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Nach Bombenattentat in Beirut:Libanesische Regierung sieht Verbindungen nach Syrien

Der libanesische Ministerpräsident Nadschib Mikati hält eine Verbindung zwischen dem tödlichen Anschlag auf den Geheimdienstchef al Hassan und dem Nachbarland Syrien für möglich. Im Libanon selbst wächst die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg. Zehntausende Sunniten demonstrieren bereits auf den Straßen.

Die libanesische Regierung sieht eine Verbindung zwischen dem tödlichen Anschlag von Beirut und dem Bürgerkrieg in Syrien. Der Angriff, bei dem der Geheimdienstchef Wissam al Hassan sowie sieben weitere Menschen getötet wurden, stehe in Zusammenhang mit den jüngsten Ermittlungen al Hassans, erklärte Ministerpräsident Nadschib Mikati.

Al Hassan hatte Ermittlungen gegen den früheren Informationsminister Michel Samaha geleitet, einen der engsten Verbündeten der syrischen Regierung im Libanon. Samaha wurde verhaftet und anschließend wegen der Planung von Terroranschlägen angeklagt. Nach Angaben aus Polizeikreisen hat er zugegeben, persönlich Sprengstoff von Syrien über die Grenze in den Libanon transportiert zu haben. Neben ihm wurde auch der syrische Geheimdienstchef Ali Mamluk in Abwesenheit angeklagt.

Die politischen Folgen des Anschlags lassen sich noch nicht absehen. Im Libanon selbst wachsen die Befürchtungen, es könne erneut zu einem Bürgerkrieg kommen. Nach dem weltweit verurteilten Anschlag verstärkte die Regierung die Sicherheitsvorkehrungen und ließ Soldaten an strategisch wichtigen Plätzen Stellung beziehen. Der sunnitische Mufti verhängte eine dreitägige Trauer für al-Hassan. Landesweit demonstrierten Zehntausende Sunniten gegen den Angriff.

Zum Zeichen ihres Protestes gegen den Mord an ihrem Glaubensbruder al-Hassan steckten die demonstrierenden Sunniten Autoreifen in Brand. Sie blockierten die Zufahrt zum internationalen Flughafen in Beirut und sperrten Straßen in der nordlibanesischen Hafenstadt Tripoli. Demonstrationen und Straßenblockaden wurden aus dem Bekaa-Tal im Osten und der Stadt Sidon im Süden gemeldet. In einem Dorf im Bekaa-Tal schossen Soldaten auf Demonstranten, die eine Straße blockierten, und verletzten Aussagen von Zeugen zufolge zwei Menschen.

Die Regierung bietet ihren Rücktritt an

Das Kabinett unter dem Hisbollah-nahen Ministerpräsidenten Mikati beriet über Konsequenzen aus dem Anschlag und bot seinen Rücktritt an. Dieser wurde auf Bitten Suleimans aber nicht sofort wirksam. Die Opposition fordert die Demission der Regierung, weil ihr auch Mitglieder der pro-syrischen schiitischen Hisbollah angehören.

Der ermordete Al-Hassan war ein enger Gefolgsmann des ermordeten Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri und leitete auch die Ermittlungen zu dessen Tod. Seine Recherchen legten eine Verwicklung Syriens und der Hisbollah in den Mord nahe. Al-Hariris Sohn, der ehemalige Ministerpräsident Saad al-Hariri, warf Assad vor, für den Anschlag verantwortlich zu sein.

Libanons Polizeichef Aschraf Rifi nannte den Mord an al-Hassan einen schweren Schlag und schloss weitere Attentate nicht aus. "Wir haben einen Stützpfeiler unserer Sicherheit verloren." Dem Land stünden weitere Opfer bevor. "Wir wissen das. Aber wir lassen uns nicht brechen."

Die Bombe explodierte mitten in der Hauptverkehrszeit in einer Straße, in der die christliche Falangisten-Partei ihre Zentrale hat. Sie zählt zu den Gegnern des syrischen Machthabers Assad, der sich seit eineinhalb Jahren einen blutigen Machtkampf mit der Opposition liefert.

A Lebanese Sunni Muslim gunman holds an RPG as he walks through the streets in Tripoli, as protests take place in city after the assassination of a senior intelligence official in Beirut

Sunnitische Muslime protestieren in der zweitgrößten Stadt Libanons, Tripoli, gegen die Ermordung von Geheimdienstchef al-Hassan.

(Foto: REUTERS)

Mehrere Fahrzeuge gerieten durch die Explosion in Brand. Ein mehrstöckiges Gebäude wurde schwer beschädigt. Der multireligiöse Libanon ist tief zerstritten zwischen Anhängern und Gegnern Assads. Viele Schiiten unterstützen den ihrer Konfession nahestehenden Alawiten Assad, die meisten Sunniten stehen auf der Seite seiner Gegner. Schon vor dem Anschlag, bei dem am Freitag auch 80 Menschen verletzt wurden, hatten sich in Tripoli Sunniten und Alawiten Kämpfe geliefert. Tausende Syrer waren vor der Gewalt in der Heimat in das Nachbarland Libanon geflohen.

© Süddeutsche.de/dapd/Reuters/dpa/sst
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