Ostberlin in den Achtzigerjahren:"Das Konzert war natürlich 'ne Bombe"

Miesepetrige FDJ-Aufpasser beim Bruce-Springsteen-Konzert oder sozialistische Slogans, die durch die Wirklichkeit konterkariert wurden: Wie Fotograf Harald Hauswald das Leben in Ostberlin dokumentierte.

Von Barbara Galaktionow

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"Nur wenn ich träume bin ich frei"

Berlin; Harald Hauswald: Ost-Berlin 3

Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

In der Kneipe am Weißen See im Ostberliner Stadtteil Pankow sitzen im Jahr 1987 drei Männer in der Sonne und trinken Bier. Mit seinem Tattoo "Nur wenn ich träume bin ich frei" sprach einer von ihnen womöglich damals manchem Ostdeutschen aus der Seele. Der Fotograf Harald Hauswald fing diese Szene ein. Ihm zufolge hat der Spruch jedoch vermutlich einen anderen Hintergrund. Was man hier sehe, seien im Knast entstandene Tattoos, sagt er der SZ.

Wie die Achtzigerjahre in Ostberlin waren, wie sie aussahen und sich anfühlten, das scheint kaum mehr vorstellbar, wenn man heutzutage durch die aufgehübschten, trendigen Viertel Mitte, Friedrichshain oder Prenzlauer Berg schlendert. Zu DDR-Zeiten war das Straßenbild grau, viele Gebäude verfielen. Der sieche SED-Staat versuchte, seine Bürger auf Linie zu halten, während sich gerade junge Menschen in subkulturellen Bewegungen Freiräume schufen. Erst mit der geistigen Öffnung des Bruderstaates Sowjetunion brachen sich Ende des Jahrzehnts auch auf breiter Basis große Hoffnungen und Veränderung Bahn.

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Bewachte Euphorie

Fußballfans; Harald Hauswald: Voll der Osten

Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Der Fotograf Harald Hauswald hat diese Zeit auf zahlreichen Bildern festgehalten. Die Szenen scheinen alltäglich. Und doch war es dem Staat ein Dorn im Auge, sie derart festgehalten zu wissen. Hauswald "dokumentierte eine Realität, die weder vorgesehen war noch akzeptiert wurde", schreibt der Ostberliner Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk. Wir zeigen einige von Hauswalds Fotos, die in zwei Bildbänden des Jaron-Verlags erschienen sind (hier die Details).

Auf diesem Foto sind Fans des Arbeiter-Fußballvereins Union Berlin 1988 in ihrem Hausstadion "An der alten Försterei" zu sehen. Mitglieder der Bereitschaftspolizei wachen darüber, dass nichts aus dem Ruder läuft, manche von ihnen wären vielleicht auch lieber unter den Unions-Anhängern gewesen. Hausmann stellt klar: "Das waren keine Bullen, sondern Zwangseingezogene."

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Kiezfest im Hirschhof

DDR; Harald Hauswald: Ost-Berlin 5

Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Im Hirschhof gab es immer wieder alternative Kiezfeste. "Da waren die Leute von der Szene vom Prenzlauer Berg da, aber auch ganz normale Anwohner", sagt Hauswald, der selbst Teil dieser Szene war. "Die eine hat einen Kuchen mitgebracht, jemand hat Limonade gemacht. Das waren tolle Feste." Der Hof war in den frühen Achtzigern von drei Bildhauern im Auftrag des Stadtbezirks gestaltet worden. "Die Steinelemente, auf denen die Leute sitzen, die sind übrigens vom Stadtschloss."

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Ein Konzert wie eine Bombe

FDJ; Harald Hauswald: Ost-Berlin 1

Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

30 Jahre ist es her, dass Bruce Springsteen am 19. Juli 1988 in Ostberlin seinen legendären Auftritt hatte. Es war das größte Rockkonzert in der DDR überhaupt. Und Springsteen zufolge auch die größte Menge an Menschen, vor der er selbst je gespielt hat, wie die Welt berichtet. 160 000 Eintrittskarten wurden verkauft, doch offiziellen Schätzungen zufolge strömten 200 000 bis 300 000 Menschen auf das Gelände der Radrennbahn Weißensee.

