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Obama und die US-Medien:"Potus ist jetzt in einer Bar und singt alte Trinklieder"

Ist mal wirklich gar nichts los, schreiben die Pooler über die Ödnis ihres Tuns: "Air Force One landet um 21.42. Potus tritt hinaus in die kalte Nacht, während Pool unter Flugzeugflügel friert." Oft entschwebt der Präsident im Hubschrauber, während das Gefolge in Kleinbussen hinterherfährt - oder irgendwo im Wartestand etwas Schlaf nachholt, während Potus sein Fitnesstraining erledigt. Als Präsident Bush einmal beim Dinner der G8 in Sankt Petersburg weilte, wartete die Reporterin sechs Stunden im Freien, ohne Essen und Toilette.

"Der Job ist nicht so sehr, über Ereignisse zu berichten, sondern hundert Prozent sicher zu sein, dass nichts passiert ist", sagt Grant. "Oft fragen wir uns allerdings, ob der minimale Ertrag wirklich Aufwand und Kosten rechtfertigt."

Oft sind die Journalisten tagelang in der Nähe des Präsidenten, ohne Gehaltvolles zu erfahren. Unter George W. Bush beschrieb der Washington-Post-Reporter Dana Milbank einmal sein Scheitern beim Versuch, auch nur irgendwas herauszufinden. Nachdem ihn Bushs Entourage etliche Male vertröstet hatte, schrieb Milbank an seine Kollegen: "Potus ist jetzt in einer Bar und singt alte Trinklieder. . . Das glauben wir nicht echt, aber können wir sicher sein, wenn uns keiner was sagt?" So entwickelte sich der "pool report" zeitweise zur Mini-Satire.

Einmal notierte die Reporterin Julie Mason bis zur letzten Nachkommastelle die astronomischen Benzinpreise an vorbeiziehenden Tankstellen, als sie in Bushs 14-Wagen-Kolonne zu einer Konferenz über erneuerbare Energien raste.

Bushs Umfeld fand, dass die Journalisten überzogen hatten: Die Berichte trieften vor Verachtung, seien parteiisch und respektlos. Es sei ein "Privileg", den Präsidenten zu begleiten, kein Anlass für billigen Spott. "Wir sind generell etwas feindselig gegenüber Personen, über die wir täglich berichten", entgegnete der Reporter Ken Herman, "wir sind launisch, zynisch, skeptisch, fies - aber parteiisch sind wir nicht." Wer Berichte vom Hof schreibt, will deswegen kein Hofberichterstatter sein.

Eigentlich sind die Wasserstandsmeldungen aus dem Pool bloß für Kollegen bestimmt und werden vom Weißen Haus auch nur an akkreditierte Journalisten gemailt. Inzwischen aber werden sie immer öfter ins Internet durchgestochen. Deswegen warnt die Vereinigung der White House Press davor, allzu schnodderig zu schreiben. Ohnehin eignet sich der stets kontrollierte Obama nicht so sehr für launige Kommentare wie George W. Bush, der auch nach acht Amtsjahren noch zuweilen amateurhaft wirkte. So gesehen ist Mitt Romney der heimliche Wunschsieger des Pressecorps: Er ist, gefühlt, in einem Jahr öfter verbal entgleist als Obama in seiner ganzen Karriere.

Bis es so weit ist, können sich die tapferen Reporterbegleiter an dem Gedanken wärmen, dass sie doch ab und zu ein kleines Stück Wahrheit offenbaren, das ohne sie im Verborgenen geblieben wäre. So ist neulich die Reporterin Jana Kasperkevic eingeteilt, um abends am Weißen Haus zu beobachten, wie Obama aus seinem Hubschrauber steigt. Der Präsident (Krawatte: rötlich) hält eine kleine Pappschachtel in den Händen, ohne Aufschrift. Erst auf Nachfrage enthüllt Obama, was drin ist.

"Bratwurst", sagt er.

© SZ vom 06.10.2012/fzg

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