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Lübcke-Prozess:Ein Anwalt, der den großen Auftritt mag

Mustafa Kaplan, Stephan Ernst, Lübcke-Mordprozess

Anwalt Mustafa Kaplan (links) neben seinem Mandanten Stephan Ernst im Gerichtssaal in Frankfurt.

(Foto: REUTERS)

Mustafa Kaplan vertritt im Prozess um den Mord an Walter Lübcke den Hauptangeklagten. Kritikern hält der Anwalt entgegen: "Ich bin kein Robin Hood. Ich mache meinen Beruf."

Von Annette Ramelsberger

Wenn man etwas mit Sicherheit über den Kölner Strafverteidiger Mustafa Kaplan sagen kann, dann, dass ihn aufsehenerregende Verfahren anziehen. Er hat im NSU-Prozess einen Verletzten vertreten, ebenso den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan im Streit mit dem Satiriker Jan Böhmermann. Nun verteidigt er, der Sohn türkischer Einwanderer, den Neonazi Stephan Ernst, der beschuldigt wird, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet zu haben.

Er ist ein streitbarer Anwalt, einer, der sagt, er lasse sich nichts gefallen, und den eine Richterin dann - wie letztes Jahr in Köln geschehen - sogar aus dem Saal werfen wollte wegen seiner Widerworte. Sein Befangenheitsantrag gegen sie ging dann durch. So etwas macht ihn bekannt und vermutlich auch stolz. Wegen solcher Schlagzeilen haben ihn auch der Neonazi Ernst und dessen damaliger Verteidiger Frank Hannig mit in die Verteidigung geholt.

Das ging nicht lange gut. Hannig verteidigte mit ganz offenbar unlauteren Methoden, Kaplan setzte sich von ihm ab. Nicht etwa still und dezent, sondern mit größtmöglichem Paukenschlag. Er trat sogar als Zeuge gegen den Kollegen auf. Das Gericht hat Anwalt Hannig entpflichtet, Kaplan stand ungerührt daneben.

Mit acht Jahren kam er aus der Türkei nach Deutschland

Kaplan lässt es immer wieder zum Eklat kommen. Im Lübcke-Prozess, in Köln, aber auch im NSU-Prozess, wo er anderen Nebenklägern vorwarf, sie funktionierten das Verfahren in einen Untersuchungsausschuss um.

Die Freude am großen Auftritt hat er seit seiner Jugend. Kaplan, 52, kam als Achtjähriger mit seinen Eltern aus der Türkei, sein Vater arbeitete bei Ford, seine Mutter putzte. Und als er dann als junger Jurastudent seinen bewunderten Professor Hans Joachim Hirsch im Vorlesungssaal abfällig sagen hörte, die türkischen Putzfrauen machten die Hinterlassenschaften der Studenten schon weg, da sprang Kaplan wütend auf und nannte den Juraprofessor ein "Nazischwein". Größtmögliches Aufsehen, später entschuldigten sich die Herren gegenseitig beieinander. Der eine fürs "Nazischwein", der andere für den Spruch über türkische Putzfrauen.

Kaplan hatte lange nicht gewusst, was er werden soll. Er arbeitete für die Grünen im Bundestag, für den WDR, im Krankenhaus und zog eine Zeit lang mit einer Theatergruppe durchs Land, für 100 Mark je Auftritt. Dann studierte er Jura. Als Jurist polarisiert er. "Ich lasse mir von niemandem das Rückgrat verbiegen", sagt Kaplan. Andere sagen, er pflege vor allem sein Ego. Der NSU-Nebenklageanwalt Eberhard Reinecke warf ihm vor, Kaplan habe seinen Mandanten in seinem gerade mal zwölf Minuten langen Plädoyer zum Ende des NSU-Prozesses noch nicht mal erwähnt.

"Ich bin kein Robin Hood. Ich mache meinen Beruf"

Andere Anwälte mit Migrationshintergrund sagen, sie hätten sich nicht als "Quoten-Türke" in die Verteidigung von Stephan Ernst einbinden lassen, nur um zu zeigen, dass der seiner rechtsradikalen Ideologie abgeschworen habe. Kaplan selbst will sich mit solcher Kritik gar nicht auseinandersetzen. "Ich bin kein Kämpfer für Gerechtigkeit, ich bin kein Robin Hood. Ich mache meinen Beruf."

Seinen Beruf macht er jetzt also vor dem Oberlandesgericht Frankfurt. Nach dem Eklat mit seinem Vorgänger Hannig hat er der Familie Lübcke versprochen, dass sein Mandant alle Fragen beantworten werde - das tut er. Auch wenn Kaplan dazwischengrätscht, wenn Ernst zu viel redet.

Ein Lebenslänglich wegen des Mordes an Walter Lübcke kann Kaplan nicht mehr verhindern, sein Ziel ist es, die anschließende Sicherungsverwahrung vom Tisch zu bekommen. Das geht nur, wenn Stephan Ernst nicht auch noch wegen des Mordversuchs an einem Flüchtling verurteilt wird. Dafür hat Kaplan vor Kurzem einen wichtigen Punkt gemacht und eine Rechnung präsentiert, die beweisen soll, dass das angebliche Tatmesser, das bei Ernst gefunden worden war, erst nach dem Angriff auf den Flüchtling gekauft worden sei. Am Donnerstag sollte Kaplan seinen Schlussvortrag halten. Kurzfristig aber wurde die Verhandlung ausgesetzt. Nun soll Kaplan am 21. Januar sprechen.

© SZ/gal
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