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Pandemie:Laschet verkündet Lockdown für gesamten Kreis Gütersloh

In der Gegend gelten nach dem Coronavirus-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies wieder die Regeln wie Ende März - zunächst für sieben Tage.

Nach dem Coronavirus-Ausbruch beim Fleischverarbeiter Tönnies schränken die Behörden das öffentliche Leben im 365 000 Einwohner zählenden Kreis Gütersloh wieder massiv ein. Erstmals in Deutschland werde ein Kreis wegen des Infektionsgeschehens wieder auf die Schutzmaßnahmen zurückgeführt, die noch vor einigen Wochen gegolten hatten, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Im Kreis Gütersloh handele es sich um das bisher "größte Infektionsgeschehen" in dem Bundesland und in Deutschland. Der erneute Lockdown soll zunächst eine Woche lang gelten.

Bis zum 30. Juni werde man dann mehr Klarheit haben, inwieweit sich das Virus womöglich auch bei Menschen, die nicht bei Tönnies arbeiten, ausgebreitet habe, sagte Laschet. Zudem werden die Behörden die Tests in der Bevölkerung massiv ausweiten.

Vor allem werden wieder die Kontaktbeschränkungen eingeführt: Die Bewohner dürfen sich im öffentlichen Raum nur noch mit Mitgliedern des eigenen Haushalts bewegen. Fitnessstudios, Kinos und Bars würden geschlossen, zahlreiche Kulturveranstaltungen abgesagt. Picknicks im Park sind wieder verboten. Vor knapp einer Woche waren in dem Kreis bereits die Schulen und Kitas für 50 000 Kinder geschlossen worden.

Auch im angrenzenden Kreis Warendorf sollen gezielte Maßnahmen eingesetzt werden, allerdings nicht flächendeckend. "Wir haben heute zum ersten Mal die Schwelle im Kreis Warendorf überschritten", sagte Laschet. Zudem sollen in dem gesamten Bundesland alle Mitarbeiter der Fleischindustrie getestet werden.

Der Ministerpräsident appelliert an die restliche Bevölkerung, die Menschen aus dem Kreis Gütersloh nicht zu stigmatisieren. Außerhalb der Tönnies-Mitarbeiter und deren Familien gebe es nur 24 Infizierte. Er bezog sich auf Berichte, wonach auf der Insel Usedom in Mecklenburg-Vorpommern ein Pärchen aus Gütersloh dazu aufgefordert wurde, vorzeitig abzureisen. Laschet bittet die Einwohner aus dem Kreis Gütersloh dennoch, nicht in andere Kreise zu fahren. Das werde auch kontrolliert, sagte Laschet. Es gebe jedoch kein Ausreiseverbot.

Grund für den erneuten Lockdown ist der Ausbruch in dem Tönnies-Schlachtbetrieb in Rheda-Wiedenbrück. Dort wurden mittlerweile mehr als 1500 Mitarbeitern positiv auf das Virus getestet. Fachleute des Robert-Koch-Instituts und andere Wissenschaftler sind im Kreis Gütersloh nach Angaben der Behörden im Einsatz. "Deren Empfehlungen folgen weitere Maßnahmen", hatte Laschet (CDU) bereits am Montag über Twitter angekündigt, ohne Details zu nennen.

Mobile Teams testen Tönnies-Mitarbeiter und deren Familienangehörige

Rund 7000 Mitarbeiter des Schlachtbetriebs stehen mitsamt ihren Familien bereits seit einigen Tagen unter Quarantäne. Die Einhaltung aber gestalte sich schwierig. Die nordrhein-westfälische Landesregierung habe drei Einsatzhundertschaften der Polizei in den Kreis Gütersloh geschickt, sagte Laschet. Die Polizisten sollten die Quarantäne der Mitarbeiter von Tönnies kontrollieren. Die Polizei soll auch die mobilen Testteams begleiten, die die Mitarbeiter und deren Familienangehörige testen. Zur Not müssten die Behörden auch mit Zwang die Anordnungen durchsetzen. Es werde auch zusätzliche humanitäre Maßnahmen zur Unterstützung der Betroffenen geben. Im betroffenen Tönnies-Werk, der größten deutschen Fleischfabrik, ruht der Betrieb.

Laschet warf Tönnies mangelnde Kooperationsbereitschaft vor, weil der Konzern die Daten der Werkarbeiter nicht an die Behörden übermittelt habe. Daher hätten die Behörden die Herausgabe von Daten durchgesetzt. "Da wurde nicht mehr kooperiert, da wurde verfügt", sagte Laschet. Dass das Unternehmen den Datenschutz angeführt habe, sei kein Argument. Aus Infektionsschutzgründen wäre Tönnies gesetzlich verpflichtet gewesen, die Daten der Beschäftigten zu übermitteln, sagte Laschet. Ob das Unternehmen Schadensersatz zahlen müsse, sei noch zu prüfen.

Die Zahl der nachweislich infizierten Tönnies-Mitarbeiter ist seit der ersten Meldung in der vergangenen Woche stetig weiter gestiegen. Es gebe 1553 positive Befunde von den Personen, die unmittelbar im Werk tätig sind, sagte der Leiter des Krisenstabes im Kreis Gütersloh, Thomas Kuhlbusch. 6650 Proben seien genommen worden.

© SZ.de/dpa/cck/jael
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