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Olaf Scholz im Interview:"Ahlhaus verwendet Worte von PR-Beratern"

Angriff des Favoriten: SPD-Frontmann Scholz attackiert CDU-Bürgermeister Ahlhaus sowie Kanzlerin Merkel - und begräbt das Lieblingsprojekt seiner grünen Wunschpartner.

Jens Schneider und Oliver Das Gupta

Olaf Scholz ist 1958 in Osnabrück zur Welt gekommen und wuchs in Hamburg-Altona auf. In seiner Polit-Karriere begann er auf dem linken Flügel der SPD, längst gehört er eher zu den Wirtschaftsfreunden seiner Partei. Der Rechtswanwalt bekleidete erstaunlich viele Posten in den vergangenen zehn Jahren: Wenige Monate fungierte er als knüppelharter Hamburger Innensenator (Credo: "Ich bin liberal, aber nicht doof"), machte eine eher unglückliche Figur als SPD-Generalsekretär, schließlich wurde er Arbeitsminister in der großen Koalition. Derzeit ist Olaf Scholz Vizeparteichef, Vizefraktionschef und Landeschef der Hamburger SPD.

Streitgespraech zwischen Ahlhaus und Scholz Hat gute Chancen, Hamburgs Bürgermeister zu werden: Olaf Scholz, der Spitzenkandidat der SPD

Hat gute Chancen, Hamburgs Bürgermeister zu werden: Olaf Scholz, der Spitzenkandidat der SPD

(Foto: dapd)

Dem Wahltag kann er gelassen entgegensehen. Seine SPD rangiert in Umfragen satte 20 Prozentpunkte vor der CDU, eine Alleinregierung ist greifbar. Kein Grund für Scholz, laut zu jubeln: Demonstrativ zurückhaltend gibt er sich bei Auftritten, auch beim folgenden Gespräch, das in der Hamburger SPD-Zentrale stattfindet. Olaf Scholz schenkt seinen Besuchern Kaffee ein und widerspricht deren Beobachtungen: Die Bürger, die seine Veranstaltungen besuchten, sind mitnichten alle älter. Von vorne sehe man das besser, sagt er und grinst.

sueddeutsche.de: Herr Scholz, Sie stecken in der Endphase des Wahlkampfs: Ihre SPD liegt in Hamburg derzeit 20 Prozentpunkte vor der CDU. Vermutlich macht so ein Wahlkampf sogar Spaß?

Olaf Scholz: Mir gefallen Wahlkämpfe seit jeher, weil man die Gelegenheit hat, mit vielen zu sprechen. Der aktuelle Wahlkampf ist dabei etwas Besonderes. Es kommen unglaublich viele Bürger zu unseren Veranstaltungen, jedes Mal mehr. Es gibt nicht nur ein großes Interesse, sondern auch erkennbar Zuneigung - das ist beeindruckend.

sueddeutsche.de: Sie belasten die Wähler in Ihrer Kampagne nicht mit viel Inhalt. Auf Ihren Plakaten stehen nur einzelne Worte wie "Klarheit" oder "Vernunft": Wofür steht der Bürgermeisterkandidat Olaf Scholz?

Scholz: Für entschiedenen Pragmatismus, für verantwortliche Wirtschaftspolitik und für sozialen Zusammenhalt. Das hat Hamburg immer ausgemacht.

sueddeutsche.de: Hamburg wurde über Jahrzehnte von der SPD regiert, bis die CDU 2001 an die Macht kam. Haben Sie den Eindruck, dass das "rote Hamburg" Ihrer Jugend neu erwacht?

Scholz: Hier in Hamburg ist über Jahrzehnte ein besonderes Milieu entstanden. Es ist eine seltene Kombination aus Stadt und Bürgerschaft, in der ökonomische Kraft zusammengehört mit dem Gefühl für das Miteinander: Hamburg ist Wirtschaft und Solidarität. Dies hat mich geprägt und dazu beigetragen, mit 17 Sozialdemokrat zu werden. Auf diesem Zweiklang basiert auch heute noch die Vorstellung vieler Hamburger, wie die Stadt sein soll.

sueddeutsche.de: Ist das eine Sehnsucht nach dem Gestern?

Scholz: Nein, es ist die Sehnsucht nach einer guten Zukunft.

sueddeutsche.de: Ist das alte Bild vom Hamburger Unternehmer, der für seine Leute sorgt, durch die Globalisierung nicht längst überholt?

Scholz: Das wäre eine Kapitulation vor den Anforderungen der neuen Zeit. Und die Globalisierung birgt an einem Ort, an dem so viel Sozialprodukt entsteht, große Chancen. Man darf in einem Land, das im Weltmaßstab zu den Gewinnern der Globalisierung gehört, nicht den gegenteiligen Eindruck erwecken. Aber denjenigen, für die diese positive Seite nicht gilt, müssen wir helfen. Und wir dürfen trotz aller Veränderungen nicht die sozialpartnerschaftlichen Traditionen aufgeben. Das ist keineswegs eine Sache für Romantiker, sondern der Auftrag an alle, die sich um politische Ämter bewerben.

sueddeutsche: Wäre Hamburg ein Modell für die SPD auch im Rest der Republik?

Scholz: Es geht nicht um ein Modell. Ich bewerbe mich um das Amt des Ersten Bürgermeisters. Aber das steht für mich fest: Die Sozialdemokratische Partei tritt für eine vernünftige Wirtschaftspolitik ein, die sicherstellt, dass die Arbeitnehmer gut leben können. Das unterscheidet uns von unseren politischen Mitbewerbern - und zwar nach rechts und nach links.

sueddeutsche.de: Ein klarer Wahlsieg in Hamburg wäre eine Kurpackung für die SPD. Im Grunde müssten Ihre Parteifreunde aus Berlin hierherkommen und gucken, wie Olaf Scholz das macht.

Scholz: Es gibt mehrere Gründe für die große Zustimmung, die die Hamburger SPD erfährt: Hamburg wird von der CDU schlecht regiert. Aber der Aufwind für uns hat auch damit zu tun, dass das Selbstbild vieler Hamburger mit den Vorstellungen der Sozialdemokraten für unsere Gesellschaft übereinstimmt: Pragmatismus, vernünftige Wirtschaftspolitik und Unterstützung für diejenigen, die sich Mühe geben und trotz ihrer Anstrengungen Hilfe brauchen. Das ist das Volksparteikonzept. Eine solche Politik ist nicht nur in Hamburg attraktiv.

sueddeutsche: Das ist die Botschaft, die nach einem Wahlsieg von Hamburg ausgeht?

Scholz: Fakt ist: Die SPD hat eine gute Perspektive für die Zukunft. Die SPD kann nach wie vor eine sehr erfolgreiche Volkspartei sein, die die ganze Bevölkerung anspricht und repräsentiert: die Polizistin genauso wie den Bürger mit Migrationshintergrund, den Unternehmer, die Krankenschwester und den Gewerkschaftssekretär.

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