München Zschäpe redet zum ersten Mal - und distanziert sich von nationalistischem Gedankengut

Beate Zschäpe bricht nach dreieinhalb Jahren Prozess ihr Schweigen. Sie erzählt von ihrer radikalen Vergangenheit. Gibt sich aber geläutert.

Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Sie hat ein weißes Blatt Papier vor sich. Die Seite ist nur halb beschrieben. Eines der vielen Schriftstücke in diesem Prozess. Doch dieses Papier ist besonders. Es ist eine Erklärung von Beate Zschäpe. Und diesmal lässt sie nicht wie so oft ihre Anwälte reden. Sie spricht selbst. Zum ersten Mal nach dreieinhalb Jahren Prozess.

Es ist der 313. Verhandlungstag, kurz nach zehn Uhr. Zschäpe wirkt nicht nervös. Sie lächelt ihre Anwälte an, wie so oft. Sie schüttelt ihre langen Haare, wie so oft. Dann lehnt sie sich nach vorn. Sie ist nicht heiser. Sie räuspert sich nicht. Sie, von der ihre Anwälte so oft gesagt haben, sie sei nicht fähig, in diesem großen Prozesssaal zu sprechen, sie spricht nun.

Was wurde nicht über ihre Stimme gerätselt. Ob sie piepsig sei oder rauchig-tief, ob der Thüringer Dialekt hervorsticht, ob sie gepresst ist oder verhaucht. Ob sie zittert. Ist es die Stimme eines schwachen Mädchens, als das sie sich in ihren schriftlichen Erklärungen ja stilisiert hat? Eine Frau so schwach, dass sie sich nicht von ihren mörderischen Freunden trennen konnte.

Die Stimme ist klar, tief, weich, mit leichtem thüringischen Einschlag. Und sie zittert nicht. Doch es ist nicht nur die Stimme selbst. Noch wichtiger ist das, was Zschäpe sagt.

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"Heute hege ich keine Sympathien mehr dafür"

"Es ist mir ein Anliegen, Folgendes mitzuteilen", beginnt sie. Und sie gibt zu, dass sie sich in den Neunziger Jahren als Rechtsradikale gesehen habe. "In der damaligen Zeit, als ich Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos kennengelernt habe, identifizierte ich mich mit Teilen des nationalistischen Gedankenguts", sagt sie. Dann aber habe sie sich verändert. "In den Jahren nach dem Untertauchen wurden diese Themen wie zum Beispiel Angst vor Überfremdung zunehmend unwichtiger", liest sie vor. Und dann kommt sie zum Eigentlichen: "Heute hege ich keine Sympathien mehr dafür." Sie distanziert sich also von der rechten Szene, vom rechten Gedankengut.

Es ist das erste Mal, dass sie das tut. Nach all den Jahren. In fünf Wochen jährt sich das Auffliegen des NSU zum fünften Mal. Und dann sagt Zschäpe: "Heute beurteile ich Menschen nicht nach Herkunft oder politischer Einstellung, sondern nach ihrem Benehmen." Aus Beate Zschäpe, dem rechtsradikalen Bürgerschreck, der Gefährtin von zwei Mördern, scheint Beate Zschäpe, die Bürgerliche, geworden zu sein. Die Frau, der nun Benehmen wichtig ist.

Und dann erneuert sie noch einmal, was sie schon im Dezember 2015 gesagt hat - dass sie die Morde ihrer Freunde verurteilt. Nur diesmal sagt sie es mit ihren eigenen Worten, mit ihrer eigenen Stimme. "Ich verurteile das, was Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos den Opfern angetan haben und mein eigenes Fehlverhalten, wie ich es bisher zum Ausdruck gebracht habe." Was bedeutet, dass sie bereits bedauert hat, dass sie nicht die Kraft gehabt habe, sich von den beiden zu lösen.

Die persönliche Erklärung ist wohl auch der Versuch, den zu Ende gehenden Prozess noch einmal zugunsten von Zschäpe zu beeinflussen.