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Missbrauchsfall in Lügde:Gerüchte um einen Zeugen

Abriss der Parzelle auf dem Campingplatz in Lügde

Ein Kinderauto liegt unter den Trümmern vor der zum Teil bereits abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)
  • Im Missbrauchfall in Lügde gibt es neue Ungereimtheiten bei den Ermittlungen.
  • Ein Abrissunternehmer hatte am Tatort Datenträger gefunden, welche die Polizei zuvor übersehen haben soll.
  • Nun wehrt sich der Mann gegen den Vorwurf, der Reichsbürgerszene nahezustehen und den Tatort womöglich selbst nachträglich manipuliert zu haben.

Die Zahl der Opfer steigt, die Anklage verzögert sich - und nun überlagert noch eine "Reichsbürger"-Debatte das mutmaßlich größte Missbrauchsverbrechen in der Kriminalgeschichte Nordrhein-Westfalens. Die abgewirtschaftete Wohnwagen-Parzelle auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde, wo über Jahre hinweg mehrere Männer mindestens 41 Kinder sexuell schwer missbraucht haben sollen, war Mitte April entsorgt worden. Der mit dem Abriss beauftragte Unternehmer hatte dabei Datenträger gefunden, welche die Polizei zuvor übersehen haben soll. SZ, NDR und WDR hatten darüber berichtet. Nun wehrt sich der Abrissunternehmer gegen den Vorwurf, der Reichsbürgerszene nahezustehen und den Tatort womöglich selbst nachträglich manipuliert zu haben.

Nach dem vermeintlichen Abschluss der Beweissicherung am Tatort Ende März hatte der Stellplatzbetreiber die Erlaubnis erhalten, Wohnwagen und Bretterbuden des Hauptverdächtigen abreißen zu lassen. Er beauftragte mit dem Abriss Christopher Wienberg, einen 29 Jahre alten Unternehmer aus der Nachbarschaft. Dieser entdeckte bei seinen Arbeiten im Abraum der Parzelle weitere CDs, Videokassetten und Disketten. Nachdem bereits zuvor ein Koffer mit mehr als 150 CDs aus einer Polizeiwache verschwunden war, galt der späte Fund im Campingplatz-Schrott als weitere Panne der Ermittler.

Plötzlich aber wurde über die Glaubwürdigkeit des Abrissunternehmers diskutiert, bis in den Landtag. Ob der Unternehmer "der Reichsbürgerszene zuzuordnen" sei, wollte der nordrhein-westfälische Abgeordnete Christian Dahm, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, wissen. Er richtete diese Frage vergangenen Dienstag zum Abschluss einer Sondersitzung des Innenausschusses an Innenminister Herbert Reul (CDU). Laut Reul liegt gegen den Mann allerdings nichts vor.

Das Thema aber war gesetzt. Reichsbürger lehnen die Gesetze der Bundesrepublik Deutschland, sogar die Existenz des Staates, ab. Sie missachten die Justiz, bezahlen Strafen und oft auch Steuern nicht. Die Polizei, sagen Reichsbürger, sei für sie nicht zuständig. Und solch ein Mann soll den Tatort von Lügde aufgeräumt haben?

Ein SPD-Abgeordneter, früher Polizist, fragte nach einem "Reichsbürger-Hintergrund"

"Abrissunternehmer im Zwielicht", titelte etwa die Rheinische Post und berichtete wie andere Medien davon, dass der Mann eine amtliche Zahlungsaufforderung mit einer "für Reichsbürger typischen Begründung" abgelehnt habe. Und: sein Vater werde in Nordrhein-Westfalen als Reichsbürger geführt.

Der Abrissunternehmer Wienberg beteuert, "definitiv kein Reichsbürger" zu sein. Seinen Personalausweis trägt er im Portemonnaie, gültig bis 2027, er zeigt ihn vor. Er habe auch niemals einen Staatsangehörigkeitsausweis beantragt, wie einige Medien behaupteten. Nach Recherchen von SZ, NDR und WDR steht zwar Wienbergs Vater in Niedersachsen im Verdacht, der Reichbürgerszene nahezustehen, wird von den Behörden aber noch nicht als extremistisch beurteilt. Christopher Wienberg selbst aber wird von keiner Behörde als Reichsbürger eingestuft oder geführt. Auch sein Vater beteuert auf Anfrage, kein Reichsbürger zu sein.

Der Abgeordnete Dahm, früher selbst Polizist, teilte auf Anfrage mit, dass es schon "seit mehreren Tagen Gerüchte über einen Reichsbürger-Hintergrund des Unternehmers gegeben" habe, daher habe er die Landesregierung danach gefragt. Durch deren Antwort sei "den Gerüchten aus meiner Sicht der Nährboden entzogen" worden. Wer die Gerüchte aufgebracht hat, wie sie ihn, den Düsseldorfer Politiker, erreicht haben - das beantwortete Dahm nicht.

"Kronzeuge für schlampige Ermittlungsarbeit" nennt nun etwa die WAZ den Abrissunternehmer - und berichtet im selben Atemzug davon, dass "Sicherheitskreise" bestätigt hätten, dass es "polizeiliche Erkenntnisse über eine ,gewisse Nähe' des Mannes zur Reichsbürger-Szene" gebe. Möglicherweise, spekulieren mehrere Medien, habe der Abrissunternehmer die nachträglich gefundenen Datenträger sogar selbst dort platziert. Auf diese Art die Polizei zu diskreditieren, könne ein für Reichsbürger typisches Verhalten sein.

Auch das, versichert Christopher Wienberg, stimme nicht, er habe keinen Tatort manipuliert. Gegen die Beschuldigungen geht er nun mit einem Anwalt vor.

Korrektur: Im Artikel "Gerüchte um einen Zeugen" vom 4. Mai über den angeblichen Reichsbürgerhintergrund eines Abrissunternehmers aus Lügde hieß es, die "Rheinische Post" habe wie andere Medien auch darüber berichtet, dass der Abrissunternehmer "sogar seinen Personalausweis abgegeben" habe. Das trifft nicht zu. Die "Rheinische Post" hatte nicht über diese Vermutung berichtet.

Missbrauchsfall in Lügde Weiteres Kinderporno-Material in Lügde gefunden

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