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Niederlande:Kaffeetrinken und Krawall

In mehreren Städten führen Proteste gegen die Corona-Maßnahmen sowie Hass auf den Staat und die Medien zu ungewöhnlich heftiger Gewalt.

Von Thomas Kirchner

Es war Gewalt von einem Ausmaß und mit einer Aggressivität, wie sie die Niederlande länger nicht erlebt haben: In mehreren Städten eskalierten am Wochenende Demonstrationen gegen die Corona-Politik. Vor allem in Eindhoven wurden die Sicherheitskräfte auf breiter Front mit Steinen, Golfbällen, Messern und Feuerwerkskörpern attackiert, Jugendliche plünderten Geschäfte und legten Brände. Sogar ein Krankenhaus wurde angegriffen. In Amsterdam musste die Polizei Wasserwerfer, Hunde und berittene Beamte einsetzen, um eine ungenehmigte Zusammenkunft auf dem Museumsplatz zu beenden. Zu Krawallen kam es auch in Den Haag, Tilburg, Venlo, Enschede, Helmond, Roermond und Urk. Etwa 250 Menschen wurden festgenommen.

Am Montagmorgen versuchte das Land, den etwas diffusen Hintergrund zu erhellen. War das wirklich nur Protest gegen die Corona-Maßnahmen? Die Regierung hatte sie vergangene Woche aus Angst vor den sich immer stärker verbreitenden Virus-Mutationen verschärft und unter anderem eine Ausgangssperre von 21 bis 4.30 Uhr erlassen - ein umstrittener Schritt, weil er Erinnerungen an die Nazi-Besatzung während des Zweiten Weltkriegs hervorruft. Viele der Protestierenden stehen Bewegungen wie "Viruswaanzin" oder "Viruswaarheid" nahe, die die Sorge vor der Pandemie für übertrieben halten.

Hinzu tritt jedoch offensichtlich ein verbreiteter Hass auf den Staat und die ihm angeblich hörigen "Mainstream-Medien", der in sozialen Netzwerken seit Längerem schwelt und sich nun auf Straßen und Plätzen entladen hat. Diese Radikalisierung wird befeuert von Äußerungen rechter Politiker, die zum "Widerstand" gegen die "inakzeptable Freiheitsbeschränkung" aufrufen, in einer extremistischen Diktion, die an den Sturm auf das Kapitol in Washington erinnert. Laut Medienberichten waren unter den Krawallmachern auch Rechtsextremisten sowie Fußball-Hooligans.

Angst vor einem "Bürgerkrieg"

John Jorritsma, Bürgermeister von Eindhoven, zeigte sich am Abend sichtlich schockiert von den Vorkommnissen in seiner Stadt. Den Angreifern, die er als "Abschaum" bezeichnete, sei es erkennbar nicht um Proteste gegangen, die Lage sei beim ersten Kontakt mit der Polizei eskaliert. "Ich habe Angst, dass wir, wenn wir so miteinander umgehen, auf dem Weg in einen Bürgerkrieg sind." Er erkenne seine Stadt nicht mehr, sagte der sozialdemokratische Politiker Hafid Bouteibi, die Linksliberale Robin Verleisdonk sagte: "Es sieht aus wie Krieg." Ministerpräsident Mark Rutte verurteilte die Gewalt scharf. "Das ist absolut unzulässig, das hat nichts zu tun mit Protesten, sondern ist kriminelle Gewalt", sagte er.

Wie bei mehreren anderen Protestveranstaltungen in den vergangenen Jahren wurden Journalisten angegriffen, vor allem Reporter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks NOS. Viele Demonstrationsteilnehmer streamten die Ereignisse selbst live und brachten damit ihr Misstrauen gegen die angeblichen Fake News der Medien zum Ausdruck. Dabei produzierten sie selbst Fake News: In Eindhoven tat ein Demonstrationsteilnehmer so, als wäre er von einem Polizeiauto angefahren worden - offensichtlich, um daraus einen Social-Media-Clip zu machen.

Die Polizeigewerkschaft äußerte die Sorge, dass die Krawalle noch Tage oder Wochen andauern könnten. Man sei aber darauf vorbereitet. In Whatsapp-Gruppen wurde zu weiteren Aktionen an den kommenden Wochenenden in Amsterdam und anderen Städten aufgerufen. Sie werden, wie schon an diesem Wochenende, als gemeinsames "Kaffeetrinken" bezeichnet.

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