NSU-Prozess:Über den Angeklagten Wohlleben berichtet der Zeuge nur Gutes

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Mirko Z. schickt sich am Donnerstag an, die Glaubwürdigkeit von Carsten S. anzukratzen. All die Fragen, die aus den Angaben von S. resultieren, beantwortet er nur vage. Ob "Kann sein", "Kann mich nicht erinnern" oder "Möglich" - Z. lässt sich die meisten Antworten regelrecht aus der Nase ziehen.

Über den Angeklagten Wohlleben berichtet der Zeuge, der Mitglied einer rechten Band war, nur Gutes. Plötzlich ist er etwas redefreudiger. Wohlleben habe er in Erinnerung als "ehrlich", "witzig", "nicht aggressiv", "immer ganz entspannt". Im "Braunen Haus", einem Treff der rechtsextremen Szene, habe man nicht über Politik gesprochen, sondern über "normale Dinge".

Unangenehm wird es für den einsilbigen Zeugen Z. am Donnerstag schließlich dank der Nebenklageanwälte, die die Hinterbliebenen der vom NSU bestialisch ermordeten Menschen vertreten.

Der Zeuge war schon als Besucher im Prozess

Sie bohren immer wieder nach - und fördern Erstaunliches zutage: So hat Z. bereits vor seiner Zeugenaussage den NSU-Prozess von der Besuchertribüne aus verfolgt. Und ist an diesem Tag mit Thomas G. angereist, einem Mitglied der sogenannten "Hammerskins", der ebenfalls schon mehrfach als Zeuge in München vorgeladen war. Z. wird zeitweise regelrecht gegrillt, zum Beispiel von der Anwältin Seda Basay.

Basay: Wann war Ihr letzter Kontakt zu Herrn Wohlleben?

Z.: 2010 vielleicht.

Basay: In welchem Zusammenhang?

Z.: Vielleicht bei einem Bier.

Damit legt sich Z. fest: Er habe nach dem Auffliegen des NSU am 4. November 2011 keinen Kontakt mehr zu Wohlleben gehabt. Basay beweist nun das Gegenteil. Die Anwältin nennt Z. zunächst einen Nutzernamen bei Facebook.

Basay: Barney, ist das bei Facebook Ihr Name?

Z: Ja, war mein Name.

Basay liest einen Facebook-Chat zwischen Wohlleben und Z. vom 24. November 2011 vor, also kurz nach dem Bekanntwerden des NSU. Wohlleben berichtet darin von Durchsuchungen: "Hab halt keine Rechner mehr, auch kein Telefon. Alles beschlagnahmt, auch alles." Z. antwortet: "Sinnlose Scheiße."

Die Anwältin zitiert aus einem anderen Chat, diesmal vom 22. November 2011. "Bist ja ein Nachrichtenstar", schreibt Z. darin an Wohlleben. Und: Die Ermittler "haben ja nichts in der Hand, außer telefonischen Kontakt". Später räumt Z. ein, er schreibe Briefe an Wohlleben.

Rechtsberatung im "Braunen Haus"

Eine bemerkenswerte Szene ist ihm schließlich noch zu verdanken: Z. erwähnt, dass im Beisein von Wohlleben "Rechtsschulungen" im "Braunen Haus" abgehalten worden seien. Wer da wen fragen konnte, will die Nebenklage wissen. Da interveniert Wohllebens Anwältin Nicole Schneiders. Und auch sein zweiter Rechtsbeistand Olaf Klemke schaltet sich ein: "Für gewöhnlich unterscheidet man zwischen Politik und Recht, in diesem Land wohl nicht mehr!" Es kommt zu langwierigen Wortgefechten.

Moment mal, denkt da der Beobachter: Eine Rechtsanwältin, die früher in der NPD war und nun einen früheren NPD-Funktionär vertritt, will vermeiden, dass über Anwesende bei früheren Rechtsberatungen im "Braunen Haus" gesprochen wird - oder möglicherweise darüber, welche rechtskundigen Personen damals referiert haben? Aber vielleicht wäre das auch zu simpel gedacht.

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