Mögliche Militäraktion gegen Syrien:Angst vor einem Feuerball im gesamten Nahen Osten

Lesezeit: 4 min

Schon leichter umzusetzen wäre die Einrichtung von Flugverbotszonen im Grenzgebiet zu Jordanien und der Türkei. Sie würde aber den Menschen in den Vorstädten von Damaskus kaum helfen, die nun dem Gift zum Opfer gefallen sind. Zudem, so warnte US-Generalstabschef Dempsey, müsste zur Durchsetzung Syriens Luftverteidigung mit einem massiven und riskanten Bombardement ausgeschaltet werden. Auch wären die Kosten von mindestens einer Milliarde Dollar pro Monat dem US-Militär wohl zu teuer. Und nicht zuletzt würden Verbündete in massive politische Schwierigkeiten geraten: Deutschland und die Niederlande haben auf Bitten Ankaras Raketenabwehrbatterien auf dem Gebiet des Nato-Partners Türkei stationiert. Ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrats, das nicht absehbar ist, würden sich aber wohl weder Berlin noch Den Haag an einer Flugverbotszone beteiligen. Beide Regierungen müssten außerdem das Einverständnis ihrer Parlamente einholen, wenn das Mandat geändert würde.

Was an Alternativen bleibt, ist die lange diskutierte Möglichkeit, die syrischen Rebellen mit modernen Waffen auszustatten. Auch dagegen gibt es in den USA massive Vorbehalte. Alle Entscheidungen müssten "im Einklang mit unseren nationalen Interessen stehen", heißt es aus dem Weißen Haus - und niemand in Washington glaubt, dass die schlagkräftigen unter den Rebellen-Gruppen den Amerikanern und ihren Bündnispartnern in der Region - allen voran Israel- wohlgesonnen sind. Ein Horrorszenario, sollten heute in Syrien kämpfende Dschihadisten dereinst einen Passagierjet der El Al mit einer amerikanischen Rakete vom Himmel holen oder zumindest in Teilen des zerfallenden Landes die Macht übernehmen.

Russland als letzte Hoffnung für politische Lösung

Das lässt eine Strafaktion aus der Distanz gegen die Kommando-Infrastruktur des syrischen Militärs und Regierungseinrichtungen noch als gangbarste unter vielen schlechten Optionen erscheinen. Doch auch in diesem Fall müssen Dempsey und seine Kollegen politische Konsequenzen in der Region einberechnen: Syriens Informationsminister Omran al-Sohbi hat nicht nur selbstbewusst gewarnt, ein Angriff auf Syrien werde "keine leichte Reise". Er drohte auch vielsagend, die Folge einer Militärintervention wäre "ein Feuerball, der nicht nur Syrien verbrennen würde, sondern den gesamten Nahen Osten".

In Libanon, Jordanien und im Irak kokelt es ohnehin schon, auch in der Türkei kommt es immer wieder zu Anschlägen und Zwischenfällen. Dazwischen versuchen Millionen Flüchtlinge den Gräueln des Bürgerkriegs zu entkommen; sogar in den Irak fliehen sie. Israel liegt in der Reichweite der syrischen Raketen, und Irans neue Regierung, die nicht müde wird, Kompromissbereitschaft im Atomstreit anzukündigen, warnt in Person des Vize-Generalstabschefs Massud Dschasajeri, Amerika kenne die "rote Linie an der syrischen Front": Jedes Überschreiten "wird ernsthafte Konsequenzen" haben.

Bleibt eine Möglichkeit, die dieser Tage noch wenig diskutiert wird: Dass die Dynamik in Richtung einer Militärintervention eine politische Lösung herbeizwingt. Diese müsste das Ende der Herrschaft Assads bedeuten, könnte aber große Teile seines Regimes intakt lassen. Zumindest der UN-Vermittler Lakhdar Brahimi sah am Freitag die Chancen dafür wachsen. Beide Seiten hätten eingesehen, dass es keine militärische Lösung geben werde, sagte er. Für die Interessen Russlands in Syrien, das bislang als Assads Schutzmacht fungiert, könnte dies am Ende die beste noch erreichbare Variante sein. Und Moskau ist derzeit wohl der einzige Akteur, der in Syrien ein solche Lösung durchsetzen könnte.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema