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Andrea Nahles:Die Frage nach Nahles' Zukunft kommt erst erst sehr spät

Nach Nahles' 30-minütigem Vortrag und wohlwollendem Applaus kommen einige Fragen aus dem Publikum, die ersten fünf allesamt von Männern. Sie befassen sich eher mit grundsätzlichen Aspekten der Verfassung, zum Beispiel wie Nahles zu mehr direkter Demokratie stehe ("früher positiv, heute immer skeptischer"). Dann fragt eine Reporterin, ob sie denn in der Politik Gleichberechtigung erfahren habe. Man muss dazu wissen, dass der Veranstalter angemeldete Journalisten vorab darüber informiert hat, dass Nahles allzu politische Fragen nicht zu beantworten gedenke, schon gar nicht zur SPD.

Doch Nahles antwortet ohne lange zu überlegen, dass sie niemals Gleichberechtigung erlebt habe. Und sie spricht von sich aus über die SPD. Natürlich habe sich die Situation über die Jahre verbessert, aber zuletzt sei es "wieder schlechter geworden". Stets habe es die männlichen Zirkel gegeben. Selbst als sie ins Präsidium der Partei aufgestiegen sei, den Kernbereich der Macht, habe sie immer mal wieder festgestellt, dass sich "die Jungs doch wieder vorher getroffen" hatten. Als sie Vorsitzende geworden sei, habe es nicht mehr so viele Zirkel gegeben, "logischerweise", sagt Nahles. "Aber immer noch genug."

Nahles weiß, dass man diese Antwort geradezu wie einen Kommentar zu ihrem Abgang sehen muss. In den Wochen und Monaten vor ihrem Rücktritt hatte Nahles stets vor allem Männer im Verdacht, gegen sie zu agitieren, unter anderem ihre Vorgänger Martin Schulz und Sigmar Gabriel. Allerdings richteten Kritiker auch gegen sie den Vorwurf, sich zu sehr im Kreise ihrer engsten Vertrauten abzuschotten.

Ob es nicht den Frauen auch an Solidarität untereinander fehle, will in Maria Laach jemand wissen. Jedenfalls hätten Frauen immer noch zu wenig Erfahrung darin, sich zu vernetzen und gegenseitig zu unterstützen, findet Nahles. Unter Frauen agierten weniger "Lobkartelle" - deshalb seien sie nicht "so blind solidarisch, wie das oft unter Männern ist". Auch das kann man als Anspielung auf ihre letzten Erfahrungen an der SPD-Spitze verstehen: Auffallend wenige Frauen hatten für Nahles offen Partei ergriffen.

Nach gut einer Stunde fragt dann ein Reporter, was denn nun mit ihrem Bundestagsmandat geschehe. Da lacht Nahles ein wenig und sagt, sie habe sich schon gewundert, warum es so lange gedauert habe. Die Frage werde sie jedenfalls "zügig und zeitnah beantworten". Aus den vorderen Reihen kommen plötzlich Zwischenrufe: "Du musst drinbleiben, Andrea." Und "Weitermachen!". Da antwortet Nahles doch ziemlich ernst: "Man muss auch manchmal wissen, wann es Zeit ist, was Neues anzufangen."

Nach 75 Minuten beendet Nahles die Fragerunde. Der Abschied gestaltet sich bedeutend länger als der Einzug. Hier noch ein Selfie, da noch ein kurzer Plausch. Viele Besucher wollen Nahles in den Arm nehmen. "Ich könnte doch dein Vater sein", sagt ein älterer Herr. Die einstige Politikerin meidet jetzt auch die Journalisten nicht mehr, zumindest die ohne Mikrofone. Die Erleichterung über das Ende ist ihr anzumerken - über das Ende der Veranstaltung hier, aber auch über das Ende ihrer politischen Laufbahn. Sie sei mit sich im Reinen, sagt sie. Die Entscheidung sei richtig gewesen. "Ich habe es nicht bereut."

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