Neues vom Projekt #Kunstjagd:Strohhalm zum Festklammern

Kunstjagd Gemälde

14 Gemälde, die in Frage kommen: Kennen Sie eines davon?

(Foto: Follow the Money)

Ein schlimmes Schicksal, aber eines unter vielen: Die Spuren der vor den Nazis geflohenen Familie Engelberg verlieren sich. Aber es gibt neue Hinweise von Teilnehmern des Projekts #Kunstjagd.

Internationales Rechercheprojekt - Woche 5

Das Projekt #Kunstjagd, in dem das Rechercheteam von Follow the Money (FtM) versucht, ein im Dritten Reich verschollenes Gemälde einer jüdischen Familie aufzuspüren, geht in die fünfte Woche. Hier berichten die FtM-Kollegen von den Stationen und Fortschritten ihrer Recherche.

Das Projekt

Im Mittelpunkt des Projekts #Kunstjagd steht die Suche nach einem verschollenen Gemälde der Familie Engelberg. SZ.de begleitet die Recherchen in einem 360°-Schwerpunkt, in dem wir über Fortschritte informieren und den historischen Hintergrund beleuchten Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) sowie der Filmproduktion Gebrüder Beetz und den Medienpartnern BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de. Mehr auf www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Wir sind jetzt seit fünf Wochen unterwegs. Haben in München den Weg von Paula Engelberg nachvollzogen, die mit dem nun verschollenen Gemälde die Wohnung verließ und mit dem rettenden Visum wiederkam. Wir haben die Datenbanken gecheckt und in Galerien und Kunsthandlungen nachgeforscht - ohne Ergebnis, aber mit wertvollen Hinweisen auf den Künstler Otto Theodor Stein, der das Bild gemalt hat, das wir suchen. Und auf dessen Schwestergemälde, das noch bei dem einzigen Überlebenden der damals vor den Nazis geflohenen jüdischen Familie, Edward Engelberg, in Portland hängt.

Von München aus sind wir nach Tschechien, nach Chemnitz und zum Kunstexperten Olaf Thormann in Leipzig gereist. Wir wissen jetzt mehr über Stein, über das jüdische Leben in Chemnitz. Wir haben herausgefunden, dass Steins Atelier um die Ecke der Engelbergschen Wohnung lag und dass Stein in den Kreisen der Chemnitzer Kaufleute verkehrte - Kreise, zu denen Edward Engelbergs Vater Jakob als "kaufmännischer Textilwarengroßhändler" sehr wahrscheinlich gehörte. Aber belegen, wie und wo sich der Künstler und die Eltern von Edward Engelberg vor etwa 90 Jahren begegnet sind, können wir nicht. Wir wissen nur, dass das passiert sein muss, denn Edward Engelberg besitzt immer noch eine Zeichnung des Künstlers mit einer Widmung in Steins Handschrift: "Herrn Engelberg".

Olaf Thormann, der Stein-Experte, hat uns geholfen, eine Liste mit 14 Gemälden zu erstellen, die aufgrund ihrer Provenienz und ihres Motivs Kandidaten für das verlorene Schwestergemälde sein könnten. Daraus bauten wir ein "Fahndungsplakat" und hoffen auf Hilfe von außen. Mit nur wenig Erfolg bislang. Aber wir fahnden weiter nach dem Bild, das Edward Engelberg als möglichen Kandidaten identifiziert hat.

Die Unterschrift auf dem rettenden Visum

Und wir fahren in die Schweiz, um dem zu folgen, was wir "die Visumsspur" nennen. Wir wollen ins Schweizer Bundesarchiv, dort liegen stapelweise Akten, die uns Einsicht verschaffen in die Zustände und die Stimmung im Münchner Konsulat im Jahr 1938. Als Erstes gleichen wir in Frage kommende Namen mit der Unterschrift auf dem Visum ab: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit hat ein Wolfgang Gribi das Papier unterzeichnet, das den Engelbergs zur Freiheit verhalf. Er war kurz zuvor von Stuttgart nach München versetzt worden, als rechte Hand und Unterstützung für den Kanzleichef Paul Frei.

