NSU-Prozess Zschäpe spricht, aber sie erklärt nichts

An Verhandlungstag 313 ergreift Beate Zschäpe zum ersten Mal das Wort im NSU-Prozess.

(Foto: picture alliance / dpa)

Nach Tag 313 im NSU-Prozess weiß man, wie ihre Stimme klingt, aber nicht viel mehr. Jetzt wird es eng für sie.

Kommentar von Annette Ramelsberger, München

Dreieinhalb Jahre lang hat sie geschwiegen. Dann, am 313. Verhandlungstag, hat Beate Zschäpe geredet. Man weiß jetzt, wie sich ihre Stimme anhört: fest, klar, mit leichtem Thüringer Akzent. Recht viel mehr weiß man nicht. Denn die Hauptangeklagte im NSU-Prozess hat es bei einer Minimal-Erklärung belassen. Kurz zusammengefasst besagt die: Zschäpe war nationalistisch, das habe sich geändert, jetzt sei sie nicht mehr nationalistisch. Und was den Opfern geschah, tue ihr leid. Mehr nicht.

Damit hat Zschäpe nichts geklärt. Nicht, was dazu geführt hat, dass sie sich angeblich geändert hat. Nicht, warum sie erst so spät ihr Bedauern über die Morde erklärt - das hätte sie schon zu Beginn des Prozesses machen können, selbst wenn sie ansonsten geschwiegen hätte. Es hätte sie vor Gericht nicht schlechter gestellt.

Aber sie hat nie von Reue geredet, von Bedauern - auch wenn die Angehörigen der Opfer sie im Gerichtssaal angefleht haben. Und auch jetzt hält sie sich auffällig bedeckt: Die Fragen der Angehörigen will sie nach wie vor nicht beantworten.

Alles ist einstudiert

All das nährt die Vermutung, dass Zschäpes Wortmeldung nicht einem inneren Bedürfnis entspringt, sondern ein taktisches Mittel ist, um die schlimmste Wendung in diesem Prozess noch abzuwenden: lebenslange Haft mit besonderer Schwere der Schuld.

Es steht nicht gut um Beate Zschäpe. Erst hat sie geschwiegen. Dann hat sie über ihre Anwälte Erklärungen abgegeben. Nun redet sie selbst. Und doch wirkt das alles wie eine sorgsam aufgetragene Tünche über der Wahrheit. Denn nie antwortet Zschäpe spontan, für jede Antwort sind Wochen an Vorbereitung mit ihren Anwälten nötig. Erfahrene Richter wissen ein solches Aussageverhalten zu würdigen: ob etwas schnell und ohne viel Nachdenken kommt oder erst mühsam konstruiert werden muss, das spricht meist für sich.

Die persönliche Wortmeldung nun ist wohl auch der Versuch, den zu Ende gehenden Prozess auf den letzten Metern doch noch zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Denn es wird eng. Die vergangenen Verhandlungstage hat eine Debatte darüber bestimmt, ob das Gericht einen Brief von Zschäpe an ihren Brieffreund heranziehen darf, damit die Richter ihre Persönlichkeit besser beurteilen können. Der Brieffreund ist rechtsradikal und saß wegen eines bewaffneten Überfalls auf einen Ausländer in Haft.

Keiner schreibt einem vor, welchen Brieffreund man sich aussucht. Aber ein Brief an die Heilsarmee wäre sicher unverdächtiger gewesen. Und auch die leicht dahin geschriebenen Sätze in dem Brief sagen mehr als Zschäpes ausgetüftelte Erklärungen. Ihrem Brieffreund hat Zschäpe geschrieben, dass er in ihr seine "Meisterin" gefunden haben dürfte und dass sie keine "dumme Gans" sei. Der ganze Brief strotzt vor Selbstbewusstsein.

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Hat Zschäpe wirklich nichts mitbekommen?

Das widerspricht diametral dem Bild, das ihre Anwälte von ihr zu zeichnen versuchen: das der Frau, die nichts wusste von den geplanten Morden, die immer erst im Nachhinein davon erfuhr. Sie selbst hat am Donnerstag ebenfalls eingeräumt, dass das schwer zu glauben ist. Sie ließ ihren Anwalt erklären, dass sie darüber nachgedacht habe, ob ihr beim Auffliegen des NSU nicht eine Mittäterschaft vorgeworfen werden könnte. Sie habe ja mit den beiden Männern in engsten Verhältnissen gelebt.

Damit rührt sie an einen wunden Punkt. Dass drei Menschen über 13 Jahre im Untergrund zusammen leben, ohne dass sie eine gemeinsame Überzeugung, ein gemeinsames Ziel zusammenschweißt, ist kaum möglich. Und dass Zschäpe nichts von der Herstellung der zynischen Bekennervideos mitbekommen hat, dass sie dann auch nur aus Treue zu ihren toten Gefährten die Videos verschickt und die Wohnung in Brand gesetzt hat - das ist alles sehr schwer vorstellbar.

Es gibt einen Spruch unter Wissenschaftlern. Wenn viele Erklärungen zu einem Geschehen angeboten werden, ist die überzeugendste Erklärung meistens die einfachste. Die einfachste Erklärung aber könnte sich im NSU-Prozess sehr ungünstig für die Angeklagte auswirken.

300 Fragen und keine Antwort

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