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Mutmaßlicher Drahtzieher des Bengasi-Anschlags:Die lange Jagd auf Abu Khattala

Fast zwei Jahre tanzte Abu Khattala seinen Jägern auf der Nase herum. Erst jetzt wurde der mutmaßliche Drahtzieher des Anschlags auf das US-Konsulat in Bengasi festgenommen. Wer ist der Mann? Und warum geben Obamas Kritiker trotzdem keine Ruhe?

Dass die amerikanischen Spezialkräfte ihn in einem Vorort von Bengasi aufspürten, ist ungefähr so überraschend wie eine rote Karte für den portugiesischen Fußball-Foulspieler Pepe. Ahmed Abu Khattala hat nie einen Hehl daraus gemacht, sich weiter in der Stadt aufzuhalten, in der er auch am Abend des 11. September 2012 war.

Damals, so berichteten mehrere Augenzeugen der New York Times, soll Khattala dort den Anschlag auf das US-Konsulat orchestriert haben. Der Islamist habe mehr als hundert Männer während ihres Angriffs dirigiert, der am Ende sieben libyschen Wachleuten und vier Amerikanern - darunter Botschafter Christopher Stevens - das Leben kostete.

Am Sonntagabend fassten Spezialkräfte Khattala. Offenbar ergab sich der Gesuchte ohne Widerstand. Nun wartet auf den etwa 45 Jahre alten Islamisten ein Prozess in den USA. "Es ist wichtig, dass wir der Welt diese Botschaft übermitteln: Wenn Amerikaner angegriffen werden, werden wir die Verantwortlichen finden und der Gerechtigkeit zuführen, egal wie lange es dauert", erklärte US-Präsident Barack Obama nach Bekanntwerden der Festnahme vom Wochenende.

"Er ist so frei wie ein Vogel"

Khattala hatte die US-Ermittler lange Zeit an der Nase herumgeführt: Während in Washington die Debatte darüber tobte, ob die US-Regierung die Anschläge hätte verhindern können, traf er sich in aller Öffentlichkeit mit internationalen Journalisten. Legendär ist sein Gespräch mit einem Reporter der New York Times auf einer sonnigen Hotelterrasse in Bengasi im Oktober 2012.

"Er ist so frei wie ein Vogel", klagte noch Ende 2013 ein Geheimdienstmitarbeiter. In Wirklichkeit, so stellt sich nun heraus, hatten die Geheimdienste Khattala da wohl schon lokalisiert.

Wie die New York Times berichtet, habe Obama erst jetzt seine Zustimmung zu dem Spezialeinsatz gegeben, weil er zuvor eine weitere Destablisierung der Lage im Land gefürchtet hatte. In den vergangenen Wochen konnten jedoch die Islamisten in einigen Gegenden Libyens durch nicht staatliche Einheiten zurückgedrängt werden.

Der in Bengasi geborene Khattala verbrachte unter der Gaddafi-Diktatur lange Jahre in einem Gefängnis in Tripolis. Dort galt der Islamist selbst in Kreisen der Gotteskrieger als schwieriger Einzelgänger. "Ich frage mich, wie er ein Anführer werden konnte", erinnerte sich ein Mitgefangener.

Als 2011 der Aufstand gegen Gaddafi begann, konnte Khattala eine kleine Miliz um sich scharen. Er selbst wurde durch Gerüchte über seine Brutalität bekannt. Später schloss er sich den salafistischen Kämpfern von Ansar al-Scharia an. Ins internationale Rampenlicht jedoch brachte ihn erst seine Beteiligung an der Attacke vom 11. September 2012. Er selbst gibt an, zwar vor Ort und involviert, aber nicht federführend gewesen zu sein. Im Juli 2013 erhob die Staatsanwaltschaft in Washington nach langen Ermittlungen Anklage, unter anderem wegen "Tötung eines Menschen im Verlauf eines Angriffs auf Bundeseinrichtungen".

Verhör in Guantánamo?

Seine Aussagen vor Ermittlern und in dem anstehenden Prozess dürften für große Aufmerksamkeit sorgen - zum Beispiel die Antwort auf die Frage, welche Rolle das Anti-Islam-Video wirklich spielte, das die US-Regierung zunächst als Grund für die Attacke angegeben hatte. Auch Khattalas Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida sind umstritten - der fehlende Beweis hierfür soll Politico zufolge ein Grund gewesen sein, weshalb Obama keinen tödlichen Drohnen-Angriff gegen ihn befahl.

Allerdings geht es in der Bengasi-Debatte nur noch am Rande um Fakten: Obwohl sich bereits mehrere Ausschüsse mit dem Angriff beschäftigt haben und sie keine Beweise für ein Versagen der Regierung fanden, setzten die Republikaner rechtzeitig vor den Kongresswahlen im Herbst einen neuen Untersuchungsausschuss zum Thema ein.

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Entsprechend lobten die Konservativen zwar die Spezialkräfte, nicht aber die Regierung für die Festnahme. Die US-Senatoren Lindsay Graham, Marco Rubio und John McCain kritisieren einen möglichen Prozess in den USA - sie fordern, Khattala im Gefangenenlager Guantánamo vor Gericht zu stellen. Dies lehnt Obama ab.

Derzeit verhören US-Agenten den Islamisten, Medienberichten zufolge auf einem US-Kriegsschiff. In einigen Tagen soll er dann in die Vereinigten Staaten überstellt werden.