Offensive gegen IS Irakische Truppen stoßen ins Zentrum von Tikrit vor

Iraqi soldiers raise their weapons as they cheer on the outskirts of the city of Tikrit as they prepare to launch a military operation to take control of the city from Islamic State (IS) group jihadists on March 10, 2015. Some 30,000 Iraqi soldiers, police and the increasingly influential paramilitary Popular Mobilisation units, which are dominated by Shiite militias, have been involved in a week-old operation to recapture Tikrit, one of the jihadists' main hubs since they overran large parts of Iraq nine months ago. AFP PHOTO / AHMAD AL-RUBAYE

(Foto: Ahmad al-Rubaye/AFP)
  • Irakische Truppen rücken in das Zentrum Tikrits vor.
  • Zurückweichende IS-Kämpfer verlegen sich auf Terrortaktiken. Sprengfallen und Selbstmordattentate verlangsamen den Vormarsch der Regierungseinheiten.
  • Ein Großteil der Kämpfer auf Seiten der Regierung gehören zu schiitischen Milizen. Koordiniert wird der Einsatz von iranischen Militärstrategen.
  • Die USA sind besorgt, schiitische Kämpfer könnten im vorwiegend sunnitischen Tikrit Übergriffe auf die Bevölkerung begehen.
Von Paul-Anton Krüger, Kairo

Meter um Meter, Haus um Haus tasten sich die irakischen Soldaten und Milizionäre vor. Seit Dienstag dringen sie von den Außenbezirken Tikrits in das Zentrum des Heimatorts des einstigen Diktators Saddam Hussein ein. Zuvor hatten sie die ganz überwiegend von Sunniten bewohnte Stadt weitgehend eingekesselt, die einmal eine viertel Million Bürger zählte. Mit Hunderten Sprengfallen und Scharfschützen versucht die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) die überlegene Streitmacht aufzuhalten, überdies hat sie deswegen offenbar ein Segment der einzigen Brücke über den Tigris in die Luft gejagt. Doch angesichts der mehr als 30 000 Kämpfer, die Iraks Regierung für die vor zehn Tagen begonnene Offensive aufgeboten hat, bleibt den Dschihadisten nichts als der Rückzug.

IS verlegt sich auf Terrortaktiken

Die regierungstreuen Einheiten haben Qadissiya zurückerobert, das größte Stadtviertel. Über dem Militärkrankenhaus dort hissten sie die irakische Flagge, wie der Gouverneur der Provinz Salaheddin mitteilte. Befreit ist Tikrit aber noch nicht: In Ramadi, einer anderen Stadt im sunnitischen Dreieck im Irak, die zum Teil vom IS kontrolliert wird, zeigt sich, was der Stadt noch droht: Zeitgleich ließen Selbstmordattentäter dort sieben schwere Autobomben hochgehen, wie die Polizei mitteilte. Ersten Erkenntnissen nach gab es zehn Tote und mehr als 40 Verletzte. Überrollten die Dschihadisten vergangenen Juni große Gebiete Iraks handstreichartig wie eine Armee, verlegen sie sich nun auf Terrortaktiken, wo immer sie militärisch unter Druck geraten.

Islamischer Staat Irakische Armee beginnt Sturm auf Tikrit
Kampf gegen IS

Irakische Armee beginnt Sturm auf Tikrit

Sie greifen aus drei verschiedenen Richtungen an: Die irakischen Streitkräfte melden den Beginn einer Großoffensive auf Tikrit. 30 000 Soldaten sollen um die strategisch wichtige Stadt kämpfen.

Iranische Militärberater koordinieren den Vorstoß

Die irakische Regierung hat schon mehrmals vergeblich versucht, Tikrit wieder unter ihre Kontrolle zu bekommen. Dass ihre Aussichten diesmal erheblich besser stehen, liegt vor allem daran, dass ihre Einheiten koordiniert vorgehen.

