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Tourismus:Mit dem Lkw an den Strand

In Hawaii gehen die Mietwagen aus. Touristen werden kreativ.

Von Kathrin Werner

Vom Flugzeug aus sieht man sie schon. Zwischen den Palmen, die sich sanft im Tropenwind wiegen, erstrecken sich riesige Parkplätze rund um den Kona International Airport. Hier warten Hunderte Mietwagen, vor allem all die Jeeps und Pick-ups, die Touristen gerne mieten, um über Buckelpisten zu Hawaiis Stränden zu fahren.

In normalen Zeiten kostet so ein Mietwagen gut 80 Dollar am Tag. Doch die normalen Zeiten sind vorbei. Heute sind die Parkplätze rund um die Flughäfen auf den hawaiianischen Inseln leergefegt. Wer gerade überhaupt einen Mietwagen bekommt, hat Glück - und muss es sich leisten können. 250 Dollar am Tag sind ein durchschnittlicher Preis für einen durchschnittlichen Wagen. Im März, als viele Amerikaner in die Frühlingsferien fuhren, waren für den billigsten Mietwagen auf der Insel Maui, einen Toyota Camry, 722 Dollar am Tag fällig, berichtet das Lokalnachrichtenportal Hawaii News Now. Vans in Honolulu kosteten 500 Dollar pro Tag, Cabriolets 1000 Dollar oder mehr. Vor einem Jahr, als die Touristen zu Hause blieben, hatten manche Verleiher die Preise auf fünf Dollar am Tag gesenkt.

Schuld daran ist zum einen, dass die Autovermieter in Hawaii und vielen anderen amerikanischen Urlaubszielen von der plötzlichen Rückkehr der Touristen überrascht wurden, die nach dem Impfen erst einmal Ferien machen wollten. Zum anderen haben viele Unternehmen ihre Flotten in der Krise reduziert. Um der Pleite zu entgehen, haben die großen Mietwagenfirmen wie Avis Budget Group mehr als 770 000 ihrer Autos in den USA verkauft. Mehr als jedes dritte Mietauto, das vor der Pandemie im Einsatz war, ist jetzt nicht mehr verfügbar. Nachschub gibt es nicht schnell genug, auch weil ein Engpass bei Halbleitern, die auch in Autos verbaut werden, die Fahrzeugproduktion verlangsamt. Es dürfte bis zum kommenden Jahr dauern, wieder genug Mietwagen für die große Nachfrage in den USA zu kaufen, glauben Branchenbeobachter.

So wird Hawaiis Mietwagenkrise zum Lehrstück für Unternehmen, die sich im Moment nichts sehnlicher wünschen als die Rückkehr ihrer Kunden. Wünsche können sich schneller erfüllen als geplant - und dann überfordern, wenn man nicht vorbereitet ist. Die Geister, die ich rief.

In ihrer Not sind die Touristen auf Hawaii kreativ geworden. An den Stränden des Aloha-Bundesstaats ragen die Surfboards nicht wie sonst aus den Ladeflächen der angemieteten Pick-ups hervor, sondern aus Umzugswagen. Denn die sind viel billiger. "19,95 Dollar pro Tag" druckt der Umzugswagen-Verleiher U-Haul stolz auf die Seite der Kleintransporter, zuzüglich Kilometergeld. Es habe "beträchtlichen Aufschwung" bei den Vermietungen durch Besucher gegeben, sagte Kaleo Alau, der Chef von U-Haul auf Hawaii. "Wir stellen fest, dass diese Nachfrage auftritt, wenn Touristen nicht in der Lage sind, sich einen Mietwagen zu sichern, oder sie erfahren, dass unsere Mietflottenangebote erschwinglicher sind." Besorgte Hawaiianer hätten schon angerufen, wenn sie Umzugswagen an überraschenden Orten sehen. U-Haul habe dann Mitarbeiter hingeschickt, um nachzuschauen, ob die Transporter geklaut waren, sagt Alau. "Nein, die Leute waren nur am Strand."

© SZ
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