Landtagswahl in Saarbrücken:Wie die CDU die Sozialdemokraten so klar ausstechen konnte

Das rote Beben ging auch am Saarland nicht vorüber, doch Ministerpräsidentin Kramp-Karrenbauer war zu stark. Die rückt jetzt in die Reihe der mutmaßlichen Merkel-Erben auf.

Von Susanne Höll und Gianna Niewel, Saarbrücken

Kurz nach 18 Uhr, als die Prognose für die Union zu sehen ist, bebt in der Luminanz-Halle in Saarbrücken der Boden. Dort treffen sich am Wahlabend die Christdemokraten, viele waren mit einem flauen Gefühl in das umgebaute alte Häuschen am Bahnhof gekommen, das nun eine sogenannte event location ist, in der man ansonsten heiratet oder Modeschauen inszeniert.

Das flaue Gefühl schlug sich in bangen Fragen nieder: Wird die CDU nach 18 Jahren die Macht verlieren, muss die von allen Saar-Schwarzen so verehrte Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer gehen? Der SPD-Höhenflug hatte die Christdemokraten natürlich verunsichert. Einer, der nicht ganz unmaßgeblich ist in der Landespartei, hatte die Chancen der CDU in einer bangen Stunde unlängst gerade noch auf 40 Prozent geschätzt. Und so stöhnte kurz vor 18 Uhr ein Parteimitglied aus Saarbrücken an einem der Stehtische in der Luminanz-Halle: "Es ist die Hölle. Es wird wahrscheinlich ganz, ganz knapp."

Als aber die erste Prognose an die weiße Wand gebeamt wird, geht ein Schrei durch den Raum. 200 Leute reißen die Fäuste in die Luft, andere liegen sich in den Armen. Geschafft. Die Christdemokraten legen zu, die SPD kann ihr Ergebnis nur in etwa halten. Kein Martin-Schulz-Effekt an der Saar, Kramp-Karrenbauer rettet die Bundeskanzlerin, jedenfalls erst einmal, Landesmutter schlägt den vermeintlichen Polit-Magier aus dem Bund. Der Applaus schwillt noch einmal an, als die Prognose ein Aus für die Grünen verheißt. Das AfD-Ergebnis wird mit Buh-Rufen kommentiert. Die Saarländer sind gute Europäer und gute Demokraten. Das im Vergleich zu den allgemeinen Erwartungen magere SPD-Resultat wird ohne Schadenfreude hingenommen. Mit den Sozialdemokraten muss man voraussichtlich weitere fünf Jahre zusammen regieren.

Saarland Holds State Elections

"Flirtereien mit Rot-Rot, das kommt in diesem Land nicht gut an": So erklärt Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer ihren Sieg.

(Foto: Thomas Lohnes/Getty)

Bei denen ist die Stimmung natürlich alles anders als gelöst. Sie waren eigentlich zum Jubeln in die Congresshalle von Saarbrücken gekommen. Doch dann die ersten Prognosen: 41 Prozent für die CDU. 29,5 Prozent für die SPD, 13 Prozent für die Linke. Das reicht nicht für einen Regierungswechsel an der Saar. Der Saal ist so still, man kann hören, wie sie hinter der Theke die Bierflaschen öffnen. Ein Mann mit rotem Einstecktuch zu schwarzem Anzug sagt: "Wenn man bedenkt, wo wir angefangen haben."

Tatsächlich waren die Sozialdemokraten an der Saar noch Anfang des Jahres in Umfragen bei gerade einmal 24 Prozent. Die Wiederwahl von Annegret Kramp-Karrenbauer schien ganz sicher zu sein. Dann setzte Spitzenkandidatin Anke Rehlinger auf soziale Gerechtigkeit. Die Kitagebühren schrittweise abschaffen, G 9 wieder anbieten, sie sprach von der "Würde der Arbeit" und einem "vernünftigen Rentensystem". Die Umfragewerte stiegen. Martin Schulz verkündete seine Kanzlerkandidatur. Die Werte stiegen weiter. Der Mann mit dem roten Einstecktuch sagt: "Wir waren mal bei 34 Prozent." Er klingt stolz und enttäuscht gleichermaßen.

Reactions on Saarland state elections in Saarbruecken

Sie konnte nicht von dem viel beschworenen Schulz-Effekt profitieren: die SPD-Herausforderin Anke Rehlinger.

(Foto: Kai Pfaffenbach/Reuters)

"Haben die Leute wirklich keine anderen Probleme?"

Am späten Abend wird klar: Es reicht tatsächlich nicht für ein Bündnis aus SPD und Linkspartei, damit bleiben vor allem den Christdemokraten etliche Herausforderungen erspart. Kramp-Karrenbauer, die unangefochtene Spitzenfrau der Partei, hatte angekündigt, nur als Ministerpräsidentin in der Landespolitik zu bleiben.

Das meinte sie auch zuletzt ernst - und nicht nur am Jahresanfang, als sie als nahezu unschlagbar galt: Äußerst populär daheim, die große Koalition, die sie jetzt nur noch geschäftsführend anführt, war und ist die erklärte Lieblingskonstellation der Saarländer. Kramp-Karrenbauer, 54 Jahre alt, verheiratet und Mutter dreier inzwischen erwachsener Kinder, sei die beliebteste CDU-Politikerin des Saarlands, sagen auch die SPD-Leute.

Dass sie es in den vergangenen zwei Monaten mit zwei SPD-Herausforderern zu tun haben würde, hatte sie indes nicht geahnt. Mit der sozialdemokratischen Spitzenkandidatin Anke Rehlinger, so kalkulierte die CDU am Jahreswechsel, werde man irgendwie fertig. Schließlich ist die Ministerpräsidentin weitaus bekannter und beliebter als ihre bisherige Stellvertreterin und Wirtschaftsministerin. Nerven behalten, Haltung demonstrieren, lauteten die inoffiziellen schwarzen Wahlkampfslogans. Kramp-Karrenbauer warf ihr gesamtes Ansehen und ihre große Errungenschaft, den neuen, für das Saarland von 2020 an vorteilhaften Bund-Länder-Finanzausgleich, in die Waagschale. Das funktionierte nicht schlecht. Aber nur bis zu jenem Moment, als Martin Schulz auf die bundesdeutsche politische Bühne trat.

Dieses rote Beben ging natürlich auch am Saarland nicht vorbei. Der SPD-Kanzlerkandidat schenkte der Landespartei und damit auch Rehlinger Glanz. Die 40-jährige Juristin, Mutter eines Schulkindes und ebenso wie Kramp-Karrenbauer sachlich, bodenständig und allürenfrei, nahm diese Hilfe dankbar in Kauf. Auch wenn es ihr ab und an Geduld abforderte. War Schulz im Saarland, interessierte sich kaum ein Mensch für das, was Rehlinger zu sagen hatte. Alles drängte sich um den Kanzlerkandidaten.

Doch nun ist die andere, ist Annegret Kramp-Karrenbauer die Königin des Abends. Dass sie maßgeblich für das Spitzenergebnis verantwortlich ist, sagt jeder aus der CDU. Schon früher einmal hatten ihre Anhänger sie als Nachfolgerin für Merkel ins Gespräch gebracht. Sie selbst hatte das damals auf die ihr eigene, trocken-spröde Art kommentiert mit Sätzen wie: "Haben die Leute wirklich keine anderen Probleme?" Jetzt, nach einem solchen Erfolg, wird sie in die Reihe der mutmaßlichen Merkel-Erben aufrücken. Wie man Kramp-Karrenbauer kennt, wird ihr das keine Freude, sondern Last sein.

© SZ vom 27.03.2017
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