Süddeutsche Zeitung

Münchner Abkommen 1938:Chiffren der Schwäche

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Hier der Böse, da die Dummen: Im Jahr 1938 knicken Frankreich und Großbritannien vor Hitler ein - fortan steht München für das Versagen demokratischer Mächte gegenüber Tyrannen.

Robert Probst

Im Zimmer 105 im ersten Stock des Gebäudes an der Arcisstraße lässt sich noch der Stil eines großbürgerlichen Herrenzimmers erahnen. Der offene Kamin ist noch da, auch der schwere, runde Leuchter mit den acht Lampen.

In diesem Raum entstanden die wirkmächtigen Fotografien von vier Staatsmännern, die mit ihrer Unterschrift über das Schicksal einer anderen Nation entschieden - ohne dass deren Vertreter, die der Tschechoslowakei, auch nur gefragt worden wären.

Ein winziges Schild neben der schweren Doppeltür erinnert daran, dass hier am 30. September 1938 das "Münchner Abkommen" unterzeichnet wurde; an einen Ort, an dem Adolf Hitler sich vor 70 Jahren die Einverleibung des Sudetenlandes in sein Reich sanktionieren ließ und seinen größten diplomatischen Prestigeerfolg feiern konnte; an einen Ort, an dem die Westmächte eine Niederlage sondergleichen erlebten. "München" wurde zum Mythos und zum Symbol für das Scheitern von Appeasement-Politik.

Das schlechte Gewissen

Auf Einladung des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ) und des Collegium Carolinum (CC) haben sich nun Historiker aus zehn Staaten unweit des historischen Orts zusammengefunden, um die Ereignisse und Folgen von Hitlers Deal aufgrund neuerer Forschungsergebnisse zu analysieren. Nicht zuletzt ging es um den Befund, warum der Begriff "September 1938" immer wieder politisch instrumentalisiert wird.

Weil die Konstellation zu einfachen Wahrheiten verleite, sagte etwa der Münchner Osteuropaexperte und Leiter des CC, Martin Schulze Wessel: Hier der Böse (Hitler), da die Dummen (England, Frankreich), die auf dessen Täuschung hereingefallen sind.

Dieses offensichtliche Debakel diskreditierte die Idee einer Beschwichtigungspolitik auf Dauer, sodass der Verweis auf "München" seither immer ins Spiel kommt, wenn ein "Argument des Bellizismus" für machtbewusste Politik gebraucht wird, so Schulze Wessel. "München" sei zu einer "Chiffre geworden, die man überall benützen kann".

Vor allem die starke Rechte in den USA verweist stets gern darauf, dass der Westen nie mehr derart Schwäche zeigen dürfe wie 1938, wenn es etwa gelte, gegen die "Achse des Bösen" oder Diktatoren aller Art vorzugehen.Anders geprägt ist der Blick der Franzosen auf die Ereignisse. Noch heute gilt etwa die Bezeichnung "Munichois" in Frankreich als Beleidigung.

Chiffren der Schwäche

Das Trauma, eine verbündete Nation aus politischer Feigheit und Kurzsichtigkeit preisgegeben zu haben, hat sich tief in das Gedächtnis der Grande Nation eingegraben. George-Henri Soutou aus Paris sprach vom "schlechten Gewissen" der Franzosen und erinnerte etwa an die Suezkrise 1956.

Damals hatte Regierungschef Guy Mollet das Eingreifen in den Konflikt zwischen Ägypten und Israel mit den Lehren aus München begründet ("Wir Sozialisten haben 1938 zu sehr gelitten, weil wir nicht eingeschritten sind").

Selbst für die Aussage von Georgiens Präsident Michail Saakaschwili Mitte August, Russland erpresse sein Land und wolle "eine Regelung wie 1938", indem es sich Südossetien und Abchasien einverleibe, ohne dass etwa die EU dagegen vorgehe, zeigte Soutou ein gewisses Verständnis. In Tiflis hingen zu der Zeit Plakate, die "Adolf Putin" zeigten.

Stefan Karner aus Graz wiederum warnte davor, den Begriff "München" immer wieder heranzuziehen, der Erkenntniswert sei gering; hingegen mahnte Schulze Wessel, der Rückgriff auf den September 1938 könne die Politik durchaus heute und künftig beim Blick auf ihre Handlungsspielräume sensibilisieren.

Damals, so waren sich alle einig, hatte es kaum eine Alternative gegeben, Hitlers Pläne für einen Eroberungskrieg im Osten standen längst fest - allerhöchstens hätte der Krieg wohl ein Jahr früher begonnen als im September 1939. Spätestens hier zeigt sich dann der begrenzte Wert von Analogien.

Mozart in Zimmer 105

Obwohl Zimmer 105 nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist, zieht es dort immer wieder Verehrer der NS-Ideologie zu Huldigungen an den "Führer" hin. Auch deshalb wird es Zeit, dass in der ehemaligen "Hauptstadt der Bewegung" die NS-Zeit gründlicher aufbereitet wird als bisher. Nun wird immerhin ein Dokumentationszentrum auf dem ehemaligen Parteigelände geplant - das Ende 2011 fertig sein soll.

In diesem ehemaligen Arbeitszimmer Hitlers ist die Entmystifizierung auf eigenwillige Weise schon halbwegs gelungen. Die Musikhochschule nutzt den Täterort im ehemaligen "Führerbau" am Königsplatz als Übungsraum zur Stimm- und Gehörbildung. Im offenen Kamin werden Instrumente und Notenständer gelagert, und in dem raumhohen Aktenschrank befinden sich Dutzende Leitzordner des Münchener Bachchores. Die Etiketten tragen die Namen der Komponisten Mozart, Händel, Schubert und Mendelssohn.

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Quelle:
SZ vom 30. September 2008/odg
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