Ex-Diktator Gaddafi:Bunte Stoffe und ein Gewehr im Anschlag

Ein Sprecher der neuen libyschen Führung bezeichnet den Tod Gaddafis als "historischen Moment" - es sei das "Ende der Tyrannei und der Diktatur". Der Ex-Machthaber war schillernd und brutal zugleich. Mit eiserner Hand regierte er Libyen fast 42 Jahre lang - bis die Protestwelle des Arabischen Frühlings auch sein Land erreichte.

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Muammar al-Gaddafi

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Schrille Outfits und diktatorische Brutalität: So kannte die Welt Libyens gestürzten Machthaber Muammar al-Gaddafi. 1942 wurde er in der Wüstenregion Sirte geboren, seine Familie gehörte einem Beduinenstamm an. Als einziger Sohn und jüngstes von vier Kindern hatte er eine Schule besucht. Später studierte er Jura und besuchte eine Militärakademie in Bengasi. Sogar einen Kurs am British Army Staff College hatte er absolviert.

Muammar el Gaddafi

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1969 ergriff Gaddafi die Macht - im Alter von nur 27 Jahren. Damals noch ein Unbekannter, hatte er König Idris I. in einem unblutigen Putsch abgesetzt. Das Bild zeigt Gaddafi vier Monate nach seiner Machtübernahme während der Eröffnungssitzung der fünften Gipfelkonferenz der Arabischen Liga in Rabat.

Für sein Land hatte er sich eine neue Staatsform ausgedacht: die "Dschamahiriyya", der Massenstaat. Theoretisch sollte sie eine direkte Demokratie sein, in der 15.000 örtliche und regionale Volkskomitees die Staatsgewalt ausüben. Ministerien wurden pro forma abgeschafft. Faktisch lag jedoch alle Macht bei Gaddafi.

Muammar el Gaddafi

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Das Bild zeigt Gaddafi im August 1970. Offiziell war er seit 1979 kein Staatschef mehr. Er bezeichnete sich von nun an als Revolutionsführer und regierte das Land diktatorisch.

In seinem Grünen Buch hatte Gaddafi die Verschmelzung von Islam und Sozialismus versucht. Mit diesen Regeln herrschte er diktatorisch über Libyen - er selbst gab vor, das Land sei ein direkte Demokratie.

File photo of Libyan leader Gaddafi attending the opening session of the 12th African Union Summit in Addis Ababa

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Anfangs strebte Gaddafi eine arabische Einheit an. Er schloss fast ein Dutzend Unionsverträge mit den Nachbarn Ägypten und Tunesien, aber auch mit weiter entfernten Staaten wie Marokko oder Syrien ab. Doch kein anderer Staatschef wollte Gaddafis Führungsanspruch hinnehmen.

Der libysche Machthaber konzentrierte sich daraufhin stärker auf Afrika. Auf diesem Bild von 2009 ist Gaddafi bei der Eröffnung der 12. Gipfeltreffens der Afrikanischen Union zu sehen. Die Initative zur Gründung der Afrikanischen Union ging auf Gaddafi zurück. Nach Vorbild der Europäischen Union wurde der Zusammenschluss 2002 gebildet. Die Gründungsurkunde enthält Erklärungen zur Achtung der Menschenrechte und zur Souveränität der Mitgliedstaaten.

SOPHIA GADDAFI; KHAMIS GADDAFI; SAFIR ANAB GADDAFI; Saadi Gaddafi

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Im eigenen Land führte Gaddafi ein Familienrecht ein, das die Frauen besserstellte als in den meisten anderen arabischen Ländern. Libyerinnen konnten ihr Haar offen tragen, sie brauchten sich nicht zu verschleiern.

Gaddafi selbst war in zweiter Ehe mit der Krankenschwester Safia Farkash verheiratet. Mit ihr hat er sechs Söhne und eine Tochter. Sein ältester Sohn Mohammed Muammar stammt aus erster Ehe.

Bombenattentat auf die Disco La Belle, 1986

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Schnell wurde Gaddafi zum Feind des Westens. Der libysche Machthaber hatte jahrelang Bewegungen des internationalen Terrorismus unterstützt. Er gilt als Hauptverantwortlicher für den Anschlag, der 1986 auf die Diskothek "La Belle" in Berlin verübt wurde. Die Disco wurde überwiegend von amerikanischen Soldaten besucht. US-Präsident Ronald Reagan ließ daraufhin Gaddafis Hauptquartier in Tripolis bombardieren.

Weitere Anschläge sollen auf das Konto Gaddafis gehen: Eine amerikanische PanAm-Maschine, die über dem schottischen Lockerbie explodierte und der Absturz eines französischen UTA-Verkehrsflugzeugs über der Sahara. Die daraufhin erlassenen Sanktionen galten für mehr als ein Jahrzehnt.

