"Outlook 2010":Schröder kassiert bei der Deutschen Bank

Altkanzler Schröder und die Wirtschaft: Einmal bekam er viel Geld von der Deutschen Bank des Josef Ackermann, obwohl sein geplanter Auftritt ausfiel.

Hans-Jürgen Jakobs

Gerhard Schröder ist ein Vorbild für jeden Karriereberater. In der Wirtschaft macht er derzeit mindestens genauso Furore wie einst in der Politik. Der Altkanzler sammelt Beratungs- und Aufsichtsratsmandate geradezu.

Egal, ob im Ostseepipeline-Konsortium Nord Stream, beim russisch-britischen Konsortium TNK-BP oder im Einsatz für den Schweizer Großverleger Michael Ringier und das Bankhaus Rothschild - gut eine Legislaturperiode nach der Abwahl des Sozialdemokraten im Herbst 2005 ist er eine feste Größe des internationalen Business.

"Mir war klar, dass ich meine in der Politik zusätzlich erworbenen Kenntnisse nicht am Amtsgericht Hannover umsetzen kann, sondern besser in Form von Beratung an der Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Politik", wird der 65-jährige Jurist im Manager Magazin zitiert. Dessen jüngste Ausgabe ziert er als imposanter Titelheld ("Der Kanzler-Bonus").

Entfernt von den Anfängen

Ex-Regierungschef Schröder steht für einen neuen Politikertypus, der nach dem öffentlichen Amt großes Geld bei Konzernen macht. Einer, der die vielen schönen Kontakte kapitalisiert. Und so hat sich der SPD-Politiker weit entfernt von seinen Anfängen in ärmlichen Verhältnissen. Groß auch der Kontrast zur Einkommenswelt der Empfänger von Hartz IV - jener Forder-und-Förder-Konstruktion, die Schröder und seine rot-grüne Regierung einst geschaffen hat.

In der Consulting-Sphäre des Altkanzlers geht es um ziemlich viel Geld - und das fließt auch schon mal, wenn ein Auftritt überhaupt nicht zustande kommt.

"Viel Charisma und Geschicklichkeit"

Im Herbst 2009 war Gerhard Schröder groß als Auftaktredner auf einer Veranstaltung (Outlook 2010) der Deutschen Bank im Berliner Hotel Grand Hyatt angekündigt. Am Abend des 19. November, einem Donnerstag, sollte er 30 Minuten über "Chancen und Herausforderungen in Zeiten der Globalisierung - welche Perspektiven hat Deutschland im Jahr 2010?" reden. Das ist vermutlich eine seiner leichtesten Übungen. Anschließend war ein Dinner geplant.

In der Deutschen-Bank-Broschüre zur Veranstaltung heißt es über Schröder, ihm werde "viel Charisma und Geschicklichkeit zugesprochen". Nach seiner politische Karriere sei er in die Wirtschaft gewechselt, "wo er verschiedene Positionen bekleidet".

Für Freitag, den 20. November, waren Vorträge zweier Deutschbanker sowie anderer Experten geplant, unter anderem dem einstigen Notenbanker Otmar Issing, dem Klimaforscher Mojib Latif, dem Harvard-Historiker Niall Ferguson und dem Insead-Mann Soumitra Dutta. Dresscode sollte smart casual sein.

"Smart casual" aber war just jene November-Woche nicht. Vielmehr brandete die Debatte um die Macht und die Renditen der internationalen Großbanken mit Getöse auf, um ihre Rolle in der größten Wirtschaftskrise seit 80 Jahren. Mittendrin: die Deutsche Bank und ihr Chef Josef Ackermann. Der hatte mit seiner 25-Prozent-Rendite-Erwartung auf sich aufmerksam gemacht.

"Düstere Zukunft"

Die Wirtschaftswoche schrieb am Montag jener Woche über eine "düstere Zukunft", da die Wall-Street-Banken sich trickreich gegen eine schärfere Regulierung stemmen würden. Am gleichen Tag demonstrierten New Yorker in den Straßen Manhattans gegen die "Gier der Banken". In Deutschland forderte selbst Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller ein Ende der Boni-Exzesse. Und am Dienstag warnte Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU) die Geldhäuser: Es drohe "eine Ruinierung des Rufs der Finanzindustrie, die eine zweite Rettung unmöglich machen würde".

