Neuseeland nach dem Attentat Über dem Blumenmeer ein Schild aus Karton

Auch Harpreet Singh lebt in dem Wohnviertel nahe der Moschee. Der indische Gaststudent redet mit leiser Stimme, er hat sich etwas in den Park zurückgezogen und betrachtet durch die Bäume hindurch die Moschee, aus der er am Freitag einen Anruf von seinem Chef erhielt: "Ich war in der Universität, als ich ans Telefon ging. Mein Chef rief panisch ins Telefon, dass jemand mit einer Waffe durch die Moschee läuft. Er wusste, dass ich in der Gegend wohne und rief mich daher an, um in mein Haus fliehen zu können." Singh gab ihm die Adresse und fuhr gemeinsam mit einem Kommilitonen so schnell er konnte nach Hause. Dort fand er seinen blutüberströmten Vorgesetzten vor, der eine Streifwunde am Oberkörper erlitten hatte.

"Wir haben versucht, die Rettung zu erreichen, aber dort waren alle Leitungen belegt. Also sind wir mit meinem Auto ins Krankenhaus gefahren", erzählt Singh. Seinem Chef ginge es den Umständen entsprechend gut, Singh jedoch sieht man den Schock auch am Tag darauf an, während er erzählt senkt er immer wieder den Kopf, sein Blick wirkt leer.

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So gut wie jeder der Anwesenden hat eine solche Geschichte zu diesem Attentat zu erzählen. Manche berichten unter Tränen davon, wie sie sich um ihre Kinder sorgten, die im Park spielten. Ein stämmiger, älterer Mann, der seinen Nachnamen nicht an die Medien weitergeben möchte und sich nur als Dean vorstellt, brummt immer wieder vor sich hin: "This is not who we are" - "Das sind nicht wir" und bringt damit ein Gefühl zum Ausdruck, das auch von anderen Trauernden geteilt wird. Auch über dem kleinen Blumenmeer an der Verkehrsinsel befestigt jemand ein aus Karton gebasteltes Schild, auf dem "This is not NZ" steht - "Das ist nicht Neuseeland".

Was Neuseeland wirklich ist, stellt Christchurch an diesem Samstag eindrucksvoll unter Beweis. An der kleinen Gedenkstätte versammeln sich Menschen verschiedenster Herkunft, fast alle von ihnen haben Migrationshintergrund aus Asien, dem Pazifikraum, dem Nahen Osten oder aus Europa, sie alle stellen eine bunte Nation da, die voller Wärme ist im Gedenken an die verstorbenen Muslime.

Sie waren gekommen, um ein besseres Leben zu führen

Am späten Vormittag trifft eine Gruppe von Schülern der Christchurch Boys High School ein, die meisten von ihnen stammen aus Tonga, einem Inselstaat nördlich von Neuseeland. Sie haben eine Gitarre mitgebracht, stellen sich im Kreis auf und singen ein sanftes, ergreifendes Lied in der Sprache der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Der Lehrer stellt sich als Albany Peseta vor, er berichtet davon, wie er gemeinsam mit seinen Schülern gestern gebetet habe, um die Angst zu vertreiben, während die Schule abgeriegelt war.

Mit tränenerstickter Stimme fasst Peseta in einem Satz die Gefühle einer Stadt zusammen, die sich verantwortlich fühlt für die kleine muslimische Gemeinde, die am Freitag attackiert wurde: "Die Menschen, die gestern gestorben sind, und ihre Vorfahren sind nach Neuseeland gekommen, um ein besseres Leben zu haben - genau wie wir alle. Dass sie das nicht durften, bricht mir das Herz."

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