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Merkel und die Saar-Wahl:Zeit der Gottesanbeterinnen

Annegret Kramp-Karrenbauer hat viel gelernt von Angela Merkel. Vor allem eines: An der Macht zu bleiben, indem sie den politischen Partner kleinmacht. Das dürfen all jene gerne wörtlich nehmen, die heute oder in der Zukunft auf Merkels Nähe angewiesen sind. Wer der Kanzlerin zu Nahe kommt, der riskiert sein politisches Leben.

Thorsten Denkler, Berlin

Eine Gottesanbeterin zu umwerben ist für das Männchen eine heikle Angelegenheit. Es geht um Leben und Tod. Besser: um sein Leben und um seinen Tod. Schon das ausgefeilte Balzritual hat nur einen Sinn: Das Männchen will sich dem viel größeren Weibchen möglichst gefahrlos nähern können.

Sitzung CDU-Bundesvorstand

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer: Wer ihnen aber zu Nahe kommt, der riskiert sein politisches Leben.

(Foto: dapd)

Und doch passiert es nicht selten, dass das Männchen dabei umkommt. Schlicht weil die angebetete Beterin gerade eine Heißhungerattacke überkommt. Dann frisst sie ihren Liebespartner gerne schon mal auf.

Angela Merkel ist so etwas wie die Gottesanbeterin der deutschen Politik. Ihre bisherigen politischen Gatten dürfen sich bestenfalls als Überlebende bezeichnen: Viele hat sie schlicht kaltgestellt.

Merkel frisst ihre Partner

Merkel frisst ihre politischen Partner, einen nach dem anderen. Erst die SPD in der großen Koalition, jetzt die FDP. Und als Zwischenmahlzeiten hier ein Häppchen Koch, dort ein Löffelchen Merz. Es ist eine Krux mit dieser Merkel. Ohne sie geht es nicht, weil es ohne sie keinen Zugang zur Macht gibt. Wer ihr aber zu Nahe kommt, der riskiert sein politisches Leben.

Merkel sieht das pragmatisch. Am Ende zählen nicht Prozente, sondern Kräfteverhältnisse. Das hat sie gelernt. Die alte und neue saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ist ihre beste Schülerin. Sie hat vorgemacht, was Merkel sich für die Bundestagswahl 2013 wünscht: ein Ergebnis, bei dem ohne sie als Kanzlerin keine Regierung zustande kommen kann. Es sieht mal wieder gut aus.

Die Saarland-CDU hat ja keineswegs ein brillantes Ergebnis eingefahren. Sie kennt das Gefühl, mit absoluter Mehrheit zu regieren. Diesmal sind es schlappe 35,2 Prozent. Nur zwei Mal seit der Wiedereingliederung des Saarlandes in das Bundesgebiet 1957 lagen die Christdemokraten noch schlechter.

Aber: Wen juckt es? Die CDU stellt die Ministerpräsidentin. Und wenn stimmt, was über Kramp-Karrenbauer gesagt wird, dann kann ihr egal sein, welchen Juniorpartner sie diesmal verspeist.

An Dreikönig hat Kramp-Karrenbauer Mut bewiesen. Sie hat die Koalition mit FDP und Grünen kurzerhand aufgekündigt und ist damit ein unberechenbares Risiko eingegangen. Das hätte Merkel sich nicht getraut. Im Ergebnis aber ist Kramp-Karrenbauer wieder ganz bei Merkel: Die FDP ist mit 1,2 Prozent politisch tot. Die Grünen konnten sich mit 5,0 Prozent gerade noch in den Landtag retten. Kramp-Karrenbauer heißt es, sei die Merkel von der Saar. Auch sie ist jetzt eine Gottesanbeterin. Und SPD-Mann Heiko Maas ihr nächstes Opfer.

Das Saarland ist klein. Gerade mal 800.000 Wahlberechtigte gibt es im Land. Umso erstaunlicher, wie nahe das Ergebnis dort an das herankommt, was wohl von der Bundestagswahl 2013 zu erwarten ist. Merkel reicht es vollkommen, wenn sie auf irgendwas um 35 Prozent kommt. Da müssen sich SPD und Grüne gehörig anstrengen, um genug Prozente für ein Zweierbündnis zusammenzubekommen. Eines scheint aus heutiger Sicht sicher: Reicht es nicht für Rot-Grün, wird Merkel wieder Kanzlerin. Egal mit wem.

Auf diese FDP kann Merkel verzichten

Dafür muss sie einfach nur weitermachen wie bisher: Präsidial die Euro-Krise managen und dafür ein ums andere Mal große Mehrheiten im Bundestag hinter sich versammeln. Die innenpolitischen Scharmützel kann sie getrost den Altmaiers, von der Leyens und Schröders überlassen.

Und die Leute mögen das offenbar. Zumindest genug, damit die CDU nicht verantwortlich gemacht wird für das desolate Bild, das die schwarz-gelbe Bundesregierung seit ihrem Amtsantritt 2009 abgibt. Dafür werden nicht immer zu Recht allein die Liberalen verantwortlich gemacht.

Auf diese Liberalen kann Merkel getrost verzichten. Mehr als Ärger haben sie ihr bisher nicht bereitet. Sie wird nicht dafür kämpfen, dass die FDP aus dem Bundestag fliegt. Verhindern aber wird sie das auch nicht. Merkel ist da pragmatisch: Wer ihr nützt, darf sich ihr nähern. Wer sich ihr nähert, muss mit dem Schlimmsten rechnen. Das sichert ihr das Überleben.

Annegret Kramp-Karrenbauer hat das erkannt. Es ist die Zeit der Gottesanbeterinnen.

© Süddeutsche.de/segi/lala

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