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Andrea Nahles:Erleichterung über das Ende

Andrea Nahles Vortrag im Kloster Maria Laach

Andrea Nahles bei ihrem Vortrag im Kloster Maria Laach

(Foto: dpa)

Fast zwei Monate nach ihrem Abgang als SPD-Vorsitzende spricht Andrea Nahles wieder öffentlich. Bei ihrer Rede scheint hin und wieder auch Kritik an ihrer Partei durch.

Das erste, was man hört, ist dieses typische Kichern. Gurgelnd, hoch im Klang, ein wenig abgehackt. Andrea Nahles kommt zu Fuß, sie ist vielleicht noch 50 Meter entfernt. Sie sieht jetzt die Journalisten, die Fotografen, die Kameras und Mikrofone vor dem Klosterforum von Maria Laach. Gleich begegnet sie ihrem früheren Leben wieder, auch wenn es hier nur aus rund einem Dutzend Reporter besteht. Noch klingt ihr Kichern eher nach Nervosität, nach einer gewissen Anspannung. Rund eineinhalb Stunden später wird das ganz anders sein.

Zwei Monate und acht Tage nach ihrem Abgang aus dem Willy-Brandt-Haus in Berlin tritt Andrea Nahles an diesem Abend erstmals wieder öffentlich auf. Sie hat dafür eine Veranstaltung gewählt, zu der sie schon zugesagt hatte, als sie noch SPD-Partei- und Fraktionsvorsitzende war - und einen Ort, der ihr vertraut ist, fast könnte man sagen: an dem sie sich geborgen fühlt. Das Kloster Maria Laach liegt nicht nur in ihrem Wahlkreis in der Vulkaneifel zwischen Bonn und Koblenz, wenige Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Es ist für die überzeugte Katholikin auch ein persönlicher Bezugspunkt. Ein Kreuz aus Maria Laach steht in ihrem Bundestagsbüro, ein zweites hat sie ihrem einstigen Kollegen, dem früheren Unions-Fraktionschef Volker Kauder, geschenkt.

Nahles erreicht den Eingang des Klosterforums, sagt freundlich: "Guten Abend!", eilt aber gleich weiter. Auf die Frage, wie es ihr gehe, gibt sie keine Antwort. Im Saal wird sie von knapp 300 Zuschauern mit Applaus empfangen, die Mehrzahl der Zuhörer ist älter als Nahles mit ihren 49 Jahren. Einige Gäste begrüßt sie mit Handschlag, zwei, drei weitere mit einer Umarmung. Es sind Vertraute dabei, Weggefährten aus der SPD, wie der einstige rheinland-pfälzische Finanzminister Gernot Mittler. Da vorne wirkt Nahles schon etwas lockerer.

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Vom Publikum in den vorderen Reihen hat sie hier ganz gewiss keine Missgunst zu befürchten - das war zuletzt ja nicht immer so, wenn sie vor Sozialdemokraten sprach. Der Gastgeber begrüßt sie mit den Worten, sie sei die erste Frau, die zur Vorsitzenden der ältesten Partei Deutschlands gewählt worden sei. Was danach kam, sagt er nicht - in ihrer Heimat bleibt von Nahles, was sie erreicht hat, nicht, woran sie gescheitert ist.

Anfang Juni hat sich Andrea Nahles für den fast vollständigen Schnitt entschieden. Parteivorsitz, Fraktionsvorsitz, alles weg. Die schwere Niederlage der SPD bei der Europawahl war ein Anlass, aber der wachsende Druck aus der Partei, die Unzufriedenheit an der Basis wie in der Fraktion, einige glücklose Auftritte, vor allem aber die anschwellende, immer hemmungslosere Kritik an ihr als Person - das waren die eigentlichen Gründe für ihre Flucht. Sie kündigte auch an, das Bundestagsmandat niederzulegen, das aber hat sie bislang nicht getan.

In den Wochen danach tauchte sie ab. Viele waren es nicht, zu denen sie Kontakt hielt; keine Interviews, schon gar keine Abrechnung. Zuletzt machte sie Urlaub in Italien. An diesem Montag nun, an dem ihre achtjährige Tochter morgens den ersten Schultag in der dritten Klasse hatte, kehrt auch Nahles zurück. Vorübergehend.

Ihr Vortrag handelt von der Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz und im wirklichen Leben. Sie holt etwas allgemeiner aus, beschreibt ihre Wertschätzung für die schöne, weil klare Sprache des Grundgesetzes, erinnert aber auch daran, welcher Bemühungen es bedurfte, um die Gleichberechtigung überhaupt darin zu verankern, und wie lange es brauchte, bis auch in den normalen Gesetzen Benachteiligungen für Frauen abgeschafft wurden.

Auch Parteitagsfloskeln kann Nahles noch

Nahles' letzte Auftritte sind erst ein paar Monate her. Und doch kommt einem manches vor wie aus längst vergangenen Zeiten, wenn man es jetzt wieder erlebt. Es sind kleine Reminiszenzen, die an die Politikerin Nahles erinnern: Sie sagt schon immer "irste" statt "erste". Kein Ministeramt und kein Parteivorsitz konnte ihr das austreiben. Aber es kann zu Missverständnissen führen, wenn man es nicht gewohnt ist, zum Beispiel, wenn Nahles von der "irsten" Frauenbewegung redet.

Sie hat auch noch die Floskeln für die Parteitagsreden drauf, zum Beispiel: "... um das mal in aller Deutlichkeit zu sagen, an dieser Stelle". Und natürlich sind da auch wieder diese kleinen Wendungen der Empörung, mit denen die Emotionspolitikerin Nahles ihren Worten stets Nachdruck verlieh: "Jetzt mal im Ernst!", oder: "Das muss man sich mal reinpfeifen!" Früher hat sie noch gröbere Formeln und bisweilen auch ordinäre Ausdrücke benutzt, weshalb manche Sozialdemokraten Anlass sahen, sich ihrer zu schämen.

Nahles referiert, wie erst in ihrem Geburtsjahr 1970 ein Paragraf gestrichen wurde, dass bei Meinungsverschiedenheiten in einer Ehe am Ende der Mann entscheide. Oder 1977 ein Gesetz, dass Frauen ihre Männer fragen mussten, bevor sie arbeiten gingen. Oder wie erst 1997 das Gesetz über die Vergewaltigung in der Ehe verabschiedet wurde. Damals habe sie immer wieder den Satz gehört, unterm Ehebett habe der Staatsanwalt nichts zu suchen - "das muss man sich mal reinpfeifen!"

Vieles sei erreicht worden, aber gewiss noch keine Gleichberechtigung. Den Mindestlohn, den sie als Arbeitsministerin eingeführt hat, sieht Nahles als Beispiel dafür, wo Gleichberechtigung konkret politisch werde, weil vor allem Frauen davon profitierten. In den Vorstandsetagen der Konzerne aber säßen noch zu wenig Frauen. Leider, so Nahles, gebe mit seinem zuletzt von 36 auf 30 Prozent gesunkenen Frauenanteil auch der Bundestag ein schlechtes Beispiel ab, "dieser wunderbare Ort, in dem ich jetzt das Privileg hatte, 18 Jahre lang zu sein". Ironie der Geschichte: Wenn Nahles ihr Mandat abgibt, rückt voraussichtlich ein Mann nach - sie selbst würde dann den Frauenanteil weiter verschlechtern. Aber gibt sie es denn ab?