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Myanmar:"Die Burmesen behandeln uns wie Hitler die Juden", sagt ein Professor

Welche Rolle spielt antimuslimischer Rassismus in der buddhistischen Bevölkerung?

Den gibt es, leider. Bei einigen von dem, was buddhistische Freunde sagen, schlackern mir die Ohren. Ein muslimischer Bekannter von mir, ein Professor in Mandalay, sagte mal: "Die Burmesen behandeln uns wie Hitler die Juden." Der Vorwurf des Rassismus ist berechtigt, aber es macht keinen Sinn, darauf mit weiteren Vorwürfen zu reagieren. Man müsste nach pragmatischen Lösungen suchen und nicht nur mit moralischen Keulen arbeiten. Gerade wir Deutschen sollten da vorsichtig sein.

Wie könnte eine solche Lösung aussehen?

Meine Lösung wäre - aber das ist eine typische Besserwisser-Lösung-, bis zur Klärung einer Reihe von Fragen eine Art international gesicherte Schutzzone zu errichten, zu der die Townships gehören, in denen die Menschen leben. In diese Zone dürften auch Flüchtlinge gehen, die innerhalb Myanmars vertrieben wurden und eine Reihe von Menschen, die in den Flüchtlingslagern in Bangladesch sitzen.

Die Beraterkommission unter dem früheren UN-Generalsekretär Kofi Annan fordert, dass die Regierung eine Lösung für die Staatenlosen findet und dauerhaft in Myanmar lebende Muslime einbürgert.

Was die internationale Gemeinschaft von Myanmar erwartet, ist, dass es auf einen Schlag einer Million Menschen die Staatszugehörigkeit zuerkennt. Und da sagen nicht nur Aung San Suu Kyi, sondern auch ihre Wähler: "Das geht nicht." Das ist ein demokratisches Dilemma. Aung San Suu Kyi folgt der Meinung derer, die sie mit überwältigender Mehrheit gewählt haben.

Rohingya Aung San Suu Kyis Rede verspricht nichts Gutes für die Zukunft Myanmars
Verfolgte Rohingya

Aung San Suu Kyis Rede verspricht nichts Gutes für die Zukunft Myanmars

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Aber viele der Menschen sind seit Generationen im Land. Die meisten der Flüchtenden wurden dort geboren. Da ist Staatenlosigkeit doch kein Zustand.

Das burmesische Staatsbürgerschaftsrecht hat nach der Unabhängigkeit jene Gruppen als einheimisch definiert, von denen man vermuten konnte, dass ihre Vorfahren nicht erst in der Kolonialzeit ins Land gekommen waren. Das ist ein aus meiner Sicht relativ normaler Vorgang. Jeder Staat definiert, wer dazugehört und wer nicht. Und: Menschen, die nachweisen können, das sie seit zwei Generation im Land sind, können sich als Staatsbürger registrieren lassen, auch wenn die Rohingya als Gruppe nicht als eine der "einheimischen Ethnien" anerkannt werden.

Was allerdings nicht immer leicht ist, da viele die nötigen Dokumente nicht haben. Die diskriminierende Behandlung der Rohingya ist verheerend: Viele von ihnen dürfen sich im Land nicht frei bewegen, lange durften sie nicht ohne Erlaubnis heiraten oder mehr als zwei Kinder bekommen.

All das ist eine Folge davon, dass sie staatenlos sind. Das Grundproblem ist diese ungeklärte Frage.

Hans-Bernd Zöllner

(Foto: privat)

Momentan gibt es Berichte von Vergewaltigungen, Morden, ganze Dörfer sollen niedergebrannt worden sein. Auch für Staatenlose gelten die Menschenrechte.

Aung San Suu Kyi hat in ihrer Rede versprochen, dass diese Vorwürfe untersucht werden. Und dass die Verantwortlichen bestraft werden - wenn es sich herausstellen sollte, dass sie stimmen.

Das klingt nicht so, als ob Sie die Vorwürfe für glaubwürdig halten?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass in den Konflikten in Myanmar mit Fake News gearbeitet wird. Der jetzige Konflikt wurde ausgelöst durch Angriffe militanter Rohingya-Aktivisten. Und zwar genau an dem Tag, an dem eine Beraterkommission geführt von Kofi Annan ihre Empfehlungen für den Konflikt vorgestellt hat, darunter viele Anregungen, wie die Regierung die Situation der Muslime verbessern könnte.

Sie meinen die Beraterkommission, die 2016 auf Wunsch Aung San Su Kyis eingesetzt wurde. In der Tat dankt Kofi Annan in dem Report sogar der myanmarischen Regierung für die gute Zusammenarbeit. Aber die Angriffe der Militanten leugnet ja auch keiner, kritisiert wird die harte Reaktion des Militärs darauf.

