Nach dem Rückzug von Gesine Lötzsch Linker Überlebenskampf

In existenziellen Krisen finden Menschen oft die Stärke, schwierige Entscheidungen zu fällen - siehe Gesine Lötzsch. Bei Parteien ist das nicht so klar: Aus Angst, ihre offensichtlichen Brüche könnten allzu sichtbar werden, erstarrt die Linke und verliert die Fähigkeit, mutig auf neue Herausforderungen zu reagieren. Dabei kämpft die Partei ums Überleben.

Ein Kommentar von Daniel Brössler

Gesine Lötzsch hat den Vorsitz der Linkspartei, um den sie eben noch politisch verbissen gekämpft hat, aufgegeben. Sie will Zeit haben für ihren wesentlich älteren und erkrankten Mann. Diese Entscheidung sei ihr schwergefallen, sagt Lötzsch. Keiner, der sie kennt, wird das bezweifeln, und niemand mit Anstand wird es wagen, Art und Zeitpunkt des Rückzugs in Frage zu stellen.

Mit ihrem Schritt hat Lötzsch jenen winzigen Sektor betreten, der in der Politik außerhalb der Kritik steht: In existenziellen Krisen genießen Politiker wie auch anderen Menschen besondere Freiheiten. Der Fall Lötzsch ist nur insofern speziell, als ihre existenzielle Krise im Privaten sich paart mit einer weiteren - der ihrer Partei. Die Linke kämpft ums Überleben.

In existenziellen Krisen finden, wie das Beispiel Lötzsch zeigt, Menschen oft die Kraft, schwierige Entscheidungen zu treffen. Bei Parteien ist das nicht so klar: Sie müssen zunächst zu einer Art kollektivem Problembewusstsein finden und ausgerechnet dann enorme Kräfte mobilisieren, wenn sie besonders geschwächt sind.

Bei der Linken hapert es schon bei Voraussetzung eins: dem Problembewusstsein. Zwar herrscht in einzelnen Zirkeln der Partei schon seit geraumer Zeit Alarmstimmung. Im Unterschied zu den Liberalen beispielsweise können sich die Linken aber an Umfragen klammern, die sie bundesweit stabil über der Fünf-Prozent-Hürde sehen. Diese Zahlen sind hilfreich - beim Selbstbetrug.

Doch der trägt nicht weit, womöglich nicht weiter als bis zum Mai. Bei den Wahlen in Schleswig-Holstein und in Nordrhein-Westfalen droht ein Scheitern, das in seiner Konsequenz verheerend wäre. Dies hat damit zu tun, dass die Linke in Wahrheit bisher keine richtige Partei ist, sondern eher ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: Einerseits hilft die westdeutsche Protestlinke der ostdeutschen Reformlinken aus ihrer regionalen Begrenztheit. Andererseits befreit die alte PDS linke Kräfte jenseits der SPD aus der Bedeutungslosigkeit. Ist eine dieser Geschäftsbedingungen nicht mehr gegeben, ist die Linke gescheitert.

Linke wollen sich hinter Lafontaine verstecken

Die Angst davor erklärt, warum auch jene sich nun nach Oskar Lafontaine sehnen, die unter ihm gelitten haben, als er nicht nur Übervater, sondern offizieller Vorsitzender war. Lafontaine ist der womöglich Einzige, hinter dem sich die zerstrittene Partei so gut verstecken kann, dass zumindest die Kernklientel ihr vorerst treu bleibt. Er verkörpert ein Selbstbewusstsein, das der Linken im Kollektiv längst abgeht.

Bekannt war, dass Lafontaine mit Gesine Lötzsch nicht zurück an die Spitze wollte. Das Problem wäre jetzt gelöst. Dennoch sieht es so aus, als halte sich der Saarländer stur an den Zeitplan, den er sich und seinen Leuten auferlegt hat: Personaldebatten will er erst nach der NRW-Wahl Mitte Mai zulassen - also drei Wochen vor dem Parteitag, der eine neue Führung bestimmt.

Dieses quälende Warten auf Lafontaine hat für die Partei etwas Demütigendes. Das politische Personal der Linken darf sich den Launen eines bald 70-Jährigen ausgeliefert fühlen. Schon das ist nicht schön, aber bei Licht besehen ist die Lage noch schlimmer. Lafontaine zögert nämlich auch aus Vorsicht: Er kann nicht sicher sein, die Niederlagen im Norden und im Westen noch abwenden zu können.

Schon gar nicht kann er sicher sein, dass ein Personalvorschlag, zu dem ja auch eine ostdeutsche Nachfolgerin für Lötzsch gehören muss, nicht neues Chaos in die Partei trägt. Die Linke sehnt einen Befreiungsschlag herbei, gleichzeitig fürchtet sie sich auch davor.

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