Militärische Planung und Disziplin steuern vor allem iranische Militärberater bei, die Aufklärungsdrohnen fliegen lassen und das Artilleriefeuer lenken. General Qassem Soleimani führt sie an. Der legendäre Befehlshaber der Quds-Brigaden, einer Spezialeinheit der Revolutionsgarden für Auslandseinsätze, scheute viele Jahre die Öffentlichkeit. Derzeit lässt er sich bald täglich an der Front im Kreise der Milizionäre fotografieren. Er wendet nun im Irak Rezepte an, die er bereits in Syrien erprobt hat. Dort schlugen ebenfalls iranische Berater im Zusammenspiel mit schiitischen Milizen die entscheidenden Schlachten für das Regime von Baschar al-Assad gegen die Rebellen.

Die Mehrheit der Kämpfer gehört Milizen an, die Iran nahestehen

Nach Schätzungen des US-Militärs gehören zwei Drittel der von Bagdad aufgebotenen Kämpfer solchen irregulären Einheiten an, von denen die wichtigsten die Badr-Organisation und die Hashid Shaabi sind, die Volksmobilisierungs-Komitees.

Wem die Loyalität dieser kampfstarken Freiwilligen-Verbände gilt, zeigen sie offen: Bilder des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Chomeini und des Obersten Führers Ali Chamenei schmücken ihre Lager. Die an der Offensive beteiligten sunnitischen Stammeskämpfer, angeblich bis zu 5000, bringen vor allem Ortskenntnis ein, denn viele der Milizionäre stammen aus dem Südirak und kennen die Gegend nicht.

Überall wehen die gelben Fahnen der Schiiten-Milizen, obwohl Premier Haidar al-Abadi jüngst versprochen hatte, dass Regierungseinheiten nur noch unter der irakischen Nationalflagge vorrücken werden. Das sollte ein Signal der nationalen Einheit sein und Sorgen lindern, dass die Spaltung des Landes entlang konfessioneller und ethnischer Linien noch vertieft werden könnte durch die weiter wachsende Macht der Schiiten-Milizen. Deren Kommandeure brüsten sich schon, dass ihre Einheiten die reguläre Armee in jeder Hinsicht überflügeln.

USA fordern Aufbau einer multikonfessionellen Truppe

Die Amerikaner beobachten das Geschehen zunehmend misstrauisch und mit Sorge. Ihre Militärberater trainieren Einheiten der irakischen Armee für die Rückeroberung von Mossul, der zweitgrößten Stadt des Landes. Generalstabschef Martin Dempsey drängte am Montag bei einem Besuch in Bagdad Premier Abadi, die Rekrutierung für die regulären Truppen zu verstärken. Das Projekt einer Nationalgarde, in der alle Konfessionen vertreten sein sollen, hängt derzeit im Parlament fest. Dempsey fügte hinzu, Iran müsse erst noch unter Beweis stellen, dass seine Unterstützung einem geeinten und stabilen Irak gelte.

Die USA befürchten, dass sich die Schiiten-Milizen, wie mehrmals geschehen, mit Massakern und Vertreibungen an den Sunniten rächen. Erste - unbestätigte - Anschuldigungen gibt es aus Salaheddin, wo aber auch die Dschihadisten verbrannte Erde hinterlassen. Vielerorts hatten die Sunniten keine Wahl, als sich ihnen zu beugen, manche machten aber gemeinsame Sache mit den Ultra-Extremisten. Washington hält sich denn auch auffällig zurück, unterstützt die Offensive in Tikrit nicht mit Luftangriffen. Zugleich müssen die Amerikanern weitgehend hilflos ansehen, wie Teheran seinen Einfluss in Bagdad vor aller Augen ausbaut.

Verteidigungsminister Khaled al-Obeidi sagte in einer Pressekonferenz mit Dempsey unverhohlen, seine Regierung habe "viele Länder um Hilfe gebeten, mit denen wir strategische Beziehungen pflegen. Dazu gehören die USA - und natürlich Iran."