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Muslime in Frankreich:Noch ein paar Mohammed-Karikaturen ...

... und die Situation in Frankreich könnte unkontrollierbar werden. Muslime sind empört - und die Reaktion der Öffentlichkeit ist bemerkenswert: Die neue Karikaturenaffäre löst Befremden, ja Ablehnung aus. Die Verfechter einer Meinungs- und Verspottungsfreiheit, der keine Grenzen gesetzt werden dürften, werden weniger.

Manchmal verhaspelt sich die Aktualität und spuckt neue Sinnzusammenhänge aus: Am Dienstag feierte der französische Staatspräsident François Hollande bei der Einweihung der neuen Abteilung für islamische Kunst im Louvre die Bedeutung des Islam auch für unsere Wahrnehmung von Bildern. Am Mittwoch provozierte das Satireblatt Charlie Hebdo mit neuen Mohammed-Zeichnungen. Am Donnerstag dann diskutierte ganz Frankreich aufs Neue über seine Kapazität der Integration zugewanderter Bevölkerungsschichten.

Integration oder insertion - Eingliederung von Individuen oder Einpassung von ganzen Gemeinschaften in die Gesellschaft? Diese Frage stellte der Politologe Gilles Kepel bereits vor zwanzig Jahren in seinem Standardwerk "Les banlieues de l'Islam". Theoretisch hat Frankreich sich für die individuelle Eingliederung von Einwanderern nach republikanischen Regeln entschieden. Praktisch hat es das Land in der dritten Generation der muslimischen Einwanderung - vor allem aus den früheren Kolonien in Nordafrika - jedoch stellenweise mit der Absonderung von Gemeinschaften zu tun. Diese Entwicklung ist stark wirtschaftlich-sozial geprägt und durch die Stadtentwicklung in den Banlieues geografisch inzwischen auch weitgehend festgeschrieben.

Im streng laizistischen Frankreich führt das zu Verkrampfungen auf beiden Seiten. Die Republik will sich mit klaren Gesetzen wie dem Kopftuchverbot an Schulen oder dem Burka-Verbot auf der Straße periodisch vergewissern, wie treu sie ihrem seit 1905 geltenden Laizismus-Prinzip geblieben ist. Die Muslime hingegen, allen voran die jungen, denen die Republik in der Schule manchmal wenig und auf dem Arbeitsmarkt nichts geben kann, versteifen sich auf die Idee, alles, was vom Staat kommt, sei gegen sie gerichtet.

Frankreich muss klar in Erinnerung rufen, dass die Trennung von Kirche und Staat nicht zur Ausgrenzung, sondern zur Gleichstellung der Religionen da ist. Als erste Reaktion auf die neuen Mohammed-Karikaturen hat der zuständige Innenminister Manuel Valls die Vertreter der muslimischen Vereinigungen zu Gesprächen geladen. Unter Frankreichs Muslimen war die Forderung zu hören, der Minister hätte nach dem Islam-Schmähfilm im Internet und den Zeichnungen in Charlie Hebdo seine Solidarität mit den Muslimen bezeugen sollen.

Es brodelt in Frankreich

Gerade das ist aber nicht Aufgabe eines französischen Ministers. Wo der Staat hingegen viel ausrichten kann, das ist der Bereich des Vereinswesens. Wenn es in den letzten Jahren zu keinen größeren Gewaltausbrüchen mehr gekommen ist, liegt das weitgehend am Engagement der vielen Freizeit-, Kultur- und auch Religionsvereine. Ein reges Vereinsleben ist das Gegenstück zum bürokratischen Zentralstaat. Den Vereinen sind aber kontinuierlich die Subventionen gekürzt worden. Es brodelt, warnen viele Vereinsmitglieder in den Vorstädten: Noch ein paar Karikaturen, und die Situation werde unkontrollierbar.

So schwanken auch die - untereinander oft zerstrittenen - Mitglieder der offiziellen muslimischen Vereinigungen zwischen Empörung und Beschwichtigung angesichts der jüngsten Ereignisse. Auch die Reaktion der restlichen französischen Öffentlichkeit ist bemerkenswert. Im Unterschied zum Karikaturenstreit vor sechs Jahren löst die neue Karikaturenaffäre im Land Befremden, ja Ablehnung aus. Die Verfechter einer Meinungs-, Ausdrucks- und Verspottungsfreiheit, die absolut gilt und der keine Grenzen gesetzt werden dürften, werden weniger - in der Politik und den Medien, aber auch in der Bevölkerung. Das Land lernt, seine hohen Prinzipien mit den gesellschaftlichen Umständen in Einklang zu bringen.