Münchner Abkommen 1938:Chiffren der Schwäche

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Das Trauma, eine verbündete Nation aus politischer Feigheit und Kurzsichtigkeit preisgegeben zu haben, hat sich tief in das Gedächtnis der Grande Nation eingegraben. George-Henri Soutou aus Paris sprach vom "schlechten Gewissen" der Franzosen und erinnerte etwa an die Suezkrise 1956.

Damals hatte Regierungschef Guy Mollet das Eingreifen in den Konflikt zwischen Ägypten und Israel mit den Lehren aus München begründet ("Wir Sozialisten haben 1938 zu sehr gelitten, weil wir nicht eingeschritten sind").

Selbst für die Aussage von Georgiens Präsident Michail Saakaschwili Mitte August, Russland erpresse sein Land und wolle "eine Regelung wie 1938", indem es sich Südossetien und Abchasien einverleibe, ohne dass etwa die EU dagegen vorgehe, zeigte Soutou ein gewisses Verständnis. In Tiflis hingen zu der Zeit Plakate, die "Adolf Putin" zeigten.

Stefan Karner aus Graz wiederum warnte davor, den Begriff "München" immer wieder heranzuziehen, der Erkenntniswert sei gering; hingegen mahnte Schulze Wessel, der Rückgriff auf den September 1938 könne die Politik durchaus heute und künftig beim Blick auf ihre Handlungsspielräume sensibilisieren.

Damals, so waren sich alle einig, hatte es kaum eine Alternative gegeben, Hitlers Pläne für einen Eroberungskrieg im Osten standen längst fest - allerhöchstens hätte der Krieg wohl ein Jahr früher begonnen als im September 1939. Spätestens hier zeigt sich dann der begrenzte Wert von Analogien.

Mozart in Zimmer 105

Obwohl Zimmer 105 nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist, zieht es dort immer wieder Verehrer der NS-Ideologie zu Huldigungen an den "Führer" hin. Auch deshalb wird es Zeit, dass in der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" die NS-Zeit gründlicher aufbereitet wird als bisher. Nun wird immerhin ein Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Parteigelände geplant - das Ende 2011 fertig sein soll.

In diesem ehemaligen Arbeitszimmer Hitlers ist die Entmystifizierung auf eigenwillige Weise schon halbwegs gelungen. Die Musikhochschule nutzt den Täterort im ehemaligen "Führerbau" am Königsplatz als Übungsraum zur Stimm- und Gehörbildung. Im offenen Kamin werden Instrumente und Notenständer gelagert, und in dem raumhohen Aktenschrank befinden sich Dutzende Leitzordner des Münchener Bachchores. Die Etiketten tragen die Namen der Komponisten Mozart, Händel, Schubert und Mendelssohn.

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