TUNISIAN PRESIDENT BEN ALI  WELCOMES LIBYAN LEADER GADDAFI TO TUNIS

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In den achtziger Jahren wird Gaddafi mit Umsturzversuchen mehrerer afrikanischer Staaten in Verbindung gebracht. Tunesien hatte deshalb zwei Jahre lang die diplomatischen Beziehungen zu Libyen abgebrochen. 2000 begrüßte der damalige tunesische Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali Gaddafi in Tunis.

Gerhard Schröder und Muammar al-Gaddafi im Zelt in 2004

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Erst spät erfolgte die Öffnung Gaddafis zum Westen. Den Weg zurück zu internationaler Respektabilität bereitete er sich mit einem Verzicht auf Atomwaffen, obwohl er gar keine hatte, mit einer Milliarden-Entschädigung für die Angehörigen der Flugzeug-Attentate und Auslieferung zweier Verdächtiger. Zudem gab er nach 9/11 Informationen über islamistische Terrorgruppen an die Amerikaner weiter.

Mehrere westliche Politiker reisten ins ölreiche Libyen, um sich mit Gaddafi zu treffen. Gerhard Schröder wurde am 14. Oktober 2004 in Tripolis in einem traditionellen Zelt empfangen. Er ist der einzige Kanzler, der Gaddafi einen Besuch abstattete. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs im Januar war die Bundesrepublik nach Italien der zweitwichtigste Abnehmer für libysches Öl.

Silvio Berlusconi und Muammar al-Gaddafi

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Die einstige Kolonialmacht Libyens pflegte besonders enge Beziehungen zum Machthaber. 2008 entschädigte Italien die Libyer mit 3,4 Milliarden Euro für die Kolonialzeit. Noch 2009 unterzeichneten Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Muammar al-Gaddafi ein Freundschaftsabkommen. Berlusconi sprach von einer "echten und tiefen Freundschaft".

Das Bild zeigt die beiden im Palazzo Chigi, dem Sitz des italienischen Ministerpräsidenten, am 16. November 2009. Nach der UN-Resolution vom 19. März 2011 wurden aus den einstigen Verbündeten Gegner: Unter anderem von Sizilien aus startend griffen Kampfflugzeuge Gaddafis Militäreinrichtungen an und unterstützten damit den von ...

French president Sarkozy condemned Muammar Gaddafi?s 'irrespons

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... der Nato angeführten Krieg gegen das libysche Regime, an dem sich auch einige arabische Staaten beteiligten. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy erkannte als erster europäischer Staatschef den Übergangsrat der libyschen Rebellen an.

Vier Jahre zuvor hatten Sarkozy und Gaddafi vereinbart, militärisch und atomtechnisch zusammenzuarbeiten. Bei einem Treffen am 10. Dezember 2007 im Pariser Élysée-Palast unterzeichneten die beiden Verträge im Umfang von mehr als zehn Milliarden Euro.

Diplomatische Krise zwischen Libyen und Schweiz: Gaddafi-Sohn Hannibal

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Zu einer diplomatischen Krise zwischen der Schweiz und Libyen kam es wegen Gaddafis Sohn Hannibal. Dieser war mit seiner Frau 2008 in Genf verhaftet worden, weil sie eine Hausangestellte misshandelt haben sollen. Vater Gaddafi antwortete auf seine Weise und setzt in Libyen zwei Schweizer Geschäftsleute fest.

Libyan leader Gaddafi pretends to rip a charter as he addresses the 64th United Nations General Assembly at the U.N. headquarters in New York

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Für einen Eklat sorgte Gaddafi bei seiner ersten Rede vor der UN-Vollversammlung im September 2009. Er beschimpfte den Sicherheitsrat und bezeichnete die Politik der Vetomächte als inakzeptabel. Als Höhepunkt zerriss er die UN-Charta.

2010 wählte die UN-Vollversammlung zum Entsetzen von Menschenrechtsorganisationen Libyen in den Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen.

Libyan leader Muammar Gaddafi takes a seat before a news conference in a tent in Kiev

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Zwar führte Gaddafi Libyen zu mehr Reichtum, aber er bereicherte vor allem sich selbst und seine Familie mit den Ölmilliarden. Für üppige Auftritte war er bekannt, er pflegte lediglich bescheiden zu reisen.

Auch bei Staatsbesuchen hielt Gaddafi an seinen beduinischen Traditionen fest. Er reiste mit Schlafstätte und Tieren, wie hier bei einer Pressekonferenz in Kiew. Ein ganzer Hofstaat begleitete ihn auf seinen Reisen.

Muammar al-Gaddafi mit weiblichen Bodyguards

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Immer an seiner Seite waren schöne Frauen. Im August 2010 stieg er in Rom aus einem Flugzeug - mit an Bord waren Leibwächterinnen in Militärkluft. Aufwändig pflegte Gaddafi den Kult um seine Person, der ihm den Ruf des Exzentrikers einbrachte.

