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Merkel bei Flüchtlings-Schulklasse:Selfie mit der Kanzlerin

"Wir wollen den Kindern eine gute Zukunft geben": Angela Merkel besucht in Berlin eine Schule mit speziellen Willkommensklassen für jugendliche Flüchtlinge. Die Begeisterung ist gegenseitig.

Von Cem-Odos Güler und Martin Schneider, Berlin

Abdoulaye Troore ist zu spät. Vor der schweren Holztür an der Ferdinand-Freiligrath-Schule fragt er Angela Merkels Personenschützer, ob er noch in die Klasse kommt. Drinnen sitzen seine Banknachbarn bereits, sie fragen die Bundeskanzlerin, wo sie zur Schule gegangen ist und wie sie es in die Politik geschafft hat.

Der Unterricht, den Angela Merkel am Mittwoch in Berlin-Kreuzberg besucht hat, findet in einer von knapp 480 sogenannten Willkommensklassen statt, die es in Berlin gibt. Zwölf Kinder sitzen dort in einem Raum, der Deutschunterricht soll für sie möglichst intensiv sein. Abdoulaye war ein Jahr und drei Monate in dieser Willkommensklasse, dann konnte er in den regulären Unterricht wechseln. Der 18-Jährige hätte gerne Angela Merkel von seinem Weg aus Mali nach Deutschland vor vier Jahren erzählt, die Polizisten am Schuleingang lassen ihn aber nicht mehr durch. Also wartet er draußen mit seinen Freunden.

Hinterher heißt es, die Schüler in der Klasse hätten Selfies mit der Bundeskanzlerin gemacht. Etwa eine Stunde wollte sich Merkel auf die Schulbank setzen, am Ende wurde es ein bisschen länger. Die Schüler hätten sich auf Deutsch mit ihr unterhalten und wollten unter anderem von ihr wissen, warum sie Bundeskanzlerin geworden sei. Das Gespräch sei sehr freundschaftlich gewesen, sagte die Schulleiterin im Anschluss.

"Wir wollen den Kindern eine gute Zukunft geben", sagt Merkel

"Es gibt so viel Enthusiasmus bei den Kindern, so viel Bereitschaft zu lernen, und wir wollen ihnen eine gute Zukunft geben", sagt Angela Merkel auf dem Schulhof zu den versammelten Journalisten. Drei Willkommensklassen gibt es an der Ferdinand-Freiligrath-Schule, der jahrgangsübergreifende Unterricht ist im ganzen Haus schon seit längerer Zeit die Praxis. Ein interaktives Whiteboard, der Einsatz von Smartphones - das alles gibt es auch in den Willkommensklassen. Eine Vorzeigeschule also. So habe die Rektorin die Schüler über den Besuch von Angela Merkel informiert und anständiges Benehmen angemahnt.

"Auch wenn es uns nicht gesagt worden wäre, hätten wir uns benommen, sie ist ja Bundeskanzlerin", sagt die 18-jährige Zehra Karakurt. Auch sie war vor einiger Zeit in einer Willkommensklasse, auch sie geht inzwischen in den Regel-Unterricht. Merkel lobt dieses Modell. "Das Konzept Berlins, jedem, der hierherkommt, sehr schnell einen Platz in einer solchen Willkommensklasse zu geben, ist sehr zukunftsweisend", sagte die Bundeskanzlerin. Der Senat für Bildung hat seit Beginn des Schuljahres ein drei Millionen Euro schweres Sofortprogramm für die Schulen aufgelegt. Damit sollen neue Lehrer und Schulpsychologen eingestellt werden.

Seit Beginn des Schuljahres habe Zehra Karakurt viele neue Mitschüler bekommen, auch in den Willkommensklassen, erzählt sie weiter. Und dann muss sie lachen und sagt: "Ich finde das gut, weil es viele Jungs gibt."

Eine Frau in der Erstaufnahmeeinrichtung ruft "auf Wiedersehen"

Ein paar Stunden zuvor: Merkel kommt aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Berlin-Spandau. Sie ist zu spät, weil auch hier jeder Flüchtling mit einem Smartphone ein Selfie mit der Kanzlerin machen will. Sie sagt, dass es das Ziel sein muss, Flüchtlinge mit guten Abschlüssen so schnell wie möglich in den Arbeitsmarkt zu bringen und dass die Mitarbeiter beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) gerade unter "schwierigen Bedingungen arbeiten."

Über ihrem Kopf dröhnt ein Flugzeug, das gerade im nahen Flughafen Tegel gestartet ist. Sie muss einen Moment Pause machen, so laut ist es. Sie bedankt sich dann noch bei den Mitarbeitern, lobt die Arbeiterwohlfahrt für ihr Engagement. Die Flüchtlinge würden hier mit "viel Liebe und Zuneigung" beherbergt. Dann steigt sie wieder in ihre Limousine. Ein paar Flüchtlinge klatschen und jubeln, eine junge Frau ruft begeistert "auf Wiedersehen".

Als sie weg ist, wischt Arafat Hejazi aus Damaskus über sein Smartphone. Er hat ein Video von Merkel gedreht und ist sehr stolz darüber. Die Zustände im Heim, sagt er, seien so, wie die Kanzlerin gesagt hat. Alle würden sich kümmern, sagt Hejazi und umarmt eine Dolmetscherin. Er sei sehr glücklich hier zu sein, aber seine Tochter, zwölf Jahre, die ist noch in der Türkei. Er macht sich Sorgen. Genau wie Mohamad Kastantin. Er ist in Sicherheit, seine drei Kinder sind in Damaskus. Er hat Schwierigkeiten mit der Botschaft und er hat versucht, mit der Kanzlerin darüber zu reden. Aber das hätten natürlich alle versucht. Dass sie da war, fanden beide trotzdem ein schönes Zeichen.

Der Besuch ist ein schönes Zeichen, verändern tut er nichts

Als die letzten Kameras vor dem Heim abgebaut werden, kommt Gerda Haß von der Arbeiterwohlfahrt aus dem Gebäude. Sie unterrichtet ehrenamtlich Deutsch für die Kinder, die noch keinen Schulplatz haben und ist eine der tausend Menschen, die Angela Merkel in den vergangenen Tagen gelobt hat. Wie findet sie das, dass die Kanzlerin vorbeikommt? "Sie zeigt, dass etwas passiert. Auf jeden Fall ist es ein schönes Zeichen." Wird sich jetzt etwas konkret verändern? Gerda Haß zuckt mit den Schultern.

Gegenüber der Erstaufnahmeeinrichtung auf der anderen Straßenseite stehen Hunderte Flüchtlinge in der Sonne. Sie warten auf Dokumente, ab und zu kommt ein Mitarbeiter des Bamf heraus und liest einen Namen vor. Dann drängelt sich der Aufgerufene nach vorne, holt seine Papiere ab und geht wieder. Die wenigen Plastikstühle, die da sind, sind von Alten und Schwangeren besetzt. "Wir warten seit drei, vier Stunden", sagt ein Flüchtling aus Syrien. Seinen Namen will er nicht nennen. Ob er denn mitbekommen hätte, dass Angela Merkel gerade gegenüber war? Er schüttelt den Kopf.

© SZ.de/ewid
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