögen vor Angehörigen verbergen

Laut einer Studie der Organisation Tax Justice Network, die Daten bis Ende 2010 ausgewertet hat, beträgt das weltweite private Offshore-Vermögen zwischen 21 und 32 Billionen US-Dollar. "Mindestens mehr als die Hälfte, wenn nicht gar mehr als 90 Prozent des Geldes dürften in den Heimatländern nicht ordnungsgemäß deklariert sein oder im Zusammenhang mit anderen Straftaten stehen", schätzt Markus Meinzer von Tax Justice Network. Letztendlich weiß dies aber niemand genau. "Die Wahrheit könnte auch bei 99 Prozent liegen", sagt der französische Ökonom Gabriel Zucman. Das große Problem sei, dass es keine Statistiken zu diesen Fragen gebe.

Nach Einschätzung des Wirtschaftswissenschaftlers Friedrich Schneider von der Universität Linz werden vor allem Briefkastenfirmen für illegale Zwecke genutzt: "Bei klassischen Briefkastenfirmen haben 95 Prozent einen kriminellen Hintergrund." 70 Prozent davon fielen auf die klassisch organisierte Kriminalität, 20 Prozent seien Steuerbetrug, und der Rest des Geldes stamme aus Diktaturen wie Syrien oder Nordkorea. Jahrelang sah es so aus, als sei der Kampf der Industriestaaten gegen Steuerflucht, gegen Geldwäsche oder gar Terrorismus-Finanzierung ein Kampf gegen Windmühlen. Viel Mühe, wenig Erfolg. Das hat sich geändert. Und es hat dazu geführt, dass bei immer mehr Banken ein Umdenken einsetzt. Notgedrungen. Wer mag schon dauernd Kriminalbeamte und Staatsanwälte im Hause haben?

Briefkastenfirmen in Steueroasen wie Panama, Hongkong oder den britischen Kanal-Inseln waren einst sehr beliebt bei Millionären und Milliardären. So eine Auslands-Zweckgesellschaft ließ sich rasch und diskret gründen. Heute lassen viele Banken und ihre Klienten bei der privaten Vermögensplanung offenbar lieber die Finger davon. Es gebe schon seit Jahren einen Trend zur "Vermögensrepatriierung", also zur Heimholung des Geldes, sagt Karsten Junge, Private-Banking-Experte der Beratungsfirma Consileon. Dieser Trend habe bereits vor ersten Weißgeld-Initiativen in der Schweiz oder Luxemburg begonnen und sei vor allem durch das fortschreitende Alter vieler Kunden ausgelöst worden.

Schon vor 30, 40 Jahren sollen viele gut betuchte Deutsche viel Kapital ins Ausland verschoben haben. Ohne allerdings groß darüber nachzudenken, wie die nächste Generation einst dieses heimlich beiseitegeschaffte Vermögen überhaupt nutzen könne. "Insbesondere im Erbfall haben die Freunde diskreter Geldanlagen dann festgestellt, dass man den Nachkommen mit unversteuertem Auslandsvermögen kein Gefallen tut", sagt Junge. Die Repatriierungswelle, die damals eingesetzt habe, sei erst ein Rinnsal gewesen, dann aber schnell zu einem Bach geworden. Ob daraus irgendwann ein Fluss wird, oder sogar ein Strom?

Zahlen aus dem Global Wealth Report der Beratungsfirma Boston Consulting (BCG) lassen den Schluss zu, dass reiche Bürger aus Westeuropa, den USA und Japan im vergangenen Jahr nur einen kleinen Teil ihres Geldes aus Offshore-Finanzzentren nach Hause zurückholten. Es soll sich lediglich um drei Prozent des dort angelegten Kapitals handeln, das kaum freiwillig nach Hause gebracht wurde. Zu den Gründen zählten laut BCG der wachsende Druck der Politik sowie Steueramnestien, etwa in Italien. Zudem hätten sich einige Banken aus Angst vor einem weiteren Imageverlust aus Steueroasen zurückgezogen. Die drei Prozent dürften einen hohen zweistelligen Milliardenbetrag ausmachen. Das lässt ahnen, um welche Größenordnungen es bei den restlichen 97 Prozent geht. Die in diesem Frühjahr veröffentlichten Panama Papers könnten dazu beitragen, das Bächlein mit etwas mehr Wasser zu füllen.

