Katholische Kirche:"Jetzt ist die Zeit der Wahrheit"

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Katholische Kirche: Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, findet klare Worte zum Verhalten von Benedikt XVI.

Georg Bätzing, Bischof von Limburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, findet klare Worte zum Verhalten von Benedikt XVI.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Die Bischöfe reagieren mit Scham und Trauer auf das Münchner Missbrauchsgutachten. Einer geht sogar noch weiter und fordert ein Schuldeingeständnis vom emeritierten Papst Benedikt XVI.

Am Donnerstag war die Zeit des Erschreckens, dann kam die Zeit der Schockstarre. Und seit Freitagabend hat nun die Zeit der Scham und die der Forderungen begonnen. Auch am Samstag und Sonntag haben sich die deutschen Bischöfe nun in klaren Worten zum Münchner Missbrauchsgutachten geäußert. Im F0kus dabei: der emeritierte Papst Benedikt XVI. "Vertuscht, verdeckt wurde lange genug", so etwa der Bischofskonferenz-Vorsitzende, Georg Bätzing. "Jetzt ist die Zeit der Wahrheit."

Der Aachener Bischof Helmut Dieser etwa forderte am Sonntag ein öffentliches Schuldeingeständnis des früheren Erzbischofs von München und Freising, Joseph Ratzinger. "Es kann nicht dabei bleiben, dass Verantwortliche sich flüchten in Hinweise auf ihr Nichtwissen oder auf damalige andere Verhältnisse oder andere Vorgehensweisen. Denn deswegen wurden doch damals Täter nicht gestoppt und Kinder weiter von ihnen missbraucht!", sagte Dieser. "Auch Bischöfe, auch ein ehemaliger Papst, können schuldig werden, und in bestimmten Situationen müssen sie das auch öffentlich bekennen, nicht nur im Gebet vor Gott oder im Sakrament in der Beichte", mahnte Dieser, der in der Bischofskonferenz dem Lager der Reformer zugerechnet wird, in einer Predigt im Aachener Dom.

"Darf nicht das letzte Wort sein."

Er fuhr fort, das Ausmaß von Versagen bei den Bischöfen mache ihn "traurig, aber auch wütend". Das gleiche gelte für die "Unfähigkeit, die eigene Verantwortung bei sich selbst zu spüren und Schuld einzugestehen und Vergebung zu erbitten oder wenigstens Bedauern und Schmerz über den eigenen Anteil an der Tragödie auszudrücken. Dass auch der frühere Papst Benedikt das noch nicht getan hat, darf nicht sein letztes Wort dazu sein!"

Benedikt, 94, der frühere Kardinal Ratzinger, hatte das Erzbistum München und Freising von 1977 bis 1982 geführt. Ein vom Erzbistum selbst in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden. Benedikts Rolle ist besonders brisant. Ihm werden vier Fälle von Fehlverhalten angelastet. Er hat die Vorwürfe in einer Verteidigungsschrift zurückgewiesen. Die Gutachter gehen davon aus, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht die Wahrheit gesagt hat.

Der Limburger Bischof Bätzing rief dazu auf, sich der Wahrheit zu stellen, so schmerzlich das auch sei. Man müsse klar sehen, was an "desaströsem Verhalten" auch von der Führung und den Spitzen der Kirche "bis hin zu einem emeritierten Papst angerichtet" worden sei, sagte der Vorsitzende der Bischofskonferenz am Freitagabend in einem Gottesdienst im Bezirk Trier. Er wisse, dass auf vielen Gläubigen diese Situation ungeheuerlich laste. Sie müssten sich bei Freunden und Familie dafür rechtfertigen, dass sie noch "zu diesem Verein gehören". Angesichts dessen, was die Münchner Studie zutage gefördert habe, müsse er eingestehen: "Manchmal schäme ich mich auch, dass wir eine solche Vergangenheit gehabt haben."

Staatliche Wahrheitskommission als Idee

Würzburgs Bischof Franz Jung sagte der Main-Post, eine staatlich eingesetzte Wahrheitskommission könne die trotz aller redlicher Bemühungen der Bistümer stets neu geäußerten Zweifel an der Unabhängigkeit der Aufarbeitung zerstreuen. Außerdem werde so die Verantwortung in die Hände des Staates und der geltenden Gesetzgebung gelegt. So könnte gezeigt werden, dass Kirche keine Sonderwelt sei.

Der Sprecher des Betroffenenbeirats der Deutschen Bischofskonferenz, Johannes Norpoth, sagte dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, offenbar wolle Benedikt nicht wissen, was in seiner eigenen Kirche passiert sei. Die Ignoranz wiege umso schwerer, weil Benedikt als Präfekt der Glaubenskongregation ab 1982 zwei Jahrzehnte lang für die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt gegenüber Minderjährigen für die Weltkirche zuständig gewesen sei, sagte er. Wenn er jetzt für sich neu definiere, was überhaupt sexueller Missbrauch von Klerikern bedeute, "dann lässt das sehr tief auf den mangelnden Aufarbeitungswillen der Kirche blicken".

Bätzing betonte aber auch, er wisse, dass auf vielen Gläubigen diese Situation "ungeheuerlich" laste. Den Teilnehmern des Gottesdienstes am Freitagabend rief er zu: "Verlieren Sie nicht den Mut."

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