bedeckt München 18°

Libanon:Der Botschafter in Deutschland soll Regierungschef werden

Der designierte neue libanesische Regierungschef Mustapha Adib besucht ein schwer von der Explosion getroffenes Viertel in Beirut.

(Foto: AFP)

Mustapha Adib ist für viele Landsleute in Libanon ein Unbekannter. In der Protestbewegung wird befürchtet, Adib sei nur ein neues Gesicht für das alte System.

Von Moritz Baumstieger

Seinen 48. Geburtstag feierte Mustapha Adib an diesem Sonntag nicht in der aus der Gründerzeit stammenden Villa Garbáty in Berlin-Pankow, in der die libanesischen Botschafter in Deutschland seit 2005 ihren Sitz haben. Mustapha Adib, der den Zedernstaat seit 2013 in der Bundesrepublik vertritt, war am Samstag heimberufen worden. Handyfotos vom Beiruter Flughafen zeigen ihn am Einreiseschalter, in der linken Hand Pass und Papiere, in der Rechten das Smartphone. Adib trug Jeans und Steppweste, kariertes Hemd, legere Reisekleidung.

Den Grund für Adibs spontanen Flug in die Heimat kannten zu diesem Zeitpunkt nur wenige. Erst einen Tag später, in den Abendstunden von Adibs Geburtstag, sickerte in Beirut durch, dass der Botschafter seinen Lebensmittelpunkt wohl bald dauerhaft in die Heimat verlagern dürfte: Ein einflussreiches Gremium früherer Premiers hatte ihn als nächsten Regierungschef auserkoren, am Montag dann empfahl ihn die Mehrheit des Parlamentsabgeordneten für das Amt. Bevor sich Adib nach der Abstimmung daran machte, sein Kabinett zusammenzustellen, besuchte er zerstörte Viertel nahe Beiruts Hafen. Eine kurze Fahrt nur, vor der sich aber sein Vorgänger oder etwa der Staatspräsident bis heute gedrückt haben.

Der Lebenslauf des sunnitischen Muslims Mustapha Adib legt den Schluss nahe, dass die vereinten Ex-Premiers bei ihrer Kandidatensuche eine gute Wahl getroffen haben, Kollegen schwärmen jedenfalls. "Ein Gentleman, respektvoll und respektiert", sagt ein libanesischer Spitzendiplomat der SZ. Adib sei einerseits mit den Details der Materie vertraut, andererseits ein gewiefter Politiker. Dies könnte daran liegen, dass Adib das Metier sowohl aus der theoretischen Betrachtung als auch aus der Nahdistanz kennt: Er lehrte Verfassungs- und internationales Recht an Universitäten in Beirut und Montpellier in Frankreich und folgte von 2004 an dem Politiker Najib Mikati durch dessen Karriere: erst als Berater, als der Multimillionär Transportminister wurde, später als dessen Kabinettschef, nachdem Mikati ins Amt des Premiers gewechselt war.

Ein neues Gesicht für das alte System?

Den Grand Serail, den Regierungssitz, kennt Adib also genau. Er weiß, wo Fallgruben lauern könnten, aus welcher Ecke Intrigen zu erwarten sind, in welchen Bereichen all die Millionen versickern, die Libanon schon vor der Explosion an allen Ecken fehlten. Für die Libanesen ist der Vater von fünf Kindern jedoch ein Unbekannter: "Mustapha wer?" war Sonntagabend eine der häufigsten Reaktionen, als Adibs Name zu zirkulieren begann. Bald wurde Adib dann jedoch mit seinem Vorgänger verglichen, dem glücklosen Hassan Diab, der eine Woche nach der Explosion nach nur sechs Monaten im Amt den Rücktritt eingereicht hatte. Auch er hatte unter Najib Mikati einige politische Erfahrung gesammelt, auch er war ein parteiloser Akademiker, den niemand auf dem Zettel hatte, bis er plötzlich Premier war.

Der Zeitpunkt von Adibs Nominierung jedenfalls ist gut gewählt: Am Montag schwebte Frankreichs Präsident in Beirut ein, der bei seinem letzten Besuch unmittelbar nach der Explosion im harschen Ton mit der politischen Klasse abgerechnet und vergangene Woche dann eine Art "Roadmap" für Reformen vorgelegt hatte. In Beirut besuchte Emmanuel Macron zuerst die Sängerlegende Fairouz, pflanzte dann eine Zeder. Als er später Präsident Michel Aoun traf, konnte der ihm zumindest den Namen des Mannes präsentieren, der den Wiederaufbau Beiruts und den Umbau des Staates verantworten soll.

Die Protestbewegung, die schon vor der Explosion im Beiruter Hafen den Abgang der gesamten politischen Klasse forderte, zweifelt jedoch daran, dass sich unter Mustapha Adib grundlegend etwas ändern werde. Viele sehen in ihm nur ein neues Gesicht für das alte System. Oder, wie es ein User auf Twitter formulierte: Adib, das sei doch auch nicht viel mehr als ein Anagramm des Namens seines Vorgängers, Diab.

© SZ vom 01.09.2020
Zur SZ-Startseite
Port of Beirut, 1925-1935, gelatin silver developing-out paper. Jorge Abud Chami Collection, courtesy of the Arab Image Foundation, Beirut

SZ PlusBeiruts Kulturszene
:Stadt der Zukunft

Nach der verheerenden Explosion in Beirut schwanken die libanesischen Künstler zwischen Apathie und Aufbruch. Kann die Welt von ihnen lernen?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB