Münchner Neueste Nachrichten vom 27. Juli 1914 Straflosigkeit für österreichische "Deserteure"

Erster Weltkrieg Schlafwandler und Selbstmitleid

Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914

Schlafwandler und Selbstmitleid

Christopher Clarks Buch über die Julikrise von 1914 wird in Deutschland vielfach instrumentalisiert. Der Erfolg der "Schlafwandler" hierzulande sagt viel aus: über die Befindlichkeiten der Deutschen.   Von Andreas Wirsching

Österreichische Militärangehörige und Reservisten, die sich in München befinden, melden sich bei einem flugs nahe des Hauptbahnhofs eingerichteten Büro des österreichischen Konsulats, um später per Eisenbahn zu ihren Regimentern im Habsburger Reich zu fahren. Interessant: Manche scheinen den Wehrdienst zu verweigern - und ihre Haltung scheint bei Kriegsausbruch akzeptabel zu sein. "Deserteure fanden sich ein" (im besagten österreichischen Büro), heißt es in einem Artikel. Den Kriegsgegnern sei "bekanntlich durch Amnestie Straflosigkeit zugesichert".

Die Münchner Neuesten Nachrichten bieten kurz vor Kriegsbeginn einen makaberen Service: In der Vorhalle des Redaktionsgebäudes in der Sendlinger Straße zeigt das Blatt "Aufnahmen zum österreichisch-serbischen Konflikt": Ansichtskarten von Belgrad, Fotos der serbischen und der österreichisch-ungarischen Armee und Aufnahmen von den jeweiligen Donau-Ufern beider Staaten. Dort, glaubt man in diesen Tagen, wird bald geschossen, gekämpft und gestorben. Dass das große Morden schon wenige Wochen später global wird, ist an diesem 27. Juli unvorstellbar - aber es zeichnet sich deutlich ab.

Die Münchner Journalisten scheinen zu begreifen, wie groß der Krieg werden könnte, wenn er denn ausbricht. Anders als am Vortag ("Serbien wählt Krieg!") titelt die SZ-Vorgängerin Morgen- und Vorabendausgabe weniger bellizistisch ("Der österreichisch-serbische Konflikt" und "Die österreichisch-serbische Krise").

Prominent ruft die Zeitung die Wirtschaft zur Besonnenheit auf. Man richte an die "Geschäftswelt und die Kapitalisten den Appell, unbedingt Ruhe und kühlen Kopf zu bewahren". Doch auch manche Privatleute treibt die Furcht bereits zur Bank: In Münchens "städtischer Sparkasse" seien bereits "zahlreiche Spargäste" aufgetaucht, um ihre Guthaben abzuheben.

Erster Weltkrieg Wie Europa in den Krieg trieb
Julikrise 1914

Wie Europa in den Krieg trieb

In Wien heißt es: "Serbien muß sterbien." Vor 100 Jahren sitzen in den europäischen Hauptstädten nicht gerade die fähigsten Monarchen und Politiker am Ruder. Es wird über Krieg geredet, doch keiner schätzt die Gefahren richtig ein. Ein kritischer Rückblick auf die Julikrise 1914, aus der der Erste Weltkrieg entsteht.   Von Franziska Augstein

"Der Krieg ist noch nicht erklärt", heißt es gleich zweimal fettgedruckt in der Ausgabe der Münchner Neuesten Nachrichten, die am Abend des 27. Juli verkauft wird.

Was die Leser nicht wissen: Zur gleichen Zeit unterschreibt Kaiser Franz Joseph I. die Kriegsklärung Österreich-Ungarns an Serbien in seinem Urlaubsdomizil in Bad Ischl. Damit ist der formelle Beginn des Ersten Weltkrieges gemacht, der "Urkatastrophe", die das weitere Jahrhundert prägen sollte.

Der austriakische Außenminister Leopold Berchtold hatte schon eine knappe Woche vorher die Kriegserklärung mitvorbereitet und legt dem Monarchen das Papier vor. Der greise Kaiser hatte in seiner langen Regentschaft viele Kriege verloren (über seinen letzten Sieg kann man hier lesen) und ist damals nicht erpicht auf einen Waffengang. Wohl deshalb geht Berchtold auf Nummer sicher und erzählt ihm laut Aktenvermerkt, dass die Serben schon bei Temes Kubin auf Österreicher geschossen hätten. Ergo: Der Krieg sei von der Gegenseite schon begonnen worden. Doch dieser Vorfall hatte offenkundig nicht stattgefunden, wie Berchtold einige Tage später seinem Kaiser gegenüber eingestehen sollte.

"Was vor 100 Jahren in der Zeitung stand":
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