Linken-Chef blickt zurück:Ideale, so makellos wie die Tiroler Bergwelt

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Nach der Suppe serviert Ernst den Tafelspitz. Wichtig, erklärt er, sei die Zubereitung in einer ordentlichen Gemüsebrühe. Das Fleisch ist zart geworden, das freut Ernst. Dann redet er über seine Partei. Es ärgere ihn "die Unvernunft, die ich teilweise erlebe". Sodann malt er ein Ideal, so makellos wie die Tiroler Bergwelt. Die Partei habe doch einen Zweck, nämlich "die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Menschen".

Linken-Chef Ernst: Ruecktrittsforderung war Einzelmeinung

Es war kein angenehmer Sommer für Linken-Chef Ernst - nun sitzt er auf seiner Hütte in Tirol und sinniert darüber, warum er ins Gerede kam.

(Foto: ddp)

Der Gast weiß nicht recht, ob er sich mit oder über Ernst wundern soll, als dieser feststellt, in Wirklichkeit gehe es aber noch zu vielen "um ganz andere Ziele und Motive". Fraktionschef Gregor Gysi hat einmal über den Spinner-Anteil in seiner Partei geklagt. "Einige sind bereit, mit allem, was sie haben, dafür einzutreten, dass ein Punkt, der keinen Hund hinter dem Ofenrohr hervorlockt, ins Programm geschrieben wird. Dafür sind sie auch bereit, in der Öffentlichkeit übereinander herzufallen", jammert nun auch Ernst. "Debatte ist gut. Aber die Diffamierung der eigenen Leute muss aufhören."

Es schwingt Selbstverteidigung mit in so einem Satz und vielleicht Ernsts Ahnung, dass er das schwierigste Jahr als Linken-Vorsitzender noch gar nicht hinter sich hat. "Die Wahlergebnisse des kommenden Jahres werden zum Maßstab für den Erfolg der Partei und ihrer Führung", sagte der Vize-Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag, Dietmar Bartsch, jüngst in einem Interview. Die Drohung darin hört jeder, der um das feine Netz der Feindschaften weiß, das sich über die Linke gelegt hat. Der Ost-West-Konflikt ist dabei nur einer der Konflikte, aber es gibt ihn. "Die überwältigende Mehrheit der Mitglieder und Funktionäre im Osten findet die neue Linke gut. Aber wir haben einige Leute, die sich nicht damit abfinden können, dass es jetzt nicht mehr die alte PDS gibt. Diese Leute haben durch die Fusion an Einfluss verloren", klagt Ernst.

Ernst will kämpfen - ganz klassisch

Am Küchentisch auf der Alm erzählt Ernst gerne von seiner Lehre als Elektromechaniker, Fachrichtung Elektronik, Ende der sechziger Jahre in München. "Spulen wickeln. Eins, zwei, aufwickeln, Tauchbad, Wusch." Den ganzen Tag. Ernst berichtet davon, wie er sich gewehrt habe, Jugendvertreter wurde und Gewerkschafter und schließlich zum einflussreichen Bezirksbevollmächtigten der IG Metall in Schweinfurt.

Ernst findet, dass er vom Kapitalismus aus eigener Anschauung mehr versteht, als mancher in seiner Partei, und mit vielem, was er dort hört, kann er wenig anfangen. Von der Strömung etwa, die ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert. "Das ist einfach Quatsch", sagt Ernst, weil "schwer finanzierbar und Gleichmacherei auf unterem Niveau". Ernst will lieber für höhere Löhne, Renten und Sozialleistungen kämpfen. Ganz klassisch.

In der Hütte wird es langsam duster, Ernst entzündet die Gaslichter. "Tapfer" werde er sich in der Partei zur Wehr setzen, verkündet er. Und, wenn man es recht versteht, nicht viel anders machen als bisher. Wenigstens mehr Unabhängigkeit zeigen vom alten Saarländer, wurde ihm geraten. Ernst aber denkt gar nicht daran, sich von Oskar Lafontaine, dem Gründungsvater, zu distanzieren. Lafontaine mache doch seinen Job sehr gut. "Wenn er in eine Talkshow geht, dann hat er eine hervorragende Wirkung. Wir wären bescheuert, würden wir das nicht nutzen. Wer Oskar in den Hintergrund drängt, will die Linke schwächen." Hier oben klingt das sehr entschlossen.

Ein paar Tage auf der Alm bleiben ihm noch. Dann muss er runter. In Berlin warten sie schon.

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