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Lafontaine über Blüms neues Buch:"Miteigentum der Arbeitnehmer"

Blüm wäre nicht Blüm, wenn er als Schüler Nell-Breunings den Stellenwert der "ehrlichen Arbeit" nicht mit der christlichen Soziallehre begründen würde. Diese stellt die Arbeit ausdrücklich über das Kapital. Zum Beleg zitiert Blüm die Enzyklika "Laborem exercens" die Papst Johannes Paul II. 1981 veröffentlichte: "Alle Produktionsmittel von den primitivsten bis zu den ultramodernen sind nach und nach vom Menschen erarbeitet worden, von seiner Erfahrung und Intelligenz." Wenn vom Menschen die Rede ist, dann dachte Johannes Paul II. sicher nicht an die heutigen Besitzer der Produktionsmittel, sondern an die Millionen, die mit ihrer Arbeit die Produktionsanlagen und den Wohlstand geschaffen haben.

Aber was folgt daraus?

"Die Verteilung des Eigentums in unserer globalisierten Gegenwart, sowohl hierzulande als auch weltweit, ist der schärfste Angriff auf das Privateigentum, seit anno 1848 Karl Marx das kommunistische Manifest verkündet hat. Wenn die 358 reichsten Familien der Welt mehr als die Hälfte des Weltvermögens besitzen, ist das ein Anschlag auf die Institution des Privateigentums. Wenn Eigentum für alle auch Freiheit für alle bedeutet, dann ist Eigentum für wenige die Unfreiheit der vielen." Bravo, und was machen wir jetzt?

Blüm schlägt ein "Miteigentum der Arbeitnehmer" vor, um die von der christlichen Soziallehre geforderte Bindung an die Arbeit zu erreichen. Vor der letzten Konsequenz schreckt er aber ebenso wie die beiden christlichen Kirchen in Deutschland zurück. "Die christliche Soziallehre verteidigt auch das Privateigentum, aber in sozialer Bindung."

Ein Wandel allein der Eigentumsform, schreibt er, ändere noch lange nicht die Gesellschaft, weder zum Guten noch zum Schlechten. Die Welt habe erlebt, dass der Wandel von Privateigentum in Staatseigentum keineswegs den versprochenen Himmel auf Erden herbeigeführt hat. Andererseits heile auch das Privateigentum nicht alle Wunden, die einer Gesellschaft geschlagen werden. Ja, es reiße sogar neue auf, wenn die Eigentumsverteilung ungerecht sei.

Wir brauchen eine neue Eigentumsform

Wenn Staatseigentum nicht der Weisheit letzter Schluss ist, welche Lösung bietet sich an? Wäre Blüm mutig, dann kehrte er zur Lehre der Gründerväter des Liberalismus, John Locke oder Adam Smith, zurück. Sie forderten: Das Eigentum muss dem gehören, der es geschaffen hat.

"Ehrliche Arbeit" muss nicht nur gut bezahlt werden, sondern auch bei der Eigentumsverteilung zu ihrem Recht kommen. Wir leben in einer Gesellschaft, in der man reich wird, indem man andere für sich arbeiten lässt. Eigentum und Vermögen, das gemeinsam erarbeitet wird, kann aber nicht, wie es unsere heutige Wirtschafts- und Rechtsordnung immer noch vorsieht, Einzelnen zugeteilt werden.

Wir brauchen eine neue Eigentumsform, das Belegschaftseigentum. Es ist nicht veräußerbar und wird von Belegschaft zu Belegschaft statt von Firmenerbe zu Firmenerbe vererbt. Die so entstehende neue Unternehmensverfassung stößt das Tor zu einer wirklich freien und demokratischen Gesellschaft auf, die den Feudalismus in der Wirtschaft endlich hinter sich lässt.

Norbert Blüm: Ehrliche Arbeit. Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011. 318 Seiten, 19.99 Euro.

Oskar Lafontaine war Kanzlerkandidat der SPD und SPD-Parteichef. Seit 2009 führt er die Links-Fraktion im saarländischen Landtag. Bis Mai 2010 war er auch Parteivorsitzender der Linken.

© SZ vom 16.05.2011

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