Gribi war damals 34 - er sollte später noch Karriere machen und zum Vizekonsul in Köln aufsteigen, wo er gerade mal 53-jährig an einem Magen-Darm-Geschwulst starb. Wir finden Hinweise auf seine Ehefrau, und eine Nachlassliste - zwei Gemälde sind verzeichnet. Eine Sonnenblume, eine Kirchenansicht, aber kein Frauenporträt. Es ist seltsam, über den Blick in Aktenordner einen so intimen Einblick in das Leben längst verstorbener Menschen zu bekommen. Die Suche nach überlebenden Verwandten und Bekannten - in Zeitungsarchiven, alten und neuen Telefonbüchern und Stammbäumen - läuft ins Leere. Zwar machen wir die letzte Adresse von Gribis Witwe ausfindig, sie wäre heute 106. Der Auskunft des Berner Seniorenheims zufolge hat sie "vor wenigen Jahren" noch gelebt.

Auch bei einer weiteren Mitarbeiterin des Generalkonsulats, die "selbständig mit Visaangelegenheiten" betraut war, findet sich niemand mehr, der sich erinnern würde - nicht mal ihr heute 95-jähriger, damaliger Nachbar in München, den wir übers Telefon erreichen, weiß irgendetwas. Die Kinder des damaligen Generalkonsuls Paul Ritter - Lia Spielmann und Alfons Ritter - sind ebenfalls nicht ausfindig zu machen. Wir stoßen auf eine jüdische Mitarbeiterin, eine kleine Angestellte - vielleicht hatte sie ja Verständnis für die Engelbergs? Aber auch ihre Spur verliert sich. Schließlich gab es noch Kanzleichef Paul Frei - und er hat eine Tochter, sie hat eine Meldeadresse, aber keine Telefonnummer, und sie ist auch schon 78. Dennoch: Wir werden versuchen, mit ihr zu sprechen, wenn wir wieder in Deutschland sind.

Kaum noch lebende Zeitzeugen

Immerhin haben wir nun eine klarere Vorstellung von der Arbeit im Konsulat damals: Mehr als 600 Visa wurden hier 1938 ausgegeben (nach etwa 182 im Jahr davor), der Großteil davon im Herbst, nach Einführung des Judenstempels und nach den Schrecken der Reichspogromnacht. Vor dem Generalkonsulat bildeten sich Schlangen, die Schweizer führten ein Wartenummern-System ein - und schafften es wieder ab, weil manche ein Geschäft draus machten, die Nummern zu verkaufen. Viel Anlass zu Spekulation, nichts Handfestes.

Die Geschichte, an die sich Paula Engelbergs Kinder erinnern - dass ihre Mutter sagte, sie habe für das Bild ein Visum bekommen - liegt nun mehr als siebzig Jahre zurück. Lebende Zeitzeugen, die sich an diese Zeit, an Paula, Jakob, Edward und Melly erinnern, haben wir bisher nicht finden können. Nicht mal der Sohn der Zuckers, bei denen die Engelbergs damals in Zürich auf ihrer Flucht Unterschlupf fanden, kann sich an mehr als den Nachnamen erinnern, den seine Großmutter manchmal erwähnt habe.

Was uns immer wieder vor Augen geführt wird: Die vor den Nazis geflohenen Engelbergs waren eben "ganz normale Menschen", nur ein Schicksal unter vielen. Was ihnen widerfuhr, wurde kaum dokumentiert, und von den Menschen, die mit ihnen in Kontakt kamen, nicht an ihre eigenen Kinder überliefert. Wenn es diese Erinnerungen irgendwo gibt, so haben wir sie bisher nicht ausfindig machen können. Wir laufen immer wieder ins Leere.

Doch wieder gibt es einen Strohhalm, an den wir uns klammern können: Während wir in der Schweiz die Akten durchwühlt haben, haben uns weitere Hinweise auf die Spur der Bilder erreicht, die Edward Engelberg auf unserem Fahndungsplakat ausgewählt hat. Wir müssen zurück nach Deutschland.

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