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Militärbasis Incirlik:Erdoğan treibt die Türkei ins weltpolitische Abseits

Erdoğan verbietet deutschen Parlamentariern den Besuch der Militärbasis Incirlik. Vom einst engen Verhältnis zwischen der Türkei und Europa ist nur eine Zweckgemeinschaft geblieben.

Kommentar von Mike Szymanski, Istanbul

Ankara ist auf dem besten Weg, sich als Partner des Westens endgültig abzumelden. Indem sie deutschen Parlamentariern den Besuch der Militärbasis Incirlik verbietet, treibt die türkische Regierung einen Streit auf die Spitze, aus dem am Ende niemand einen Vorteil ziehen kann. Vom einst engen Verhältnis zu Europa ist nur eine Zweckgemeinschaft geblieben, die beide Seiten jetzt als "strategische Partnerschaft" beschönigen. Kaum irgendwo zeigte diese sich noch so stark wie im gemeinsamen Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat von türkischem Boden aus.

Die Türken hatten Incirlik erst nach langem Zögern 2015 einer internationalen Allianz unter US-Führung überlassen, um der Bedrohung durch die Fanatiker-Miliz Herr zu werden. Deutsche Tornado-Jets und ihre Besatzungen sind in Incirlik stationiert und unterstützen diesen Kampf. Sollten Berliner Parlamentarier den Stützpunkt nicht mehr besuchen können, kann es keinen anderen Ausweg geben, als diesen Einsatz zu beenden. Das wäre dann zwangsläufig auch das Aus für die strategische Partnerschaft.

Nur: Was bleibt danach noch, was verbindet einander, wenn es nicht einmal der gemeinsame Kampf gegen einen derart menschenverachtenden Feind ist, der gleichermaßen in Ländern der EU und in der Türkei wütet?

Ihren Einfluss kann die Türkei nur im Bündnis geltend machen

Der Konflikt zeigt, wie weit Präsident Recep Tayyip Erdoğan inzwischen sein Land international isoliert hat - und wie wenig ihn die Folgen dieser Isolierung zu kümmern scheinen. Die Türkei ist 1952 Mitglied der Nato geworden und seither ein fester, nicht wegzudenkender Bestandteil der westlichen Sicherheitsarchitektur. Ein Blick auf die Weltkarte genügt, um sich der Bedeutung der Türkei noch einmal zu vergewissern.

Will Erdoğan sein Land am Ende tatsächlich aus diesem System herauslösen? Dadurch würde er auch die Türkei selbst in eine unsichere Zukunft steuern. Anders als er es seinen Anhängern vermittelt, ist die Türkei im Alleingang nicht mächtig. Ihren Einfluss, ihre geostrategische Bedeutung kann sie nur in Bündnissen geltend machen.

Erdoğan hat gerade Gelegenheit zur Bestandsaufnahme. Er befindet sich auf Weltreise. In Sotschi traf er kürzlich Russlands Staatspräsident Wladimir Putin. Europa und die USA will er wissen lassen, dass er auch anders kann. Aber tatsächlich ist das türkisch-russische Verhältnis allein von Putins Launen abhängig. In Syrien verfolgt Moskau eigene strategische Ziele, anstatt auf die Befindlichkeiten der Türkei Rücksicht zu nehmen.

Erdoğan liebäugelt mit dem Autokraten-Club

Dennoch liebäugelt Erdoğan damit, sich dem Autokraten-Club Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit anzuschließen, der von Russland und China dominiert wird. Gerade war Erdoğan Gast beim Seidenstraßen-Gipfel in Peking und suchte die große Bühne.

An diesem Dienstag nun will Erdoğan US-Präsident Donald Trump treffen. Die Zusammenkunft, erklärt er, werde wegweisend sein. Damit dürfte er richtig liegen. Die USA ziehen in Syrien bis jetzt lieber mit kurdischen Kämpfern, die der Terrororganisation PKK nahestehen, in die Schlacht gegen den IS als mit türkischen Soldaten. So wenig ist vom Vertrauen der USA in den türkischen Partner geblieben.

Unter Barack Obama hatte das türkisch-amerikanische Verhältnis bereits einen Tiefpunkt erreicht, und bislang macht sein Nachfolger Trump wenig Anstalten, es wieder zu verbessern. Gerade erst hat Washington entschieden, die Kurdenkämpfer mit schwerem Kriegsgerät auszustatten - gegen den erklärten Willen Erdoğans. Trump hat damit schon vor dem Treffen klargemacht, wer der Stärkere von beiden ist.

Nächste Woche reist Erdoğan nach Brüssel. Vielleicht hat er bis dahin begriffen, wie wichtig die EU für ihn geworden ist.

© SZ vom 16.05.2017/dayk
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