Die Angriffe werden nicht ausreichend kritisiert. Kritisiert wird die Regierung, dabei lässt man aber völlig außer Acht, was sie schon versucht hat, um das Problem zu lösen. Das zeigt die Voreingenommenheit der internationalen Gemeinschaft und der UN an dieser Stelle. Ich fühle mich unwohl, hier den Verteidiger der burmesischen Regierung zu geben. Aber ich sage immer im Spaß: "Ich glaube nur die Nachrichten aus Myanmar, die ich selbst gefälscht habe!"

António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, hat die Angriffe der Militanten zumindest verurteilt. Aber Sie sprachen gerade von Fake News. Was genau meinen Sie damit?

Ich habe mich länger mit den Fluchtbewegungen der 1970er und 1990er Jahren befasst. Es gibt starke Anhaltspunkte dafür, dass diese Auswanderungen Folge von Massenhysterien gewesen sind, entstanden durch Gerüchte. Auch die sogenannte Safran-Revolution vor zehn Jahren wurde wahrscheinlich durch die Fake News vom Tod eines Mönches ausgelöst. Aber das kommt in keinem der Berichte darüber vor. Die internationale Gemeinschaft hat sich mit diesem Konflikt jahrzehntelang nicht befasst. Das rächt sich heute, deshalb kennt keiner die Vorgeschichte.

Viele Flüchtlingshelfer und Journalisten sind in den angrenzenden Regionen, zum Beispiel in Bangladesch. Sie berichten, dass sich die Geschichten der Flüchtenden weitgehend decken.

Die Flüchtlinge berichten heute dasselbe, was ihre Vorgänger vor Jahrzehnten erzählt haben. Das ist ein Muster. Die Menschen erzählen die Geschichte, von der sie meinen, dass sie ihnen und ihren Leuten am besten hilft. Ich plädiere für den Zweifel. Wir wissen es nicht. Wir waren nicht da. Virtuelle Nachrichten sind eine der Waffen, mit denen heute Politik gemacht wird.

Aber es geht ja nicht primär um virtuelle Nachrichten. Sondern darum, dass Hunderttausende unter gefährlichsten Bedingungen ihr Land verlassen.

Ich rede nur von den Vorwürfen gegen das Militär: Mord, Vertreibung, Vergewaltigung. Dass die Situation der Rohingya in Myanmar schwierig ist, ist ohne Zweifel richtig. Und: Die Betroffenen haben keine Stimme, das ist Teil ihrer Tragödie. Es gibt keine Führer, die für diese Leute sprechen. Nur die, die ich die "Advokaten" nenne.

Sie meinen die Militanten?

Das sind die Advokaten mit Gewehr. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von Rohingya-Aktivisten, die ein Interesse daran haben, Gräuelnachrichten zu verbreiten. Wie gesagt, in früheren Jahren kann man das ansatzweise nachweisen. Diplomaten berichteten aus Flüchtlingslagern: Da gebe es ganze Gangs, die diese Nachrichten machen. Die Arbeit, die ich dazu geschrieben habe, war das Schwierigste, das ich je recherchiert habe. Weil im Einzelfall gar nicht nachzuvollziehen ist, wer die Wahrheit sagt, wer lügt, warum und aus welchen Gründen.

Was versprechen sich die Aktivisten davon?

Ich kenne Advokaten, die mit diesem Kampf ihr Leben bestreiten. Nicht in erster Linie finanziell, sondern vor allem moralisch. Es gibt darunter Menschen, die das burmesische Militär abgrundtief hassen. Dafür gibt es teilweise gute Gründe. Aber diese Menschen nutzen alles, was ihnen in die Hände fällt, um das Militär schlecht zu machen. Ein Aktivist hat die These aufgestellt, dass es seit 1970 einen Plan für einen "slowburning genocide" gebe, eine langsame, gewollte Auslöschung der Rohingya. Er ist ziemlich blindwütig in seinem Versuch, das jetzt international salonfähig zu machen.

Eine These, die auch von einigen Journalisten geteilt wird. Dem Ziel, dass die Rohingya als Minderheit anerkannt werden, dürfte sie allerdings kaum helfen.

Wer weiß, was Aktivisten wie ihn treibt. Nationalismus? Hass auf die Birmanen? Wir im Westen wollen immer alles rational erklären. In dieser Region herrscht eine andere Art von Rationalität, die wir versuchen sollten zu begreifen, bevor wir urteilen. Ich vergleiche die Region gerne mit einer Erdbebenzone zwischen zwei kulturellen Kontinenten, der buddhistischen Welt und der muslimischen. Und dort gibt es seit 200 Jahren in regelmäßigen Abständen Eruptionen.

Myanmar

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