Malaysia:Mit 92 Jahren noch einmal um die Macht kämpfen

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Malaysia General Election 2018

Mahathir Mohamad, 92, bei einer Wahlkampfveranstaltung in Kuala Lumpur, Malaysia.

(Foto: Getty Images)

Einst schob Mahathir Mohamad als Premier Malaysias Aufschwung an, dann machte er 15 Jahre Pause. Nun will er es noch mal wissen: Im Bündnis mit einem alten Widersacher tritt er zur Wahl an.

Von Arne Perras, Kuantan

Vergleiche mit dem 81-jährigen Silvio Berlusconi verbieten sich natürlich. Zwar will auch Mahathir Mohamad zurück auf die ganz große Bühne. Aber der malaysische Ex-Premier ist alles andere als ein Clown. Außerdem ist der Italiener viel zu jung, als dass man ihn in einem Atemzug mit Mahathir nennen sollte. Der Malaysier wird in diesem Sommer schon 93 Jahre alt.

Bevor er seinen nächsten Geburtstag in aller Ruhe feiern kann, hat Mahathir noch etwas zu erledigen: Er führt das Oppositionsbündnis Pakatan Harapan an und will am 9. Mai die Wahlen gewinnen. Der Premier Malaysias soll nach 15 Jahren Pause wieder Mahathir heißen. Dafür kämpft der 92-Jährige jetzt Tag und Nacht. Ein Witz?

Eher ein Notfall, so möchte das der Kandidat verstanden wissen. Er sitzt am Donnerstagmorgen aufrecht in einem grauen Sessel in der Hotellounge und spricht über seine Pläne. "Ruhestand, alles schön und gut", sagt Mahathir. "Aber ich kann es mir nicht leisten. Es haben mich so viele Leute um Hilfe gebeten, die Probleme sind so groß, da konnte ich nicht mehr anders, ich musste das machen."

So wie er die Dinge schildert, steht Malaysia am Abgrund. Und kein anderer als er sei noch in der Lage, das Schlimmste in letzter Minute abzuwenden. Er sagt, er fürchte um sein Erbe. "Es ist schlimm geworden, wir müssen das zurechtrücken." Die einen sehen in solchen Sätzen nur die Hybris eines alten Mannes, die anderen eine Chance, die von Korruptionsskandalen gebeutelte Regierung endlich loszuwerden. Sie setzen auf Mahathir als Premier auf Zeit, um dann den Weg für eine neue Ära freizuräumen.

Sicher ist, dass die Akteure in Malaysia auch vor den verrücktesten Allianzen nicht zurückschrecken. Das beste Beispiel dafür liefert Mahathir selbst. Denn der alte Mann setzt nun auf ein Bündnis mit seinem früheren Widersacher Anwar Ibrahim. Das ist jener Mann, den Mahathir einst mittels Sodomie-Vorwürfen ins Gefängnis verfrachten ließ. Dort sitzt Anwar noch immer, er soll aber im Juni freikommen. Und wenn die Opposition die Wahl gewinnt, könnte es sein, dass Mahathir später das Feld für Anwar Ibrahim räumt. So ist es angeblich ausgehandelt.

General Elections in Malaysia, Langkawi Island - 28 Apr 2018

„Wir werden geführt von Gangstern, Dieben und Banditen, so ist das in unserem Land, seitdem Najib regiert“: Der einstige Premierminister Malaysias, Mahathir Mohamad, 92, stellt sich wieder zur Wahl, weil er das Land am Abgrund sieht.

(Foto: FAZRY ISMAIL/EPA-EFE/REX/Shutter)

"Wir sind übereingekommen, die alten Streitereien jetzt mal ruhen zu lassen", sagt Mahathir an diesem Morgen, als sei das neue Bündnis das Normalste von der Welt. Manchen Malaysiern wird schwindelig bei so viel Wendigkeit. Anderen kommen die Tränen angesichts der rührenden Versöhnungsgeschichte zwischen Anwar und Mahathir.

Was die beiden früheren Rivalen nun eint, ist der gemeinsame Gegner: Premierminister Najib Razak. Er ist seit 2009 an der Macht und will unter dem Banner des Regierungsbündnisses Barisan Nasional (BN) wieder gewählt werden.

Doch nun muss sich Najib ausgerechnet gegen seinen einstigen Paten zur Wehr setzen, der ihm in der Vergangenheit den Weg nach ganz oben ebnete. Ohne Mahathir, der Malaysia 22 Jahre lang recht eisern regierte, konnte man früher gar nichts werden in der Regierungspartei. Später dann haben sich Najib und Mahathir zerstritten. Und das macht das Rennen nun sehr unberechenbar. Viele Wähler sind verwirrt. Wem sollen sie noch vertrauen? Dem alten Mann, der Malaysias Aufschwung als asiatischer Tiger angeschoben hat? Oder doch lieber seinem Zögling, der nun in Ungnade gefallen ist?

Najib hat eine große Maschine hinter sich, die Parteiverbände der United Malays National Organisation (Umno). Mahathir hingegen setzt auf sein Gewicht als Vater der Nation. Wer wird die meisten Sitze erobern? Auf Prognosen ist in Malaysia wenig Verlass, auch wenn viele Analysten dazu neigen, Najibs Chancen höher einzuschätzen als die von Mahathir. Sicher ist, dass viele Wähler zumindest schwer beeindruckt sind, wie viel Energie ihr Ex-Premier in diesen Tagen noch aufbringen kann.

Am Mittwochabend strömen Tausende in den Park von Kuantan an der Ostküste, um Mahathir reden zu hören. Anfangs sitzt er noch unten in der ersten Reihe, wo sie für ihn und seine Frau große Ledersessel ins Gras gestellt haben. Mahathir hat die Beine übereinandergeschlagen, er blickt entspannt hinauf zur Bühne, wo sich ein Oppositionspolitiker nach dem anderen in heiserer Rede an der Regierung abarbeitet. Dann ist der 92-Jährige an der Reihe, er steigt ohne Hilfe die steile Treppe zum Podium hinauf, tritt ans Mikrofon, Jubel brandet auf. Geduldig schließt er die Hände vor dem Körper und dreht eine Weile Däumchen, bis es still geworden ist.

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