Am Mittwoch wurde bekannt, dass der staatlich gestützte Finanzkonzern Citigroup weiter Millionenboni an seine Spitzenmanager zahlt. Und die Queen kündigte in London ein Gesetz an, das es der Finanzaufsicht erlaubt, notfalls Bonus-Regelungen aufzulösen.

Und die Deutsche Bank? Vorstandschef Ackermann warnte davor, dass große Geldinstitute zerschlagen würden - obwohl die in der Globalisierung gebraucht würden. Er regte an, die Steuerzahler sollten für einen neuen Banken-Rettungsfonds zahlen, was sofort den Widerspruch der Berliner Koalitionsparteien auslöste.

Hätte da die groß angekündigte Veranstaltung Outlook 2010 mit Starredner Schröder Aufklärung bringen können? Vielleicht. Die Deutsche Bank aber sagte das Berliner Stelldichein kurzfristig ab - offenbar rund 48 Stunden vorher. Es seien "inner-organisatorische Gründe" gewesen, heißt es im Umfeld des Finanzhauses. Offiziell gibt die Deutsche Bank auf Anfrage von sueddeutsche.de keine Stellungnahme ab. "Das kommentieren wir nicht", sagt ein Sprecher.

Jedenfalls sind bei einer so kurzen Stornierung einer bedeutenden Veranstaltung erhebliche Gelder fällig, zum Beispiel für die angemieteten Räume und die georderten Redner, also auch für Gerhard Schröder.

"Führender Weltstaatsmann"

50.000 Euro soll der Altkanzler für seine Nicht-Rede bekommen haben, heißt es in Bankkreisen. Diese Summe wird im Manager Magazin als Mindestsumme für den gewitzt vortragenden Schröder genannt, der seine rhetorischen Fähigkeiten von der Harry Walker Agency in New York vermarkten lässt. Dort wird er, ausweislich der Homepage, als "führender Weltstaatsmann" sowie als "international anerkannte Autorität für globale Beziehungen, wirtschaftliche Entwicklung und sozialen Wandel" gepriesen sowie als "charismatische Führungspersönlichkeit".

Mag ja alles richtig sein. Auf der anderen Seite sind 50.000 Euro eine ordentliche Summe Geld, die von einer Bank stammen, die im Zentrum der öffentlichen Debatte steht. Schon die Einladung von Kanzlerin Angela Merkel an Vorstandschef Ackermann, den 60. Geburtstag doch bitte im gehobenen Kreis im Bundeskanzleramt nachzufeiern, sorgte für viel Aufsehen.

Hat da die Überweisung an einen langjährigen SPD-Politiker, der im Wahlkampf 2009 stets auf seine Anstrengungen zur Regulierung der Banken hingewiesen hat, ein gewisses Geschmäckle?

Nein, findet man offenbar bei der Deutschen Bank. Schröder habe sich ja vorbereiten müssen, heißt es im Umfeld des Geldhauses. Er habe nun einmal einen dichten Zeitplan und hätte ja auch andere Aufträge annehmen können. Es sei Aufwand entstanden. Und es habe klar gültige Verträge gegeben. Bei einer so kurzfristigen Absage stünde das volle Honorar zu.

Und doch dürfte das Prozedere beispielsweise für den normalen SPD-Ortsvereinsvorsitzenden befremdlich wirken. Schließlich verdiente ein Deutscher im Jahr 2007 brutto durchschnittlich gerade mal 40.368 Euro, so das Statistische Bundesamt. Und ein Erwerbsloser, Empfänger von Hartz IV, hat im Schnitt rund ein Drittel weniger.

Lesen Sie auf Seite 2, wie sich das Büro Schröder zu der Causa positioniert.

Geldsegen für Ex-Politiker

Schröder will zur Sache Deutsche Bank nichts sagen. "Ich bitte Sie um Verständnis, dass zu Privatangelegenheiten von Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder keine Auskunft gegeben wird", teilt sein stellvertretender Büroleiter Albrecht Funk mit. So bleibt unklar, was mit dem Honorar der Deutschen Bank passierte.