"Das Konzert war natürlich 'ne Bombe", sagt Fotograf Harald Hauswald. Er erinnert sich gut daran, wie der US-Rocksänger die Hoffnung äußerte, dass eines Tages "alle Barrieren abgerissen" werden. Und an den Moment, wo Hunderttausende Menschen aus der DDR zusammen mit Springsteen "Born in the USA" sangen. "Das war Gänsehaut." In Zeiten, in denen der Kopf des großen Bruderstaats Sowjetunion Perestroika und Glasnost propagierte, keimte auch in der DDR die Hoffnung auf Veränderung auf - wenn vielleicht auch nicht bei allen.

Unmittelbar vor der Bühne im Fotografengraben postiert, lichtete Hauswald begeisterte Zuschauer ab - und zwei Ordner der FDJ. Der Jugendorganisation war die gesamte Organisation des Konzerts übertragen worden. "Warum die so griesgrämig gucken, verstehe ich auch nicht", sagt Hauswald. Immerhin hätten die beiden direkt auf den "Boss" geguckt. Allerdings seien sie natürlich im Dienst gewesen. Sie seien dafür zuständig gewesen, ohnmächtige Zuschauer über den Notgraben rauszuhieven. Und davon gab es bei hochsommerlichen 30 Grad reichlich.

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Frieden tun

Berlin; Harald Hauswald: Ost-Berlin 6

Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Ob in der Schule oder am Arbeitsplatz, die DDR ließ es sich nicht nehmen, ihre Staatsbürger mittels belehrender Sprüche auf den rechten Weg zu leiten. Und das galt auch für die Freizeit. "Jeder Stadtbezirk hat sein eigenes Fest gehabt, sein eigenes Kiezfest", berichtet Harald Hauswald. Pankow das Fest an der Panke, Weißensee das Blumenfest und Friedrichshain das Druschba-Fest.

1987 fing Hauswald beim Fest an der Panke diese Szene ein, in der mehrere Rentner es sich unter dem Spruch "Frieden ist nicht Sein → sondern Tun!" gemütlich gemacht hatten. Über das Setting amüsiert sich Hauswald noch heute: "Ein blöder Spruch. Und da die Bänke drunterzustellen, war natürlich eine glänzende Idee. Gefundenes Fressen für den Fotografen."

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Mahnung mit Witz

Harald Hauswald: Ost-Berlin 10

Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Ziemlich kess wirkt demgegenüber der Spruch, den die Staatszeitung Neues Deutschland bei ihrem Pressefest in Friedrichshain 1984 aufgehängt hatte. Doch Hauswald schränkt ein: Er klänge zwar nicht "bierernst", sei aber schon inhaltlich genau so gemeint gewesen: "Nun, Leute, helft doch mal mit beim Aufbau des Sozialismus!"

Ihm zufolge stammt der Spruch aus dem "Haus der jungen Talente", einem Jugendkulturzentrum unter Führung der FDJ im Palais Podewils in Ostberlin. In seiner Frühzeit in den Fünfziger- und Sechzigerjahren galt es als "Musterstätte sozialistischen Kulturangebots", wie der RBB schreibt, später entwickelte es demnach ein sehr viel eigenständigeres künstlerisches Profil.

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Völkerfreundschaft an der "Nuttenbrosche"

DDR; Harald Hauswald: Ost-Berlin 7

Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Ein Teenager dirigiert seine Freunde vor dem "Brunnen der Völkerfreundschaft" am Alexanderplatz für ein Foto - und wird dabei von Harald Hauswald selbst geknipst. "Das waren wahrscheinlich Jugendliche auf Klassenfahrt", vermutet der Fotograf. Landläufig war der im Jahr 1970 eingeweihte Brunnen im Übrigen unter einem deutlich weniger hehren Namen bekannt: "Im Volksmund hieß der Brunnen die Nuttenbrosche, warum auch immer", sagt Hauswald.

Im Netz kursieren darüber unterschiedliche Vermutungen: Manche führen die Namensgebung auf die zumindest früher schrill-bunten Emaillierungen am Rande des Brunnens zurück, andere sehen eher gesellschaftliche Ursachen in der geteilten Stadt. Hier hätten ostdeutsche Frauen Besuchern aus dem Westen gegen Devisen Sex verkauft. Natürlich inoffiziell, denn offiziell war Prostitution in der DDR seit 1968 verboten.

