Militärputsch in der Türkei:Das Unvorstellbare wird Realität

Militärputsch in der Türkei: Chaos während des Putschversuchs: In Ankara fuhren Panzer auf, doch selbst die Opposition positionierte sich gegen einen gewaltsamen Umsturz.

Chaos während des Putschversuchs: In Ankara fuhren Panzer auf, doch selbst die Opposition positionierte sich gegen einen gewaltsamen Umsturz.

(Foto: AP)

Teile des Militärs scheinen sich für den gewaltsamen Weg entschieden zu haben, den türkischen Präsidenten abzusetzen. Doch selbst die Opposition hält einen Putsch für den falschen Weg, um Erdoğan zu entmachten.

Kommentar von Christiane Schlötzer

Ein Militärputsch in der Türkei? Das schien bis zum Freitagabend eine ferne Erinnerung zu sein, eine Geisterbeschwörung aus der Vergangenheit. 36 Jahre sind die Generäle in der Türkei nicht mehr aktiv mit Panzern und Hubschraubern gegen eine gewählte Regierung vorgegangen. Und kaum jemand in der Türkei mochte zuletzt glauben, Soldaten könnten noch einmal auf Istanbuls und Ankaras Straßen zurückkehren, um die politische Macht weg zu putschen, oder dies auch nur zu versuchen.

Was in der Nacht zum Samstag in der Hauptstadt Ankara und am Bosporus geschehen ist, war zunächst noch ziemlich unübersichtlich, aber die Bilder der Nacht überstiegen bereits das bislang Vorstellbare. Premierminister Binali Yildirim sprach offen vom "Versuch" eines Putsches und drohte damit, die Hintermänner dieser Aktion würden "den höchsten Preis bezahlen". Das klingt nach Todesstrafe, ob mit oder ohne Prozess. Klar ist, die Türkei versinkt in Anarchie.

Offenbar war nicht das ganze Militär beteiligt

Was auch immer im Detail vorgefallen ist, und wer es geplant hat, die Lage war dramatisch: gesperrte Brücken in Istanbul, Panzer vor dem Atatürk-Flughafen, gesperrte Airports, ein stark eingeschränktes Internet, Schüsse, Krankenwagen vor dem Generalstabsgebäude in Ankara, der Generalstabschef angeblich als Geisel genommen. Letzteres spräche dafür, dass nicht das gesamte Militär den Aufstand gewagt hat, sondern nur ein Teil der Streitkräfte.

Ziel dieses Putschversuchs dürfte Präsident Recep Tayyip Erdoğan sein, auch wenn es sogar Spekulationen gab, Erdoğan selbst könnte hinter der Aktion stecken, um seine Macht, die er zuletzt schon immer autoritärer ausgeübt hat, zu festigen. Gegen diese Interpretation sprachen aber die weiteren Ereignisse.

Es war schon nach Mitternacht, als es hieß, das Militär habe gar das Kriegsrecht ausgerufen. Die Bilder von Hauptstraßen mit Militärfahrzeugen und langen Reihen von Soldaten mit Maschinengewehren erweckten zudem den Eindruck, dass die putschenden Einheiten nicht allzu klein sein können.

Erdoğan und die Generäle schienen sich ausgesöhnt zu haben

Warum ein Putsch nicht mehr möglich zu sein schien? Weil sich Erdoğan und die Generäle scheinbar miteinander ausgesöhnt hatten. Weil Erdoğan nach spektakulären Gerichtsprozessen gegen angebliche Putschliebhaber in den vergangenen Jahren eine nicht minder spektakuläre Kehrtwende vollzogen und ganz neue Feinde ausgemacht hatte, und weil er alte angebliche Putschplanspiele plötzlich nur noch als Lügengespinste abtat.

Womöglich ist es nun aber zumindest einem Teil der Generäle einfach zu bunt geworden. Erdoğans Machthunger, die Ausschaltung der säkularen, kemalistischen Opposition, der von Erdoğan betriebene Kurdenkrieg, dem auch immer mehr einfache Soldaten zum Opfer fallen, dazu Erdoğans Syrien-Politik. Mit all dem waren viele Generäle schon lange nicht mehr einverstanden. Ein Teil von Erdoğans Politik war lange auch der laxe Umgang mit islamistischen Kämpfern. Auch dies lief vielen in der kemalistischen Opposition, die gut Freund mit dem Militär ist, zuwider.

Doch selbst die Opposition hat sich unisono gegen den Putschversuch positioniert - auch wenn sie Erdoğan schon lange am liebsten entmachtet hätte, so geht es nun doch nicht. Jedenfalls nicht in einem demokratischen Staat.

Später in der Nacht hat Erdoğan seine Anhänger auf die Straßen gerufen, seine Macht gegen die Putschisten zu verteidigen. Und die Menschen folgten dem Ruf. Am Atatürk-Flughafen, den das Militär zuvor noch unter Kontrolle hatte, versammelten sich viele, um den Präsidenten zu empfangen. Die Soldaten zogen sich zurück - und Erdoğan konnte aus Bodrum nach Istanbul zurückkehren. Es wirkte, als wäre es eine für ihn triumphale Rückkehr.

© SZ vom 16.07.2016
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