Banken, die Wert auf ihren Ruf legen, halten sich bei Offshore-Geschäften nach früheren Verfehlungen mehr und mehr zurück. Diverse Institute wie die Commerzbank bieten nach eigenen Angaben fragwürdige Dienstleistungen erst gar nicht mehr an. Auch wenn nicht alle Kunden, die nach Briefkastenfirmen fragen, illegale Ziele verfolgen. Manche wollen ihr Vermögen vor der eigenen Familie verbergen. Oder mit anderen Anlegern zusammen in Immobilien investieren, ohne dass jedermann am Ort sofort sieht, dass sich der Arzt, der Steuerberater und der Rechtsanwalt der Gemeinde zusammentun und ein größeres Geschäftshaus kaufen.

Die Finanzbranche habe "schon seit Jahren", sagt Berater Junge, die Anforderungen an solche Konstruktionen erhöht. So müssten die Banken heute im Rahmen des so genannten "Know-your-customer-Prozesses" (Kenne deinen Kunden) genau dokumentieren, wer ihr Klient sei. Auch müsse die komplette Eigentümerstruktur offengelegt werden. "Die Hürden für die Aufnahme solcher Kunden steigt, damit ist es dann oft auch die Mühe nicht mehr wert", äußert Junge.

Die Deutsche Bank hingegen hat solche Angebote noch im Programm. Sie hält die "Nutzung von Offshore-Gesellschaftsstrukturen grundsätzlich" für legitim, wie Ex-Vorstandschef Jürgen Fitschen beim jüngsten Aktionärstreffen Ende Mai bekundete. Ein Sprecher der Bank ergänzt, man sei sich der "Bedeutung der Angelegenheit vollkommen bewusst". 2013 habe die Bank ein Kundenrisiko-Programm eingeführt, das überprüfe, ob die Kunden die steuerlichen Vorgaben einhielten. In diesem Zusammenhang habe die Bank Geschäftsbeziehungen mit Kunden beendet. Ende 2015 hat die Bank dieses Kundenprogramm nach eigener Aussage noch einmal verbessert und überprüft sowie noch einmal etliche Tausend Kunden in Dutzenden Ländern aufgefordert, für Klarheit zu sorgen, ob das Vermögen versteuert sei. Wer nicht liefere, müsse mit der Kündigung rechnen, heißt es bei der Bank.

"Selbst bei Spielernaturen nimmt die Angst zu. Ein Datenklau kann überall passieren."

Auch bei der Schweizer Großbank UBS, die wie viele andere Schweizer Banken auch Offshore-Firmen aufsetzen ließ, heißt es: "Wir betreiben unser Geschäft entsprechend den anwendbaren Gesetzen und Regulierungen. Wir haben keinerlei Interesse an Geldern, die nicht versteuert sind oder aus illegaler Herkunft stammen." 60 Prozent des Vermögens, das Schweizer Banken verwalten, liegt laut Ökonom Zucman in den Händen von Trusts, Stiftungen und Briefkastenfirmen. Es ist daher davon auszugehen, dass am Ende immer noch viele Banken Offshore-Konstrukte anbieten.

Doch Wolfgang J. Reittinger, Professor an der Frankfurt School of Finance & Management, ist überzeugt: "Bei den westlichen Banken traut sich kaum noch ein Institut, für deutsche Kunden Offshore-Konten anzubieten. Wenn sie das tun, dann verlangen sie den Versteuerungsnachweis von ihren Kunden", sagt Reittinger und ergänzt: "Mit jeder neuen durch die Steuerbehörden angekauften Kunden-CD und jedem Leak nimmt der Druck auf Personen mit nicht versteuerten Geldern zu und die Zahl der Selbstanzeigen steigt." Die Panama Papers hätten diesen Druck noch erhöht, glaubt der Professor: "Selbst bei Spielernaturen nimmt die Angst zu. Es gibt nicht mehr die Sicherheit in Steueroasen. Ein Datenklau kann in vielen Ländern passieren." Beispiele dafür gibt es in der Tat mittlerweile genug.

Stephan Rupprecht, Partner bei Hauck & Aufhäuser, gehört zu den Vermögensberatern, die sich auf solche Geschäfte erst gar nicht einlassen wollen: "Wir haben keine Offshore-Firmen in Panama. Das ist nicht unser Geschäftsmodell. Da sehen wir auch kein Ertragspotenzial", sagt Rupprecht: "Unsere Kunden schätzen es sehr, dass wir Ihnen nur Dienstleistungen anbieten, bei denen man nachts gut schlafen kann." Wer will das nicht. Doch Professor Jakob von der Universität Zürich warnt vor einer Überreaktion der Politik und vor der Gefahr, über das Ziel hinauszuschießen: "Weltweit erhobene Finanz- und Steuerdaten sind ein Traum für Cyberkriminelle. Es wird die große Kunst sein, zwischen dem Schutz der Privatsphäre und der nötigen Transparenz die richtige Mischung zu finden."

© SZ vom 22.07.2016

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