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NSU-Prozess:Nägel der Zerstörung

NSU Prozess -  Keupstraße

9.6.2004, Köln, Keupstraße: Nagelbombe mit enormer Kraft

(Foto: dpa)
  • Im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München wird der größte Anschlag der rechtsextremen Terrorgruppe verhandelt: Der Bombenanschlag in Köln vom 9. Juni 2004.
  • Damals war in der Keupstraße eine Nagelbombe explodiert, mehr als 700 Nägel bohrten sich in Autos, Fassaden und Menschen. Verletzt wurden 22 Personen.
  • Das Gericht betrachtet Fotos und die Videoaufnahme, die womöglich Uwe Mundlos zeigt, als er die Bombe in Stellung bringt.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger und Tanjev Schultz

Es war der größte Anschlag des NSU und nur durch ein Wunder wurde kein Mensch dabei getötet. In der Keupstraße in Köln war am 9. Juni 2004 eine Nagelbombe explodiert. Mehr als 700 rund zehn Zentimeter lange Zimmermannsnägel bohrten sich in Autos, zerstörten Fassaden, durchlöcherten Fenster. Und sie bohrten sich in die Körper von 22 Menschen.

Direkt vor einem Friseurladen hatten die Täter des NSU das Fahrrad mit der Bombe auf dem Gepäckträger abgestellt, eigens gesichert mit einem Aufbockständer, damit es nicht umfiel mit seiner schweren Last. Es war ein schöner, warmer Frühsommertag, viele Menschen schlenderten durch die Keupstraße. Im Friseurladen saßen junge Männer, die sich gerade die Haare scheiden ließen, ein paar standen direkt unter der Tür.

Die Bombe schlitzte ihnen die Haut auf, drang in die Muskeln, Feuer brach aus, sie konnten nichts mehr sehen, blutüberströmt taumelten sie hinaus auf die Straße. Es war ein Bombenanschlag, wie ihn die Republik seit dem Attentat auf das Oktoberfest in München im Jahr 1980 nicht mehr erlebt hatte.

Einem Mann müssen Dutzende Nägel aus dem Körper operiert werden

Nun, fast zwei Jahre nach Beginn des NSU-Prozesses, wird dieser Teil der NSU-Tatserie vor dem Oberlandesgericht München verhandelt. Am Montag begannen Polizisten, ihre Ermittlungsergebnisse vorzutragen. Vom 20. Januar an kommen die Zeugen, die schwer verletzt wurden: deren körperliche Wunden mittlerweile verheilt sind, aber die noch immer leiden unter den psychischen Folgen. Wie jener junge Mann, dem Dutzende Nägel aus dem Körper operiert werden mussten.

An diesem ersten Prozesstag im Jahr betrachtet das Gericht Fotos. Jene Fotos, die unmittelbar nach der Tat von den Spezialisten der Sprengstoffabteilung des Landeskriminalamts gemacht worden waren: Glassplitter, wohin man blickt, zerstörte Reklameschilder, abgerissene Markisen, Autos, in denen Splitter stecken und wie angeklebt herausragen: Es sind Teile der Box, in der die Bombe versteckt war. Und immer wieder die Nägel: Einer im ersten Stock, er ragt aus der Fassade heraus, andere stecken in Autos, liegen auf Vordächern.

Uwe Mundlos war wahrscheinlich der Täter

Und einige wurden auch hinter den dreistöckigen Häusern gefunden, in den Hinterhöfen und Gärten. So hoch hatte sie die Wucht der Explosion geschleudert. Allein 702 Nägel sammelten die Fahnder ein, dazu viele Kleinteile. "Schon auf ersten Blick war zu sehen: Hier ist was passiert", sagte Kriminalhauptkommissar Martin Waloßek vom Landeskriminalamt Düsseldorf. Er war als einer der ersten am Tatort. Die Experten haben das Fahrrad und die Bombe rekonstruiert.

Die mutmaßlichen Täter des NSU hatten für ihren Anschlag ein billiges Fahrrad von Aldi besorgt, für 249 Euro. Für sich selbst nutzten sie hochpreisige Räder. Auf dem Gepäckträger hatten sie einen Helmbehälter montiert, darin eine Campinggasfalsche und die 700 Nägel, um die Splitterwirkung zu verstärken. 5,5 Kilogramm Schwarzpulver hatten Platz, erklärte Dirk Spliethoff vor Gericht, Bombenexperte beim LKA. Die Bombe, so Spliethoff, wurde wohl ferngezündet, es wurde eine Sprengvorrichtung in der Fahrradtasche gefunden.

Schon an früheren Verhandlungstagen hatte sich das Gericht die Videoaufnahmen des damals in der Nähe residierenden Musiksenders Viva angesehen, auf denen ein Mann zu sehen ist, der das Fahrrad mit dem Gepäckaufsatz in die Keupstraße schiebt. Er geht vorsichtig und umsichtig vor, touchiert niemand, steuert zielsicher die Straße an, in der vor allem türkische Migranten leben.

Er hat sich das Käppi tief in die Stirn gezogen. Es handelt sich mit großer Sicherheit um Uwe Mundlos. Die Anklage geht davon aus, dass Uwe Böhnhardt in sicherer Entfernung auf Mundlos wartete und die beiden dann die Bombe zündeten. Anschließend seien sie mit ihren eigenen Rädern geflüchtet, heißt es in der Anklage.

Die Beweisaufnahme im Komplex Keupstraße könnte sich bis Ostern ziehen. Danach könnten die 15 Raubüberfälle behandelt werden. Die zehn Morde des NSU hat das Gericht bereits im letzten Jahr abgeschlossen.

© Süddeutsche.de/fued/lala
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