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Rundherum im Karussell-Panzer

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Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Die DDR inszenierte sich gerne als antimilitaristischer deutscher Staat. Die Realität sah anders aus. Auf dem Weihnachtsmarkt am Alex konnten 1987 schon die Kleinsten eine Runde im Panzerwagen drehen. Er habe das ganze Karussell fotografiert, damit nicht auffiel, dass er es nur auf den Panzer abgesehen hatte, sagt Hauswald zur Entstehung des Bildes. Auf anderen Veranstaltungen zeigte die NVA Kindern und Jugendlichen reale Panzer oder Maschinenpistolen. Ernst wurde es spätestens im Wehrkundeunterricht in der 9. Klasse.

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Bockwurst zur Belohnung

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Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Auch in der Jugendorganisation FDJ war ein militärisches Gepräge erkennbar. Das zeigte sich an der einheitlichen Kleidung, dem blauen Hemd samt Emblem, aber auch bei den Aufmärschen. Die mussten natürlich auch geprobt werden, wie hier der zum 1. Mai im Jahr 1986.

Während andere im Hintergrund die Aufstellung mit Fahnen übten, musste der Jugendliche im Vordergrund die Absperrung machen. "Der war wahrscheinlich griesgrämig, weil ich ihn geknipst habe", sagt Hauswald. Gesagt habe er aber nichts. Gerade bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai hätten allerdings viele gern mitgemacht, berichtet der Fotograf. "Denn dann gab es immer eine Bockwurst."

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Eigene Wohnkultur im Prenzlauer Berg

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Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Der Schriftzug auf dem Foto verwies, so weit Hauswald sich erinnern kann, auf den Möbelhandel der Konsumgenossenschaften. Eine Filiale davon war eben im Flachbau in der damaligen Dimitroffstraße untergebracht. Die Auslagen seien allerdings spärlich gewesen, sagt er. "Und ich habe nie gesehen, dass diese Leuchtreklame mal an gewesen wäre."

Die reale Wohnkultur im Prenzlauer Berg folgte in den Achtzigerjahren einer ganz anderen Logik als heute. In dem jetzigen In-Viertel waren damals viele Häuser am Verfallen und standen leer. "Es wurde wenig saniert, weil das teurer war, als eine Platte in Hohenschönhausen hochzuziehen", berichtet Hauswald. Wer Anspruch auf eine Wohnung hatte, zog lieber in einen Neubau als in einen Altbau mit Außentoilette. Doch das ließ Raum für eine alternative Kultur: Menschen zogen einfach in die leerstehenden Wohnungen ein und richteten sie her. Obwohl das eigentlich illegal war, bekamen sie anstandslos einen Mietvertrag. "Die Wohnungsverwaltung war froh, dass im Winter geheizt wurde."

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Straßenfest mit "Juckreiz"

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Quelle: © Harald Hauswald/OSTKREUZ; Harald Hauswald /Jaron Verlag

Manche Szenen, die Hauswald festgehalten hat, sehen aus, als hätten sie genauso gut im Westen Berlins stattfinden können. Das gilt vor allem für die staatsferneren Ereignisse, so auch für diesen Auftritt der Magdeburger Band "Juckreiz" bei einem Straßenfest in Ostberlin im Jahr 1981. "Die Sängerin sieht aus wie eine ostdeutsche Version von Nena", sagt Hauswald. "Neue deutsche Welle auf DDR."

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Quelle: Jaron Verlag

Die hier gezeigten Bilder stammen überwiegend aus dem Bildband: Hauswald/Rathenow: Ost-Berlin. Die verschwundene Stadt, Jaron Verlag, Berlin 2017, 20,00 Euro. Bild 2 ist in diesem Bildband zu finden: Hauswald/Wolle: Voll der Osten. Leben in der DDR, Jaron Verlag, Berlin 2018, 12,00 Euro. Eine gleichnamige Posterausstellung wird an verschiedenen Orten auf der Welt gezeigt.

© SZ.de/odg
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