File photo of Libya's leader Gaddafi looking on during a news conference in Rome

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Auf sein Äußeres legte er großen Wert. Die Operationen an seinen Tränensäcken und dem Haupthaar waren streng geheim. Der Chirurg arbeitete mit medizinischem Personal aus dem Ausland - Gaddafi hatte Angst, von Libyern umgebracht zu werden. Sein Hang zur Ästhetik reichte sogar über sein Person hinaus.

ROCKET

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Mit "The Rocket" ließ er das angeblich sicherste Auto der Welt bauen. Mit libyschem Geld wurde der Wagen finanziert. Und für die "schönen Dinge im Leben" gab Gaddafi gerne Geld aus.

Libyen übernimmt Vorsitz der UN-Vollversammlung

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Zum 40. Jahrestag der Revolution 2009 spendierte Gaddafi ein pompöses Fest. Für die Finanzierung sollen 100.000 Barrel libysches Erdöl zusätzlich geflossen sein. Er veranstaltete eine Gala mit spanischen Flamenco-Tänzern, Bands aus Neuseeland, Reitershow, Militäraufzügen und Feuerwerk.

Libyan Rebels Sieze Control Of Tripoli From Gaddafi Forces

Quelle: Getty Images

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Gaddafi vergaß nie, die Libyer an seine Rolle bei der Revolution zu erinnern: Im ganzen Land waren überlebensgroße Bilder von Gaddafi zu sehen. Für die Mehrzahl der Libyer wurde Gaddafi wegen seiner Brutalität und seinem wachsenden Größenwahn in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr zur Hassfigur.

Employees of Libya's Embassy burn a portrait of Gaddafi in Buenos Aires

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Nachdem schließlich die Protestwelle des Arabischen Frühlings auch nach Libyen schwappte, entlud sich der Hass der Menschen vor allem an den Porträts Gaddafis. Auch im Ausland zeigten Exil-Libyer, was sie über den "Bruder Führer" denken: Angestellte der libyschen Botschaft in Buenos Aires verbrennen Ende August ein Porträt des längjährigen Machthabers.

Umgerechnet 1,2 Millionen Euro sollen von den Rebellen auf den Despoten ausgesetzt gewesen sein. Wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurd er auch vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag per Haftbefehl gesucht.

Libyan leader al-Gaddafi leans on the shoulders of Egyptian President Mubarak and President of Yemen Saleh during a photocall before the second Afro-Arab Summit in Sirte

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Vor nicht einmal einem Jahr hatten die Machthaber der arabischen Welt noch gut zu lachen. Am 10. Oktober 2010 eröffneten die arabisch-afrikanischen Staatschefs ein Gipfeltreffen in Libyen. Diktatoren unter sich: Gaddafi stütze sich auf die Schultern von Präsident Salih (li.) aus dem Jemen und dem Ägypter Hosni Mubarak. Salih wurde nach einem Raketenangriff auf seinen Palast in Saudi-Arabien behandelt und kämpft weiter ums politische Überleben; Mubarak wird zurzeit der Prozess im eigenen Land gemacht. Gaddafi war nach Tunesiens Ben Ali und Mubarak der dritte Langzeit-Regent, der mit dem Arabischen Frühling seine Macht abgeben musste.

Gaddafi soll angeblich auf der Flucht sein

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Kurz nach Beginn der Aufstände im Januar 2011 verblüffte Gaddafi mit einer skurrilen Videobotschaft, in der er mit einer Ohrenfellmütze auf dem Kopf und einem Regenschirm in einem alten Auto sitzend zu sehen war. Dieser Auftritt machte ihn zur Witzfigur im Internet.

Mehrere Audiobotschaften folgten, in denen Gaddafi erklärte, er werde bis zum "letzten Blutstropfen" für sein Land kämpfen und notfalls den "Märtyrertod" sterben. 

File photo of Gaddafi gesturing from a car in Tripoli

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Die im Februar friedlich gestarteten Demonstrationen wurden von Gaddafis Streitkräften blutig niedergeschlagen. Die USA, Großbritannien und Frankreich begannen daraufhin im März mit Luftangriffen auf Libyen. Noch im April zeigte Gaddafi sich in Siegerpose. Im August eroberten die Rebellen die Hauptstadt Tripolis, von Gaddafi fehlte seither jede Spur. In Form des Nationalen Übergangsrates übernahmen die Rebellen die Regierung Libyens.

Men hold a cartoon of Libyan leader Muammar Gaddafi in Benghazi to celebrate the entry of rebel fighters into Tripoli.

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Bis zum 20. Oktober. Der frühere libysche Machthaber wurde nach Angaben von Informationsminister Mahmud Schammam bei den Kämpfen in seiner Geburtsstadt Sirte getötet. Er berief sich dabei auf Kämpfer, die den Leichnam gesehen hätten. "Wir verkünden der Welt, dass Gaddafi durch die Hände der Revolution getötet wurde", erklärte der Sprecher der neuen libyschen Führung, Abdel Hafes Ghoga. "Das ist ein historischer Moment, es ist das Ende der Tyrannei und der Diktatur", fügte er hinzu.

© sueddeutsche.de/maza
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