In der Vergangenheit hat sich Schröder durchaus sensibel für die öffentliche Wirkung von Aufträgen gezeigt. Als er die Rolle eines "Garantors" und eines Friedenstifters zwischen den in die Bredouille geratenen Unternehmen Schaeffler und Conti übernahm, spendete er sein Honorar.

Nach Rechnung des Manager Magazins ergeben seine festen Mandate derzeit ein Jahreseinkommen von rund 650.000 Euro. Hinzu kämen 100.000 Euro Pensionsgelder. Auch als Buchautor (Entscheidungen. Mein Leben in der Politik) hat er gut verdient.

Andere Zeiten

Bei früheren SPD-Größen wäre ein solcher Geldsegen undenkbar gewesen. Klar, auch sie schrieben Bücher. Aber einer wie Willy Brandt kümmerte sich um die Sozialistische Internationale, Hans-Jochen Vogel saß in vielen Kommissionen ("Gegen Vergessen - für Demokratie") und Helmut Schmidt mischte sich als Publizist in der Zeit in Debatten ein.

Als der einstige EU-Kommissar Martin Bangemann (FDP) nach Ende seiner Dienstzeit im Jahr 1999 sofort als Berater des Konzerns Telefonica anfangen wollte, sorgte das noch für einen Skandal. Die EU führte einen Verhaltenskodex ein.

Die Zeiten haben sich geändert. Nun zeigt sich in Deutschland, dass gerade Politiker der rot-grünen Ära (1998 bis 2005) die Fron ihrer Regierungszeit, die mit viel Stress und wenig Gehalt verbunden war, offenbar im Nachhinein kompensieren - und zwar dank jener großen Wirtschaftsbetriebe, die einen besonderen Zugang zur Politik brauchen.

Mit den Gepflogenheiten der Wirtschaft kennt sich Gerhard Schröder aus, seitdem er in der Funktion als niedersächsischer Ministerpräsident im Aufsichtsrat von VW saß und dort gut mit Patron Ferdinand Piëch harmonierte. Nach der Abwahl als Kanzler sagte Schröder seinem Freund Wladimir Putin zu, dem damaligen russischen Präsidenten, den Vorsitz im Aktionärssausschuss von Nord Stream zu übernehmen - schon im Kanzleramt hatte sich der Sozialdemokrat für die Ostseepipeline starkgemacht.

New Labour

In diesem Metier tritt inzwischen auch der einstige Außenminister Joschka Fischer auf: Schröders früherer Vizekanzler, einst ein Star der Grünen, kümmert sich für die Konzerne RWE und OMV um die durch die Türkei geplante Ölpipeline Nabucco. Fischer betreibt zusammen mit einem Partner eine Consulting-Firma.

Der einstige Frankfurter Straßenkämpfer hat sich mit solchen Mandaten nach Ende der Politik-Karriere immerhin viel Zeit gelassen und zunächst an der US-Universität Princeton gelehrt. Der einstige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) hatte es eiliger und heuerte rasch nach seinem Amtsausstieg bei jenem Autozulieferer Magna an, den er im Übernahmekampf um Opel unterstützt hatte. Otto Schily, einst Innenminister in Schröders Kabinett, half schon während seiner Dienstzeit privat als Anwalt bedürftigen Firmen. Später trat er etwa für die Private-Equity-Gesellschaft KKR (vulgo: "Heuschrecke") auf.

International gilt im Wachstumsfeld des Polit-Consulting Bill Clinton als Großverdiener. Immerhin hat er mit Buchtantiemen und Vortragshonoraren zusammen mit seiner Frau Hillary seit der Zeit im Weißen Haus rund 110 Millionen Dollar erlöst. Und beim einstigen britischen Premier Tony Blair schlagen lukrative Beratungsmandate für die Finanzhäuser J.P.Morgan und Zurich zu Buche.

Einst, im Jahr 1998, war die Politik des Sozialdemokraten Blair Vorbild für den damaligen Neu-Regierungschef Schröder gewesen. Es ging um einen Umbau in eine leistungsstarke soziale Zivilgesellschaft. Diese Politik hatte dafür einen schönen Namen - einer, der auch zu den neuen privaten Geschäftsmodellen einstiger sozialdemokratischer Haudegen passt: New Labour.

© sueddeutsche.de/plin
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB